09.09.2004 · Nach dem Anschlag in Jakarta: Australien blickt seit Jahren mit Sorge auf die Radikalisierung der Muslime in Indonesien. Wieder soll die Gruppe Jemaah Islamiah hinter dem Terror stecken.
Von Jochen BuchsteinerNoch will der indonesische Polizeichef Bachtiar keine Aussage darüber wagen, ob der Sprengstoff in einem Auto vorgefahren wurde oder auf zwei Motorrädern. Auch weiß er nicht, ob er ferngezündet wurde, oder ob sich ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt hat. Eines aber hält der Polizeichef schon wenige Stunden nach der Explosion für erwiesen: Der Anschlag vor der australischen Botschaft in Jakarta trägt ein weiteres Mal die Handschrift der Jemaah Islamiah (JI) - jener Terrorgruppe, die für einen südostasiatischen Islamstaat kämpft, der Indonesien, Malaysia sowie den Süden Thailands und der Philippinen umfassen soll.
Ein Jahr ist es her, daß im selben Viertel der indonesischen Hauptstadt eine Bombe vor dem Marriott-Hotel detonierte. Damals kamen zwölf Menschen um, unter ihnen der Selbstmordattentäter der JI. Bis auf einen holländischen Bankier befanden sich nur Indonesier unter den Opfern. Auch am Donnerstag traf der Anschlag hauptsächlich Einheimische: Passanten, Mopedfahrer, Wachpersonal. Terrorfachleute rätseln, ob die Islamisten ihre Ziele schlicht verfehlen, oder ob sie bereit sind, "falsche Opfer" in Kauf zu nehmen.
Vages Bild von "Ungläubigen"
Ins internationale Bewußtsein bombte sich die Jemaah Islamiah im Oktober 2002, als sie vor zwei Nachtklubs auf Bali Bomben zündete, die über 200 Menschen in den Tod rissen, unter ihnen 88 australische Touristen. Bei ihren Vernehmungen bereuten einige Attentäter, daß auch Landsleute bei dem Anschlag getötet wurden, rechtfertigten das aber im Dienst der höheren Sache. Ihr Ziel war es, "Ungläubige" zu beseitigen, und Differenzierung war ihnen fremd. Aus dem Polizeiprotokoll geht hervor, daß sie nur ein sehr vages Bild von den Unterschieden der "orang putih" hatten, wie die Weißen in Indonesien traditionell genannt werden. Für die Ungebildeten unter ihnen kamen alle irgendwie aus dem großen Amerika, und die Australier waren gewissermaßen die nächsten Amerikaner.
Seit längerem betrachten die Australier die Entwicklung des indonesischen Islams mit Sorge. Schon in den frühen neunziger Jahren machte Außenminister Evans darauf aufmerksam, daß die Radikalisierung der Muslime auch die australische Sicherheit gefährde. Die seit Mitte der neunziger Jahre regierenden Konservativen haben die Wachsamkeit weiter erhöht. Premierminister Howard intensivierte die Polizeikooperation mit den indonesischen Behörden. Bei vielen Festnahmen von JI-Mitgliedern - dreißig bis vierzig sitzen in indonesischen Gefängnissen oder sind schon verurteilt - halfen australische Spezialisten.
Anwalt nationaler Sicherheitsinteressen
Die Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus hat Howard zum Hauptthema seiner zweiten Amtszeit gemacht. Wie der amerikanische Präsident Bush, dem er nach dem 11. September 2001 spontan beisprang und durch alle Kriege treu begleitete, will sich auch Howard als starker Mann wiederwählen lassen, als kompromißloser Anwalt nationaler Sicherheitsinteressen. In vier Wochen öffnen die Wahllokale in Australien, und kaum etwas dürfte Howards Kampagne stärker befeuern als der Anschlag auf seine Diplomaten. Die Rauchwolken in Jakarta waren noch nicht verzogen, da saß der australische Außenminister Downer mit neun Bombenfachleuten im Flugzeug dorthin.
Unklar ist, wie der Anschlag die Präsidentenwahl in Indonesien am 20. September beeinflußen wird. Die Amtsinhaberin, Megawati Sukarnoputri zeigte sich am Tatort bestürzt und ließ ihren Außenminister Wirajuda zur Zusammenarbeit zwischen Behörden und Bevölkerung aufrufen: "Diese Terroristen sind unser aller Feinde." Auch Megawatis Herausforderer Susilo Bambang Yudhoyono verurteilte den Anschlag. Als früherer General wird ihm naturgemäß ein härteres Durchgreifen zugetraut. Andererseits wissen zumindest die politisch aufgeklärten Wählerschichten, daß "SBY" als langjähriger Sicherheitsminister der Präsidentin für den Kurs der Regierung mitverantwortlich ist.
Antragauf Freilassung abgelehnt
Die drei schlimmsten Terroranschläge in der indonesischen Geschichte fallen in Megawatis Amtszeit. Zugleich hatten die Sicherheitsbehörden unter ihr die größten Fahndungserfolge. Nicht nur viele Handlanger wurden gefaßt, auch Drahtzieher sitzen ein - wenngleich der operationelle Führer der Bewegung, der Al-Qaida-Kontaktmann Hambali, in Thailand festgenommen wurde. Auch Abu Bakar Bashir, der mutmaßliche Führer der Jemaah Islamiah, ist in indonesischer Haft.
Erst vor wenigen Tagen lehnte ein Gericht in Jakarta einen Antrag seiner Anwälte auf Freilassung ab. Die Entscheidung der Richter war mit großer Aufmerksamkeit verfolgt worden. Sie galt als erster prominenter Testfall für die Auslegung eines kürzlich ergangenen Verfassungsgerichtsurteils, nach dem viele Terroristen auf einer zweifelhaften Rechtsgrundlage verurteilt worden waren. Das kurz nach dem Bali-Anschlag verabschiedete Antiterrorgesetz, hieß es in der Begründung, dürfe nur auf jene Verdächtigen angewendet werden, die sich nach seiner Einführung schuldig gemacht hätten. Im Falle Baschirs reichen die Beweise nach Auffassung der Staatsanwaltschaft unabhängig vom Inhalt des Antiterrorgesetzes aus.
Schwindende Sympathie
Auch wenn in den vergangenen Jahren beträchtliche Teile des JI-Netzes unschädlich gemacht werden konnten, scheint die Terrorgruppe weiter Anschläge verüben zu können. Die indonesischen Behörden weisen vor allem auf die Bedeutung des malaysischen JI-Bombenbauers Azahari Husin hin, der bis heute nicht gefaßt werden konnte. Gleichwohl kann der Anschlag vom Donnerstag nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich die Ausgangslage für die Terroristen verschlechtert hat.
In den zurückliegenden Monaten wurde über neue Anschlagspläne spekuliert. Die großen Hotels Jakartas sowie die von Ausländern besuchten Einkaufszentren und Klubs sind streng bewacht. Der tiefe Krater vor der weiträumig abgesicherten Botschaft Australiens zeigt auch die Grenzen der JI auf. Die Terroristen kommen an ihre Ziele nicht mehr nahe heran.
Vor allem aber schwindet die Sympathie, von der sie profitieren konnten. Radikalislamistische Parteien verlieren im mehrheitlich muslimischen Indonesien an Zustimmung. Bei den Parlamentswahlen im Frühjahr blieben sie deutlich unter zehn Prozent. Bei den anschließenden Präsidentenwahlen schnitt der einzige Semi-Radikale, der Muslimpolitiker Hamzah Haz, am schlechtesten ab. Wenn die Indonesier in zehn Tagen in einer Stichwahl über ihren nächsten Präsidenten abstimmen, dürfen sie sich zwischen zwei aufgeklärten Politikern entscheiden, die religiösem Fanatismus fernstehen und den Glauben als Privatsache betrachten. Das Thema Terror hatte in diesem Wahlkampf eine eher untergeordnete Rolle gespielt.
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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