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Indonesien Der Terror kehrt zurück

17.07.2009 ·  Eigentlich galten die Terroristen der „Jemaah Islamiyah“ als zerschlagen. Doch nach dem Doppelanschlag von Jakarta fürchten viele ein Wiedererwachen des Terrorismus, der die größte muslimische Nation der Welt jahrelang in Atem gehalten hatte.

Von Jochen Buchsteiner, Jakarta
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Verloren flattern die Gardinen aus der Öffnung, in der einmal ein Fenster steckte. Dahinter baumeln die Schirme der Deckenlampen zerbeult im Wind. Das von der Explosion herausgerissene Verbundglas hängt wie ein nasses Handtuch über einem Trümmerbalken. Es zeigt nach außen, in Richtung Straße, was darauf hindeutet, dass die Bombe im Inneren des Cafes detoniert ist.

Das „Cafe Airlangga“ zählte zu den nobelsten Orten der Stadt. Es gehörte zum Ritz-Carlton, des selbst im Luxushotel-verwöhnten Jakarta eine Sonderrolle spielt. Auch an diesem Freitagmorgen hatten sich hier wieder Diplomaten und Geschäftsleute zum Frühstück verabredet. Ein neuseeländischer Zement-Unternehmer soll sich unter den neun Todesopfern befinden.

Erinnerung an blutige Terror-Jahre

Eine Reihe weiterer Ausländer sind getötet worden; die australische Botschaft meldete zwei Mitarbeiter als vermisst. Ein Polizeibeamter vor dem Hotel meint sogar von 14 Toten zu wissen.

Es war kurz nach halb acht am Morgen, als die erste Bombe detonierte. Sie wurde vermutlich in der Lobby des Marriott-Hotels gezündet, das nur einige Meter vom Ritz entfernt steht. Wenige Augenblicke später lag dann das „Airlangga“ in Trümmern. Mehr als fünfzig Verletzte wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht.

Am Mittag bot sich vor den beiden Hotels ein Bild, das an vergangene Zeiten erinnerte. Die schwarzen Fahrzeuge der „Gegana“, der Bombenspezialisten, säumten die Straßenränder, dazwischen die organgefarbenen „Inafis“-Fahrzeuge mit den Sonderheiten für die Identifikation von Bombenopfern. In den blutigen Terror-Jahren, die endlich vorbei schienen, hatte Indonesien eine ganze Armada von Spezialisten-Teams aufgebaut.

Islamistische Splittergruppen unterwegs

Die Anschläge treffen die Indonesier völlig unvorbereitet. Terrorismus schien ein Alptraum vergangener Tage zu sein. Während der Präsidentschaftswahlen, die erst in der vergangenen Woche friedlich zuende gegangen waren, hatte das Thema nicht einmal mehr eine Rolle gespielt.

Die „Jemaah Islamiyah“ galt als „zerschlagen“, auch wenn Fachleute immer wieder warnten, dass sich kleinere Gruppen abgespalten hätten und weiter im Untergrund tätig seien. Auch war bekannt, dass der malaysische Bombenbauer Nurdin Mohamed Top, eine Schlüsselfigur der JI, noch nicht gefasst war. Aber nach fast vier Jahren Ruhe traute man der Organisation nichts mehr zu. Nicht einmal die gelegentlichen Meldungen über Festnahmen sowie sichergestellte Waffen und Bombenmaterial fanden noch größere Aufmerksamkeit.

Nun meinen manche, das Wiedererwachen des Terrorismus zu erleben. „Der Anschlag zeigt, dass die JI wieder da ist“, sagt der Terrorfachmann Rohan Gunaratna. Die Sicherheitsbehörden seien „überrascht“ worden, nachdem es mit dem Ende der Wahlen so etwas wie eine heimliche Entwarnung geben hatte.

Erinnerungen an Bali

Jahrelang hatte sie die größte muslimische Nation der Welt in Atem gehalten. Noch bei den letzten Präsidentschaftswahlen von 2004 war der Terrorismus ein prägendes Thema gewesen. Der verheerende Bombenanschlag von Bali, mit dem sich Indonesien auf die internationale Landkarte des Terrorismus katapultiert hatte, lag damals nicht einmal zwei Jahre zurück.

Gefolgt waren zwei weitere Selbstmordanschläge in der Hauptstadt Jakarta - der erste traf das selbe Marriott-Hotel, der zweite die australische Botschaft -, und ein Ende schien nicht in Sicht. Dass der bis dahin eher unbekannte General a.D. Susilo Bambang Yudhoyono die Wahlen von 2004 gewinnen konnte, lag auch auch daran, dass der amtierende Präsidentin Megawati Sukarnoputri nicht mehr zugetraut wurde, die Lage noch in den Griff zu bekommen.

Zunächst schien sich unter Yudhoyno nicht viel zu ändern. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt, im Oktober 2005, schlug die Jemaah Islamiyah abermals zu. Wieder traf es das indonesische Tourismuszentrum Bali, wo sich Selbstmordattentäter in mehreren Strandrestaurants in die Luft sprengten. Die Sicherheitsfachleute wirkten ratlos. Dutzende JI-Mitglieder waren festgenommen und zum Teil auch schon verurteilt worden, aber die Drahtzieher und Chefplaner waren weiterhin frei.

Schlussstrich unter eine Ära?

Erst in den Monaten danach gelangen der Polizei die entscheidenden Durchbrüche. Mit Unterstützung australischer Ermittlungsexperten fanden sie das Versteck des malaysischen Chef-Bomben-Planers Azahari bin-Hussin. Bei einer Razzia nahe der ostjavanischen Stadt Malang töteten sie ihn. Danach gingen der Polizei immer mehr Terroristen ins Netz, unter ihnen auch Abu Dujana, der den flüchtigen Nurdin Top als JI-Anführer ersetzt hatte. Als im Oktober vergangenen Jahres die drei Haupttäter des Balianschlages von 2002 ohne nennenswerte Proteste hingerichtet wurden, wirkte dies wie ein entschlossener Schlussstrich unter eine Ära, die endlich vergessen werden sollte.

Warum jetzt wieder? Wo kommen die Täter her? Und wo ist der Anlass? Das sind die Fragen, die in Jakarta gestellt werden. Jene politischen Angelegenheiten, die religiöse Gefühle hätten entzünden oder aufheizen können, waren doch gerade erst geklärt worden - in Kompromissform zwar, aber durchaus zugunsten der Fundamentalisten.

Im vergangenen Sommer hatte die Regierung den zunächst schwelenden, schließlich tobenden Streit um die islamische Sekte Ahmadiyah beigelegt. Der konservative Klerus erreichte immerhin, dass der abweichlerischen Sekte staatlich verboten wurde, ihre Lehre zu verbreiten. Erlaubt blieb ihr nur noch, sich zum Gebet zu versammeln. Auch die Debatte um das „Pornographie-Gesetz“ verlief eher im Sinne der Religiösen. Trotz breiter Proteste verabschiedete das Parlament den Entwurf, wenn auch in einer abgeschwächten Form.

Anschläge im Stolz der Stadt

Die beiden getroffenen Hotels stehen in einem Gebiet, das der ganze Stolz der Stadt ist. „Mega Kuningan“ heißt das Viertel, das als Keimzelle eines modernen Jakartas entwickelt wurde. Hier präsentiert sich die ansonsten chaotische und ungeplante Hauptstadt wie ein Versprechen: Mit seinen Glaspalästen und Parks, seinen breiten Bürgersteigen und Straßenrestaurants will Mega Kuningan mit Singapur mithalten.

Der Ort wäre daher gut gewählt, hätte ein weiterer Anschlag auf die indonesische Moderne verübt werden sollen, auf westliche Anmutung und Kommerz. In den Straßen Jakartas wird aber auch darüber spekuliert, ob der Anschlag einem anderen, persönlicheren Ziel galt. „Das ist nicht die Handschrift der Jemaah Islamiyah“, meint ein Taxifahrer, der vor dem zerstörten Ritz die Rede des Präsidenten im Autoradio verfolgt. „Dahinter stecken Leute, die unserem Präsidenten die Wiederwahl nicht gönnen.“

Tatsächlich handelt es sich auf den ersten Blick um keinen typischen Anschlag der JI. Zwar detonierten, wie schon oft, mehrere Bomben auf einmal, aber in früheren Jahren waren die JI-Terroristen meistens mit sprengstoffbeladenen Autos an ihre Ziele herangefahren und hatten sich dann vor den Objekten in die Luft gesprengt. Diesmal sind die Täter weniger grob zu Werke gegangen. Die Sprengsätze waren kleiner und wurden in die Hotels hineingeschmuggelt; noch im Laufe des Tages fand die Polizei im Marriott eine Bombe auf Zimmer 1808 und entschärfte sie.

Hotelgast offenbar an Anschlägen beteiligt

Offenbar war mindestens ein Gast an den Anschlägen beteiligt, vermuteten die Behörden am Freitag. Manche spekulieren, dass die Täter Kontakt zum Hotelpersonal gehabt haben müssen, weil anders kaum erklärbar ist, dass die Bomben die strengen Sicherheitsüberprüfungen an den Zugängen haben passieren können. Ob dies allerdings wirklich gegen eine Täterschaft der JI spricht, ist fraglich. Auch Terroristen gehen mit der Zeit - der Anschlag auf das „Taj Mahal“ in Bombay dient dafür als Lehrstück.

Am Abend steckten hinter den Messingbuchstaben des Ritz-Carlton, die auf einer großen schwarzen Marmorplatte vor der Lobby angebracht sind, weiße Rosen. Daneben hatte eine indonesische Jugendorganisation kleine Schilder aufgehängt, auf denen nur vier Worte standen: „Bomben gegen die Menschlichkeit“. Soviel ist sicher.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.

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