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Indisch-pakistanische Beziehungen Krishnas Lächeln

11.08.2011 ·  Die vergangenen Wochen dufteten nach Neuanfang in den indisch-pakistanischen Beziehungen. Doch hinter dem schönen Schein verbirgt sich eine triste Realität. Der Ausgang des stillen Stellvertreterkrieges auf afghanischem Boden ist offen.

Von Jochen Buchsteiner
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Als Hina Rabbani Khar, Pakistans schöne neue Außenministerin, neulich ihren indischen Amtskollegen Krishna anlächelte und der diese ungeheuerliche Regung öffentlich erwiderte, begannen manche für einen Moment zu träumen: Warum nicht immer so? Könnten die beiden benachbarten Atomwaffenstaaten nicht so miteinander verkehren wie Deutschland und Österreich oder Holland und Belgien, nicht gänzlich unbelastet, aber doch friedlich und mit Verständnis füreinander?

Die vergangenen Wochen dufteten nach Neuanfang. Als die indische Finanzmetropole Bombay Mitte Juli abermals von Terroranschlägen erschüttert wurde, hielt sich Delhi unerwartet zurück. Keine offizielle Anklage, nicht einmal ein Finger wurde gegen Pakistan erhoben. Stattdessen liefen die Friedensgespräche nach Plan weiter. Bei der ersten Begegnung auf Außenministerebene seit einem Jahr wirkte der 79 Jahre alte Krishna so angetan von Frau Khar, dass sich der indische Kabarettist Gursimran Khamba schon fragte, ob der gleich ihre Rede ablesen und Kaschmir als integralen Bestandteil Pakistans bezeichnen würde.

Beide Regierungen wollen gerade keinen Ärger

Ganz so weit kam es nicht, aber die gewählten Worte von der „neuen Ära“ (Khar) und vom „richtigen Pfad“ (Krishna) standen schon auffällig in Kontrast zum Zustand der Beziehungen. Wenn derzeit beide Seiten Freundlichkeiten austauschen – und sogar ein paar vertrauensbildende Maßnahmen für Kaschmir verabredeten –, liegt das vor allem daran, dass beide Regierungen gerade keinen Ärger gebrauchen können. Der indische Ministerpräsident Singh ist mit den Korruptionsskandalen in seiner Kongresspartei vollauf beschäftigt, während die Regierung in Islamabad einen erbitterten Streit mit ihrem größten Geldgeber, den Vereinigten Staaten, führt.

In der Sache hat sich zwischen Indien und Pakistan nicht viel verändert. In beiden Staaten dominieren die gleichen Interessen und im wesentlichen die gleichen Akteure. Delhi bleibt beunruhigt über die Entwicklungen im Nachbarland, dessen 160 Millionen Muslime sich galoppierend radikalisieren. Die Führung in Islamabad wiederum wähnt sich weiterhin einem Nachbarn gegenüber, der Pakistan systematisch zu destabilisieren trachtet.

Streitpunkt Taliban

Was sich verschieben – oder verbreitern – könnte, ist der Austragungsort der Rivalitäten. Zwar ist die zwischen beiden Ländern umstrittene Provinz Kaschmir alles andere als befriedet, und weder die anhaltenden Terroristen-Infiltrationen Pakistans noch die grobe Besatzungsattitüde Indiens tragen dazu bei, dass sich dies ändert. Aber während es in Kaschmir vermutlich noch lange bei einem prekären Patt bleiben wird, ist der Ausgang des stillen Stellvertreterkrieges auf afghanischem Boden offen.

Armee und Regierung in Pakistan setzen derzeit alles daran, den begonnenen Rückzug der internationalen Schutztruppe zu ihren Gunsten zu nutzen und im Nachbarland wieder eine freundlich gesonnene Regierung zu installieren. Je größer der Einfluss der Taliban, so die Logik, desto besser ist dies für Pakistan, das die Aufständischen, wenn nicht lenkt, so doch unterstützt. Delhi wiederum fürchtet, dass eine Machtbeteiligung der afghanischen Taliban die regionale Stabilität weiter gefährden würde. Deren Rückkehr nach Kabul könnte auch in Pakistan den Extremismus befeuern und zu einem Umsturz führen. Sollten fanatische Gruppen wie die „Tehrik-e-Taliban“ Einfluss in Islamabad gewinnen, müsste Indien nicht nur mit neuen Anschlägen rechnen, sondern mit Krieg.

Pakistan bleibt das Problem

Frau Khars modernes Auftreten mit dem lässig getragenen Kopftuch und der übergroßen Jane-Birkin-Handtasche sollten einen nicht in die Irre führen. Sie entstammt der alten feudalistischen Machtelite, die Pakistan seit der Staatsgründung ausbeutet und mit fortschreitendem Tempo politisch wie moralisch zugrunde richtet. Mit Kritik an den Strukturen ist die Karrierepolitikerin bisher nicht aufgefallen – auch nicht an dem Doppelspiel, das Politiker und Offiziere seit Jahren mit ihren Extremisten spielen und das längst in blutigen Ernst übergegangen ist. Die tägliche Gewalt in Pakistan steht der im Kriegsland Afghanistan kaum noch nach und droht das politische System langsam unter sich zu begraben; allein in der „Wirtschaftsmetropole“ Karachi sind seit Januar mehr als tausend Menschen ums Leben gekommen.

Pakistan bleibt, um es im Diplomatenjargon zu sagen, das Problem und nicht die Lösung. Diese Sichtweise hat sich auch in Washington durchgesetzt. Wie tief das Vertrauen in Islamabad gesunken ist, zeigte sich in der unilateralen Vorbereitung auf den 2. Mai. „Keine Nanosekunde“ hätte Pakistan die Operation Bin Ladin geheim halten können, hieß es unter Obamas Beratern, die vom jüngsten „New Yorker“ zitiert werden.

Indien könnte die Hauptlast in der Region bald wieder tragen

Washington hat inzwischen einen Teil seiner Militärunterstützung eingefroren und verlangt Gegenleistungen, allen voran überprüfbare Anstrengungen im Kampf gegen den Extremismus. Dies geschieht aus Verzweiflung über die Wirkungslosigkeit unkonditionierter Hilfen, aber auch aus Einsicht in die neue Knappheit der Mittel. Es könnte gut sein, dass der Höhepunkt amerikanischen Engagements nicht nur in Afghanistan, sondern auch in Pakistan überschritten ist.

Indien jedenfalls rechnet damit, bald wieder die Hauptlast in der Region zu tragen, die mit Bin Ladins Tod nicht friedlicher geworden ist. Offene Konfrontation führt da nicht weiter. Eher wird Delhi versuchen, den fortschreitenden Niedergang Pakistans so zu moderieren, dass er nicht allzu schnell in eine unmittelbare Bedrohung umschlägt. Krishnas Lächeln ist dafür ein erster kleiner Einsatz.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.

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