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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Indischer Slum Ravi Dass Der Fluch der Bestie

 ·  Die brutalen Vergewaltiger von Delhi lebten in dem Slum Ravi Dass. Dessen Bewohner wehren sich dagegen, dass ihre Heimat als Brutstätte zügelloser Gewalt beschrieben wird.

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© Michael Radunski Kaum Chancen auf Aufstieg: Arbeiter in einer der Gassen von Ravi Dass

Zu Ram Singh?“, fragt Surij und wiegt dabei herausfordernd seinen Kopf hin und her. Ram Singh - diesen Namen kennt inzwischen fast jeder in Indien. Er gilt als der mutmaßliche Anführer jener sechs Männer, die am 16. Dezember eine 23 Jahre alte Inderin in einem Bus mehrfach vergewaltigt und mit einer Eisenstange brutal malträtiert haben, und sie so schwer verletzten, dass sie später ihren Verletzungen erlag. Viele nennen Ram Singh nur noch „die Bestie“ und fordern für ihn die Todesstrafe. 33 Jahre ist Ram Singh alt. Ursprünglich kommt er aus dem indischen Bundesstaat Rajasthan, doch seit einigen Jahren lebt er in Delhi, im Slum Ravi Dass.

Auch Surij kennt Ram Singh. Nicht aus der Zeitung wie die meisten Inder. Surij kennt Ram Singh persönlich. „Natürlich kenne ich ihn, schon lange. Hier kennt jeder jeden.“ Surij ist 15 Jahre alt. Und wie der mutmaßliche Täter lebt auch er in Ravi Dass, direkt in der Gasse neben Ram Singhs Bleibe, weniger als zehn Meter entfernt.

Östlich von Ravi Dass liegt der exklusive Bezirk Vasant Vihar, von dem es 2010 hieß, die dortigen Mieten gehörten zu den höchsten der Welt. Östlich befindet sich der angesagte Künstlerbezirk Hauz Khas - beide sind Ikonen einer aufstrebenden Weltmacht, an deren boomender Wirtschaft die neue Mittelschicht von zirka 400 Millionen Indern teilhaben kann. Zwischen diesen beiden Stadtteilen Delhis liegt wie eingezwängt der Slum Ravi Dass, mitten im Stadtteil Rama Krishna Puram. 500 bis 600 Menschen sollen in Ravi Dass hausen, so genau kann das niemand sagen. Sie gehören zu den Verlierern des indischen Aufstiegs genauso wie rund 800 Millionen ihrer Landsleute, die wegen grassierender Korruption, Vetternwirtschaft und einem archaischen Kastenwesen nicht oder nur in sehr geringem Maße an Indiens Aufstieg teilhaben.

Fleiß, harte Arbeit und Bildung reichen nicht aus in Indien

„Hier entlang,“ ruft Surij und biegt in eine schmale Gasse, keine zwei Meter breit. Die Behausungen der Slumbewohner sind keine Zelte oder Bretterbuden, wie man sie aus Slums in Afrika, Südamerika und auch aus Indien kennt. Die Menschen von Ravi Dass leben in mannshohen Verschlägen aus Stein und Lehm. Die Wände sind allesamt bunt bemalt und leuchten in kräftigen Farben: türkis und lila, manche hellblau, einige gelb. „Einige von uns arbeiten als Maler. Wenn mal etwas Farbe übrig bleibt, nehmen wir sie mit nach Hause und bemalen damit unser Häuser“, sagt Surij. An der Tür einer türkisfarbenen Hütte steht in orangen, grünen und gelben Buchstaben „Happy Diwali“. Diwali ist das „Fest der Lichter“, das in Indien immer im November gefeiert wird. Den Hütteneingang versperrt graues Wellblech; auf dem Dach stehen ein paar schwarze Herrenschuhe, daneben ein grauer Blechtopf, auf dem Dach der Nachbarhütte liegen in der Sonne ausgebreitet braune Hosen, schwarze und grüne T-Shirts, ein grauer Wischmopp. Surij dreht sich um und fragt: „Accha lagta hai, hai na?“ „Sieht gut aus hier, oder?“

Eigentlich kann Surij Englisch. „Ich gehe zur Schule, jeden Tag“, sagt er stolz. Durch Bildung erhofft er sich eine bessere Zukunft. Aber heute will Surij nicht Englisch sprechen, heute nicht und auch nicht in den folgenden Tagen. Zu viele Fremde würden sich derzeit in Ravi Dass rumtreiben, sagt er zur Begründung. Vor allem Journalisten. Die sprächen nur Englisch und stellten ausschließlich Fragen über Ram Singh und dessen Bruder Mukesh, deren Komplizen und das Verbrechen. Das normale Leben in Ravi Dass interessiere kaum jemanden, sagt Surij. Und egal welche Antworten man gebe, am nächsten Tag bekomme man doch wieder nur zu hören, dass in Ravi Dass die Bestien Indiens leben. „Wer will das schon über sein Zuhause lesen?“

Surij wirkt nicht wie eine Bestie. Er erzählt, dass er später einmal zur Armee wolle. Der Junge streckt den Rücken durch und imitiert den militärischen Gruß. Ob er zur Luftwaffe wolle? Große Plakate an den Straßen Delhis werben für sie. Surij schüttelt den Kopf. Das gehe leider nicht. Dafür brauche man Geld. Aller Fleiß, harte Arbeit und Bildung reichen nicht aus in Indien, dessen Gesellschaft durchzogen ist von den unsichtbaren, aber unüberwindbaren Grenzen des Kastenwesens. Das Lachen ist aus Surijs Gesicht verschwunden. Von einem Augenblick auf den anderen hat die harte Wirklichkeit den Jungen aus seinen Zukunftsträumen gerissen. „Nur weil wir arm sind, sind wir doch keine Verbrecher“, sagt Surij.

„Diese Verbrecher sollten aufgehängt werden“

Auch Rinku ist dieser Meinung. „Ich lebe gerne hier. Ich bin sogar stolz darauf, in Ravi Dass zu wohnen.“ Rinku ist 27 Jahre alt. Er war 18 Monate alt, als seine Eltern entschieden, den Bundesstaat Uttar Pradesh zu verlassen, um nach Delhi zu gehen. Und Delhi bedeutete für die arme Familie Ravi Dass. Noch immer teilen sich seine Eltern, seine drei Brüder, seine Schwester und er ein Zimmer. „Wir haben auch noch eine kleine Küche.“ Ein Luxus in Ravi Dass. Rinku steht vor einer hellblauen Steinbude, die genauso hoch ist wie er selbst. Er hat kurzes schwarzes Haar, trägt einen schwarzen Jogginganzug, dazu dunkelbraune Ledersandalen. Socken trägt er keine, obwohl die Temperaturen bei nur fünf Grad liegen. „Ravi Dass ist ein guter Ort, und wir sind gute Leute“, sagt er. Die meisten Bewohner von Ravi Dass hätten einen Job, wenn auch meist keine festen Verträge. Sie arbeiten tageweise, helfen aus, wo immer billige Arbeitskraft benötigt wird. Ihre Muskelkraft ist es, die Indiens Wachstum möglich macht.

Die Männer des Slums bauen Häuser und Straßen, sie schleppen Steine. Die Frauen putzen in den Wohnungen der umliegenden Bezirke oder kochen an einem der vielen Imbissstände. „Wir versuchen, unser Geld auf ehrliche Weise zu verdienen.“ Rinku arbeitet in einem Fitnessstudio. In welchem, will er nicht sagen. Auch Vinay Sharma wohnt hier in Ravi Dass, auch er arbeitete wie Rinku in einem Fitnessstudio in Delhi. Doch seit einigen Wochen sitzt Sharma in Untersuchungshaft zusammen mit den anderen der Vergewaltigung Beschuldigten. Rinku runzelt die Stirn, hebt den Zeigefinger seiner rechten Hand und sagt: „Ich bin schockiert darüber, was passiert ist. Das ist schrecklich. Aber wir sind nicht alle so.“ Rinku wird plötzlich wütend. „Hören Sie, auch ich verurteile diese Tat. Diese Verbrecher sollten aufgehängt werden.“

Rinkus Wut ist die gleiche Wut, die die indische Mittelschicht gepackt hat. Seit Wochen demonstrieren sie vor dem Gericht und vor dem indischen Parlament. Sie fordern schnellere Gerichtsverfahren, härtere Strafen, ein Umdenken in der indischen Gesellschaft. Rinku hat bisher nicht an den Protesten teilgenommen. „Das würde ich gerne, aber ich fürchte, ich gehöre dort nicht hin.“ Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Was meinen Sie, was los wäre, wenn jemand dort erfahren würde, dass ich in Ravi Dass lebe?“

Sie brachen die Schule ab, um der Familie zu helfen

Die Menschen in Ravi Dass sind verunsichert, viele auch verärgert. Die meisten wollen nicht reden. Sie wenden sich ab, verschwinden in den engen Gassen des Slums. Sie befürchten, in die Nähe der Verbrecher gerückt, vor allem mit Leuten wie Ram Singh über einen Kamm geschoren zu werden. Er sei der Anführer gewesen, sagt Rinku. Von ihm sei die grausame Bluttat ausgegangen. Maßgeblich beteiligt sei noch sein Bruder Mukesh gewesen, aber die anderen seien nur durch Zufall dabei gewesen Ram Singh, Mukesh sowie Vinay Sharma und Pawan Gupta - vier der sechs mutmaßlichen Vergewaltiger kommen aus Ravi Dass. „Vinay und Pawan hatten das nicht geplant. Sie hatten an jenem Abend nichts zu tun und sind einfach mitgegangen.“

Ram Singh und sein Bruder Mukesh waren Anfang der neunziger Jahre aus dem Bundesstaat Rajasthan nach Delhi gezogen. Sie brachen die Schule ab, um zusammen mit ihren beiden Brüdern der Familie beim Geldverdienen zu helfen. Sie übernahmen Hilfsarbeiten beim Haus- und Straßenbau, bis sie schließlich Busfahrer wurden. Zu jener Zeit soll sich Ram in eine Frau verliebt haben, eine Mutter von drei Kindern. Sie verließen Delhi, um sich anderswo ein neues Leben aufzubauen. Als vor drei Jahren die Frau starb, kehrte Ram zurück nach Ravi Dass in die Hütte seiner Eltern. „Als Ram zurückkam, hatte er sich völlig verändert. Er trank viel, war häufig schlecht gelaunt und immer bereit, zuzuschlagen“, erzählt Rinku.

Jedes Gespräch dreht sich um das brutale Verbrechen

Surij biegt rechts in die nächste schmale Gasse ein. Unter den Türen der Steinhütten fließt ein kleines Rinnsal Wasser hindurch und sammelt sich in einem offenen Kanal rechts neben der Gasse. Das Wasser schimmert grau, weiß-gelber Schaum schwimmt auf der Oberfläche, ein beißender Geruch steigt in die Nase. Frisches fließendes Wasser gibt es hier nicht. „Wenn wir Wasser haben wollen, müssen wir mit einem Kanister an die nächste Straßenecke gehen. Dort gibt es einen Wasserhahn.“ Ein Wasserhahn für 600 Menschen. Leitungswasser in Indien kann man aber nicht trinken, doch die Menschen in Ravi Dass haben keine Wahl. Sie müssen mit dem Wasser kochen, waschen, putzen, spülen - und sie müssen es trinken.

Surij zeigt plötzlich auf ein kleines Häuschen. Es fällt auf, denn es ist nicht so bunt angemalt wie die anderen Hütten, und es hat kein einziges Fenster. „Das ist unsere Schule“, sagt Surij. Hier unterrichtet die 17 Jahre alte Poonam. Ihre schulterlangen schwarzen Haare hat sie zu einem Zopf gebunden. Sie trägt eine blaue Jeanshose, darüber ein grünes Gewand. Die Wände des Klassenzimmers sind kahl und schmutzig. Durch die Ritze zwischen Wand und Wellblechdach bläst der kalte Wind. Von der Decke hängt eine kleine Glühbirne an einem weißen Stromkabel und spendet ein wenig Licht.

In der hinteren Ecke des kleinen Raumes sitzen auf einer Holzpritsche vier Kinder, drei Jungen und ein Mädchen. Sie tragen dunkle Jogginghosen, dicke Pullover mit Kapuze oder haben eine Mütze auf dem Kopf. Sie sind zwischen drei und vier Jahre alt, erzählt Poonam. Jeden Tag werden sie hier unterrichtet, morgens und nachmittags für je eineinhalb Stunden. Poonam ist keine Lehrerin, sie geht selbst noch zur Schule, in die 12. Klasse. „Das hier mache ich für die Kinder, und weil es mir Spaß macht.“ Vielleicht werde sie später einmal eine richtige Lehrerin, sagt Poonam und lächelt. Unterrichtet werden grundlegende Dinge wie Zählen von eins bis vier. Dann senkt Poonam den Kopf, blickt auf den staubigen Lehmboden und sagt: „Es ist sehr traurig, was passiert ist. Aber das hier, die Schule, die Kinder, all das sind wir.“ Jedes Gespräch dreht sich unweigerlich um das brutale Verbrechen vom 16. Dezember und den Tod der vergewaltigten jungen Frau.

Mit einer Zitrone und sieben Chilischoten

Indische Frauen haben es schwer in der Gesellschaft, ihnen ist eine untergeordnete Rolle zugewiesen. Die Männer behandeln sie oft wie Freiwild, sie begrabschen und belästigen sie, Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung. Von „eve-teasing“ ist dann verniedlichend die Rede, als würden es im Garten Eden passieren und nicht in der überfüllten U-Bahn oder einer dunklen Seitenstraße. Es impliziert aber auch, dass die Frauen selbst schuld daran tragen, wenn Männer sie betatschen und über sie herfallen. Nur selten müssen Vergewaltiger in Indien harte Strafen befürchten. Poonam hat es doppelt schwer, nämlich als Frau und als Mitglied einer niedrigen Kaste. Ob sich jetzt, nach den vielen Protesten etwas ändern wird, weiß sie nicht. Allerdings gewinnt die Debatte in Indien über die Rechte der Frauen und den Umgang mit Vergewaltigungen an Schärfe. Es geht um Todesstrafe und Zwangskastration. Poonam möchte eigentlich nichts dazu sagen, nur soviel: „Ich hoffe, die Täter bekommen ihre gerechte Strafe.“

„Hier ist es“, sagt Surij und zeigt auf einen schmalen Durchgang, keine dreißig Zentimeter breit. „Hier hat Ram Singh gewohnt.“ Doch der schmale Zugang zur Hütte ist verbarrikadiert. Die Eingangstür wurde mit Brettern zugenagelt und zusätzlich mit einer Eisenkette samt Vorhängeschloss verriegelt. Das habe die Polizei gemacht, erzählt Surij. Als Sicherheitsmaßnahme. Vor einigen Tagen sei ein Mann nach Ravi Dass gekommen und habe versucht, Ram Singhs Hütte in die Luft zu sprengen.

An den braunen Holzbrettern vor Ram Singhs Verschlag hat vor wenigen Tagen jemand eine kleine gelbe Zitrone und sieben grüne Chilischoten aufgehängt. Wer das war, weiß Surij nicht. Aber sie weiß, was es bedeutet: Es soll die bösen Geister aus Ravi Dass vertreiben.

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