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Indien Plötzlich reagiert die Justiz ganz schnell

 ·  Schon am Donnerstag soll die Anklageschrift gegen die Peiniger der Studentin vorgelegt werden. Meist dauert so etwas Jahre. Die Debatte über Frauenrechte wird schärfer.

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© AFP Vergrößern Für die Würde: Demonstrantinnen auf dem Weg zum Gandhi-Mahnmal

Der Mittwoch war ein kalter, nebliger Wintertag in Delhi. Vielleicht hat auch das Wetter dazu beigetragen, dass sich nur einige hundert Menschen zum Jantar Mantar aufmachten, dem Demonstrationsplatz um die alte Sternwarte in der indischen Hauptstadt. Diejenigen, die dort waren, wollten weiter kämpfen gegen die Unterdrückung der Frauen in Indien. Und auch wenn der Druck der Straße nachlässt, gewinnt die Debatte über die Rechte der Frauen und den Umgang mit Vergewaltigungen in Indien an Schärfe. Die Medien, vor allem die Fernsehsender, kennen weiterhin nur ein Thema.

Großbritannien hat aufgrund der Demonstrationen, bei denen es in der vergangenen Woche zu gewalttätigen Zusammenstößen mit der Polizei kam, eine Reisewarnung für Delhi herausgegeben. „Vermeiden Sie das Stadtzentrum, bis die Lage klarer wird und vermeiden Sie alle Demonstrationen, die einen gewaltsamen Verlauf nehmen können“, heißt es auf der Internetseite. Die Amerikaner hatten am Wochenende noch eine ähnliche Warnung gegeben, sie aber inzwischen wieder zurückgezogen: „Die großen Demonstrationen haben nachgelassen“, heißt es nun. Die Proteste waren ausgelöst worden durch die brutale Gruppenvergewaltigung einer 23 Jahre alten Inderin in einem fahrenden Bus. Sie erlag ihren Verletzungen, ihr Körper wurde inzwischen im Feuer bestattet.

Am Mittwoch war bekannt geworden, dass die sechs Täter wohl planten, das geschundene Opfer auch noch zu überfahren, nachdem sie es halbnackt aus dem Bus geworfen hatten. Der rund tausend Seiten umfassende Polizeibericht erklärt, dass der ebenfalls schwer verletzte 28 Jahre alte Verlobte der Frau sie gerade noch vor dem auf sie zufahrenden Bus wegziehen konnte. Die Polizei plant, die Anklageschrift an diesem Donnerstag vorzulegen - in der Regel dauert es in Indien Monate oder Jahre, bis ein Prozess gegen Vergewaltiger in Gang kommt.

Indische Zeitungen zitieren aus dem Bericht, die junge Frau habe dreien ihrer Peiniger mehrere Bisswunden zufügen können. Die Wunden, Sperma- und Blutspuren sowie die Aussagen des Verlobten, der die Tat schwer verletzt überlebte, bilden die Grundlage der Anklage. Zunächst hätten die Täter den privaten Bus entführt, um sich durch den Transport von Fahrgästen Geld für Alkohol zu verdienen. Nachdem das Paar ahnungslos eingestiegen war, sei es zu einer Auseinandersetzung mit dem Verlobten über die Fahrstrecke gekommen. Die Täter schlugen ihn daraufhin mehrfach mit einer Eisenstange auf den Kopf. Diese benutzten sie dann auch, um seine Verlobte mehr als 40 Minuten lang im hinteren Teil des Busses während der Fahrt auf bestialische Weise zu vergewaltigen und zusammenzuschlagen. Sie erlitt schwere Unterleibs- und Darmverletzungen.

Den Vergewaltigern droht die Todesstrafe

Den Tätern droht eine Verurteilung wegen Mordes, auf die die Todesstrafe stehen kann. Der Fahrer und mutmaßliche Anführer der Verbrecher soll noch versucht haben, Spuren zu verwischen, indem er den Bus gründlich reinigte und die Kleidung der Opfer verbrannte. Einer der sechs muss sich als Minderjähriger vor einem Jugendgericht verantworten. Allerdings soll sein Alter zuvor durch eine Knochenaufnahme überprüft werden. Die Polizei verhinderte wohl einen Bombenanschlag auf die Hütte eines der Täter im Slum Ravi Das Camp im Süden Delhis. Der Bombenleger sei festgenommen worden, zwei Mittäter hätten fliehen können, hieß es. Die Beamten stellten zwei selbst gebastelte Sprengsätze sicher.

Das Entsetzen über die Tat verleitete mehrere indische Politiker dazu, das geplante neue Antivergewaltigungsgesetz nach dem Opfer zu nennen. Bislang wird dessen Namen nicht veröffentlicht. Allerdings wäre dies ein Novum in Indien, und Juristen erklärten schon, es erscheine unmöglich. Das Gesetz soll unter anderem zu einer schnelleren und menschlicheren Behandlung der Fälle führen. Die Oppositionspartei regte an, dem Opfer postum den Ashoka Chakra, den höchsten zivilen Orden des Landes zu verleihen. „Sie bewies einen Mut, der die ganze Nation inspiriert hat“, heißt es in ihrem Schreiben an Ministerpräsident Manmohan Singh.

Nach Medienberichten erwägt die regierende Kongresspartei, die chemische Kastration von Vergewaltigern einzuführen. Die oppositionelle BJP hingegen will Schnellgerichte und die Todesstrafe für Täter durchsetzen. Von Montag kommender Woche an wird sich der Oberste Gerichtshof mit einer 2005 eingereichten Petition befassen, die darauf abzielt, diejenigen Politiker von Wahlen auszuschließen, gegen die eine Anklage läuft. Zugleich sollen verurteilte Politiker ihre Ämter niederlegen müssen - bislang dürfen sie sie behalten, wenn sie nur in Berufung gehen. Bürgerbewegungen erklärten, sechs Mitglieder von Landesparlamenten und zwei aus dem Bundesparlament seien wegen Vergewaltigung angeklagt. In den vergangenen fünf Jahren hätten die Parteien insgesamt 260 Kandidaten für Wahlen nominiert, die aufgrund von Verbrechen gegen Frauen auf einen Prozess warteten.

In der Wirtschaftsmetropole Bombay (Mumbai) hat eine Gruppe von Inderinnen inzwischen zur Selbsthilfe gegriffen: Sie verwüsteten die stadtbekannte Bar Bonobo im modernen Stadtviertel Bandra und forderten, deren Mitgründer zu verhaften. Der Grund: Die Bar bietet den Cocktail Balatkari an. Das Wort heißt Vergewaltiger.

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02.01.2013, 16:25 Uhr

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