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Indien Singhs halbfertiges Werk

16.08.2011 ·  Als Indien vor 20 Jahren am Abgrund stand, riss Manmohan Singh das Ruder herum. Der damalige Finanzminister setzte mutig Reformen durch. Inzwischen ist Singh längst Ministerpräsident. Doch Asiens drittgrößte Volkswirtschaft vermisst seinen Aufbruchswillen.

Von Christoph Hein
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Für den indischen Ministerpräsidenten ist es Routine: Zum achten Mal kam Manmohan Singh jetzt die Ehre zu, am Nationalfeiertag die Flagge der größten Demokratie der Welt auf den Überresten des Roten Forts in der Hauptstadt Delhi zu entfalten. Indien feierte am Montag seinen 65. Unabhängigkeitstag. Die Erinnerungen gehen zurück an Pandit Nehru, der am 15. August 1947 an derselben Stelle die Fahne aufzog. Singh, der 14. Ministerpräsident des Subkontinents, ist allerdings für seine ganz eigene Großtat bekannt: In diesem Sommer vor 20 Jahren wagte er es, als damaliger Finanzminister unter Ministerpräsident Narasimha Rao das Land wirtschaftlich zu öffnen.

„1991 war das Jahr, als Indiens Berliner Mauer fiel. Die Wirtschaftsreformen schufen ein neues Indien und ließen eine ganz neue Art von Indern heranreifen“, sagt Tarun Das, einer der großen alten Männer der indischen Industrie. Es war das Jahr, in dem die stolzen Inder gezwungen waren, 47 Tonnen Gold zur Bank of England nach London ausfliegen zu lassen, um sie als Sicherheit für sonst versiegende Kredite zu hinterlegen. Die Auslandsreserven des riesigen Landes deckten nur noch die Einfuhren für zwei Wochen.

In seiner Haushaltsansprache in jenem Sommer kündigte Singh an, die Rupie abzuwerten, das Quoten- und Lizenzsystem für die Industrie abzuschaffen und erste Wirtschaftszweige für Auslandsinvestoren zu öffnen. Gemeinsam mit Rao setzte er Indien auf die Spur in den globalen Kapitalismus. Wirtschaftshistoriker messen dem Sommer 1991 in Indien dieselbe Bedeutung zu wie dem Winter 1978 für China, als die Kommunisten die Volksrepublik wirtschaftlich öffneten. Mit Singhs Weckruf ließen die Inder den von Nehru geprägten Sozialismus hinter sich. Die Gründer von Software-Unternehmen wie Infosys, die damals in Schuppen entstanden, konnten endlich ihre Computer einführen.

Der Korruptionssumpf quillt an die Oberfläche

Ein paar Zahlen und Vergleiche genügen, um die Größe des bis heute Erreichten zu verdeutlichen: 1991 hatte Indien weniger als 10 Millionen Telefonanschlüsse – inzwischen verfügt das Land schon über 862 Millionen Mobilfunknutzer. Damals flogen von indischen Flughäfen 10 Millionen Menschen jährlich ab – in diesem Jahr dürften es rund 125 Millionen Fluggäste werden. Lag das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 1991 bei 433 Milliarden Dollar, so hat es sich bis heute auf 1,6 Billionen Dollar fast vervierfacht. Das Pro-Kopf-Einkommen ist in den zwei Dekaden von 300 auf 1500 Dollar gestiegen, die Armutsrate von 45 auf 32 Prozent gesunken. Heute gilt die indische Küche von Frankfurt bis New York als Versuchung für Feinschmecker, schmelzen Herzen bei Bollywood-Filmen in der Schweiz wie in Kanada, füllen indische Manager beim Weltwirtschaftsforum in Davos die Säle, gehen indische Unternehmen auf globale Einkaufstour. Vor diesem Hintergrund interpretieren die Inder die Übernahme der britischen Automobilmarken Jaguar und Land Rover durch die indische Tata-Gruppe für 2,3 Milliarden Dollar 2008 als letzte Stufe der Befreiung von den einstigen Kolonialherren.

Doch Singh muss aufpassen, seinen eigenen Ruhm nicht zu verspielen. Seit Monaten verliert er an Reputation, weil der Korruptionssumpf des Landes immer offensichtlicher an die Oberfläche quillt und die Regierung wie gelähmt wirkt. Obwohl die Sozialausgaben unter seiner Regierung um ein Drittel auf gut 7,5 Prozent des BIP angehoben wurden, obwohl Singh weitere Unterstützungssysteme für die arme Landbevölkerung sowie das Recht auf Bildung einführte, bleiben gerade die Armen zurück. Immer noch sind vier von zehn Kindern in Indien unterernährt. 100 Superreiche stehen dagegen für ein Fünftel der Wirtschaftsleistung Indiens. Ohne Bestechung erhalten die Armen keine Schulbildung und kein Bett im Krankenhaus. Fällt der Monsun schwach aus, bekommen ganze Bevölkerungsgruppen nicht ausreichend zu essen. Ohne Subventionen würde das Leben in Indien über Nacht zusammenbrechen.

Auf der Indexskala der Weltbank, die die Hürden für die Eröffnung eines Geschäftes misst, dümpelt Asiens drittgrößte Volkswirtschaft abgeschlagen auf Rang 130 von 183 Ländern. Der Ausbau der Infrastruktur geht voran, bleibt aber immer weiter hinter den Versprechen und dem Notwendigen zurück. Und auch die in den vergangenen Jahren gebetsmühlenartig wiederholte Prophezeiung einer zweistelligen Wachstumsrate erfüllt sich nicht: Indien dürfte in diesem Jahr weniger als 8 Prozent erzielen. Zweistellig ist nur die Inflationsrate – und schließt damit weite Teile der Inder vom Genuss des wirtschaftlichen Erfolges aus.

Für Singh also ist das Jubiläum, das die Regierung verschämt verschweigt, ein Anlass zur Selbstprüfung: Was ist aus dem mutigen und reformwilligen einstigen Finanzminister geworden? Besitzt er noch die Kraft, in Indien eine neue Welle der Entwicklung anzustoßen? Sie müsste sich auch der Landwirtschaft widmen, deren Wachstumsrate von 2,8 auf rund 4 Prozent jährlich gesteigert werden muss. Weite Teile der Bevölkerung zweifeln daran. Es ist an der Zeit, dass Singh seine eigene Rede vor dem Parlament Ende Juli 1991 Revue passieren lässt. In Anlehnung an Victor Hugo sagte er damals: „Keine Macht der Erde kann eine Idee aufhalten, deren Zeit gekommen ist. Ich möchte diesem Haus nahelegen, dass der Aufstieg Indiens zu einer führenden Wirtschaftsmacht eine solche Idee sein wird.“

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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