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Indien : Wo Vergewaltigungen alltäglich sind

Demonstranten protestieren nach der Gruppenvergewaltigung von fünf Aktivistinnen am 23. Juni im Osten Indiens. Bild: AFP

Indien wird mittlerweile als das gefährlichste Land der Welt für Frauen eingestuft. Teils wird sexueller Missbrauch sogar als politische Waffe eingesetzt. So auch vor ein paar Tagen.

          Die Hoffnung, dass sich die Situation für Frauen in Indien verbessert haben könnte, wurde vor ein paar Tagen zerschlagen. Denn da wurde ein besonders übler Fall von Massenvergewaltigung gemeldet. Medienberichten zufolge waren in einem abgelegenen Winkel des ostindischen Bundesstaat Jharkhand fünf Frauen verschleppt und vergewaltigt worden.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die Tat erregte auch deshalb viel Aufsehen, weil es sich bei den Opfern um christliche Aktivistinnen gehandelt hatte, die sich gegen Menschenhandel mit Kindern und Frauen in dem Gebiet engagiert hatten. Sie waren nach der Aufführung eines Theaterstücks in einer Schule von bewaffneten Entführern in einen Wald gefahren und dort missbraucht worden.

          Dieses jüngste Ereignis von brutaler Gewalt gegen Frauen in Indien hat dem Land noch einmal vor Augen geführt, welche Übergriffe dem weiblichen Teil der Bevölkerung dort drohen. Wie eine neue Umfrage zeigt, wird Indien mittlerweile als das gefährlichste Land für Frauen weltweit eingestuft. Die Untersuchung der Thomson-Reuters-Stiftung sieht den südasiatischen Subkontinent in dieser unrühmlichen Liste sogar noch vor Kriegsgebieten wie Afghanistan und Syrien. Die Studie basiert auf der Befragung von 550 Fachleuten für Frauenrechte. Das einzige westliche Land auf einem der vorderen Negativränge ist Amerika. Die Vereinigten Staaten werden auf Platz zehn der Liste eingestuft.

          Zwangsverheiratung und Steinigung

          Laut der Studie müssen Frauen in Indien in besonderem Maße mit sexueller Gewalt, Sklavenarbeit und Menschenhandel rechnen. Zudem seien archaische Traditionen wie Zwangsverheiratung, Steinigung und die gezielte Abtreibung von weiblichen Föten weiter stark verbreitet. Die prekäre Situation habe sich demnach auch nicht grundlegend geändert, seitdem die brutale Gruppenvergewaltigung einer Studentin in Delhi im Jahr 2012 für einen Aufschrei in Indien wie im Ausland gesorgt hatte.

          Allein im Jahr 2016 seien in Indien insgesamt 40.000 Vergewaltigungen gemeldet worden, berichtet die Stiftung. Zwischen den Jahren 2007 und 2016 habe die Zahl der Verbrechen gegenüber Frauen um mehr als 80 Prozent zugenommen. Die Leiterin einer nationalen Frauenkommission begründete diesen Anstieg unter anderem damit, dass heute mehr Fälle zur Anzeige gebracht würden.

          Aber auch in der indischen Presse finden sich mittlerweile fast täglich Berichte von sexuellen Übergriffen, Vergewaltigungen und Massenvergewaltigungen von Frauen und Kindern. Die Stiftung berichtet außerdem, wie indische Frauen im Alltag mit Belästigungen leben müssten. So beschreibt sie etwa den Fall der 28 Jahre alten Kanika Johri in Delhi, die aufgrund der wiederholten Übergriffe ihren Arbeitsplatz aufgegeben hatte. „Erst musst Du Dich auf der Straße, im Bus und in der U-Bahn mit diesen Widerlingen herumschlagen ...Dann geht im Büro der Albtraum weiter: zweideutige Botschaften, Augenzwinkern, ausgiebige Umarmungen. Es war einfach zu viel“, sagt die junge Frau.

          Kultur des Verschweigens

          Als sich ihr in einem überfüllten Bus ein Mann in besonders unangenehmer Weise genähert hatte, brach sie zusammen. „Ich erstarrte und die Tränen liefen mir unkontrolliert die Wangen hinunter.“ In der von Männern und dem Kastensystem geprägten Gesellschaft Indiens werde ein derartiges Verhalten allerdings häufig immer noch als spielerisches Flirten verharmlost. Gerade am Arbeitsplatz gebe es in Indien zudem eine Kultur des Verschweigens.

          Dabei hat die globale #MeToo-Kampagne auch in Indien Reaktionen ausgelöst. Mehr Inderinnen trauen sich seither, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Aber dies betrifft vor allem privilegierte Schauspielerinnen in Bollywood und die gebildete Mittel- und Oberschicht in den Großstädten. In den ländlichen Gebieten kommt es weiter zu einer Vielzahl von teilweise grauenerregenden Taten.

          Bewohner beratschlagen sich im Dorf Chochang nach der Entführung und Vergewaltigung der fünf Aktivistinnen.

          Manchmal wird sexueller Missbrauch dabei sogar als politische Waffe eingesetzt. So hatte vor einigen Wochen der Fall der mehrfachen Vergewaltigung eines acht Jahre alten Mädchens im Bundesstaat Jammu und Kaschmir für Entsetzen gesorgt. Das Mädchen war als Angehörige eines muslimischen Nomadenstamms von radikalen Hindus entführt, misshandelt und getötet worden. Die Täter wollten die Nomaden dazu bringen, sich aus ihrem Siedlungsgebiet zurückzuziehen.

          Und so scheint auch der Fall der fünf vergewaltigten Aktivistinnen in Jharkhand einen speziellen Hintergrund zu haben. Die Behörden vermuten die Täter in einer politischen Gruppe, die sich gegen äußere Einflüsse in der von indigenen Stämmen bewohnten Gegend richtet und die auch Verbindungen zu kommunistischen Rebellen unterhält. Die Frauen sollten demnach dafür bestraft werden, dass sie sich als Ortsfremde in die lokalen Belange eingemischt hatten.

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