Rahul Gandhi bemüht sich um Gelassenheit in diesen Tagen. Nach dem schwachen Regionalwahlergebnis seiner Kongresspartei im größten indischen Bundesstaat, Uttar Pradesh, versammelte er die Hauptstadtjournalisten in seinem Garten in Delhi und gab sich buddhaesk: „Auf meinem Weg gibt es Siege, und es gibt Niederlagen.“ Die Wahlschlappe in Uttar Pradesh, die seit mehr als zwei Wochen die politische Diskussion bestimmt, nehme er sich daher nicht zu Herzen, versicherte er. Stattdessen sehe er sie als „Lektion“.
Rahul, der ewige Lehrling. Wie viele Lektionen wird man ihm noch zugestehen? Der Sohn der Kongresspräsidentin Sonia Gandhi - und Urenkel des Staatsgründers Nehru - gilt seit langem als Hoffnung der ehrwürdigen Partei. Aber eingelöst hat er sie auch nach acht Jahren politischer Arbeit noch nicht. Rahul, Abgeordneter und Generalsekretär der Partei, ist 41 Jahre alt, und sein Stern sinkt schon. Der Publizist Saeed Naqvi, der für die „Observer Research Foundation“ in Delhi arbeitet, hält trocken fest, dass Rahuls bisher einzige parlamentarische Leistung das Verlesen eines zweiseitigen Antikorruptionspapiers gewesen sei. Man erlebe einen „wohlüberlegten Betrug an der Nation“, sagt Naqvi.
Die Partei versinkt in einer Führungskrise
Immer tiefer versinkt die regierende Kongresspartei in einer Führungskrise. Sonia Gandhi, Vorsitzende und graue Eminenz, ließ sich im vergangenen Herbst in Amerika operieren; ihr Gesundheitszustand ist ungewiss. Manmohan Singh, den sie im Mai 2004 als Platzhalter für ihren damals noch zu jungen Sohn als Ministerpräsidenten einsetzte, wird bei den nationalen Wahlen in zwei Jahren seinem 82. Geburtstag entgegenblicken. Gegen eine dritte Amtszeit spricht nicht nur sein Alter (und der gegenwärtige Stand der Umfragen), sondern auch seine Regierungsbilanz.
Nach einem allseits respektierten Anfang, der Indien als wirtschaftliche und strategische Macht auf die internationale Bühne hob, verlor der Mann mit dem blauen Turban seine glückliche Hand. Zunächst fiel Singh in der Gunst des indischen Publikums, dann sank auch die Begeisterung im Ausland. In wichtigen außenpolitischen Fragen, insbesondere der Annäherung zu Pakistan, sei Singh zwar eine Bank geblieben, heißt es in diplomatischen Kreisen. Aber sein nachlassender Reformeifer mache Indien als Partner nun immer weniger attraktiv. Von einer „lahmen Ente“ ist die Rede.
Auf Korruptionsskandal folgt Korruptionsskandal
In Wahrheit war Singh schon in seiner ersten Amtszeit hinter den Erwartungen der Reformer zurückgeblieben. Die hohen Wachstumsraten verdeckten, dass die Regierung die maroden Strukturen nicht antastete und Unsummen in populistische Armutsprogramme steckte. Nach der überraschend deutlichen Bestätigung in den Wahlen von 2009 ließ Singh die Dinge dann vollends schleifen. Vorhaben wie die Liberalisierung wichtiger Branchen wurden fallengelassen, das Wirtschaftswachstum schrumpfte und bewegt sich mittlerweile unter der Sieben-Prozent-Grenze. In den politischen Vordergrund rückte das Krisenmanagement. Ein Korruptionsskandal folgte auf den nächsten - die meisten innerhalb der Regierung -, und die Kongresspartei reagierte immer zu spät.
Als im vergangenen Jahr ein sozialaktivistischer Guru namens Anna Hazare in den Hungerstreik trat, um die Regierung zur Einrichtung einer Antikorruptionsbehörde zu zwingen, folgten ihm Zehn-, zeitweise Hunderttausende. Kürzlich entfachte der indische Rechnungshshof das Feuer aufs Neue: Bei der Privatisierung von Kohlebergwerken soll die Regierung gut vernetzte indische Unternehmer begünstigt und so dem Land einen Schaden von 160 Milliarden Euro zugefügt haben. „An der Oberfläche sieht es in Indien nicht mehr gut aus“, sagt ein langjähriger Beobachter in Delhi, „aber darunter ist es noch schlechter.“
Der Unmut über den Zustand des indischen Systems verdichtet sich in Kritik an der Regierung Singh und der Familie, die sie trägt. „Die Zeit der Gandhi-Dynastie geht zu Ende“, sagt der Publizist und Wissenschaftler Raja Mohan, der die indische Politik gewöhnlich durch die Brille des außenpolitischen Strategen beobachtet. Rashid Kidwai, der Biograph Sonia Gandhis, macht für die Krise der Kongresspartei auch einen Mangel an politischer Orientierung verantwortlich: „Es gibt einfach keine großen Ideen mehr.“ Die Partei habe es versäumt, nach Führungspersonen jenseits der Gandhis zu suchen, weshalb der „Niedergang des Kongresses“ nicht mehr aufzuhalten sei.
Auch in der Partei selbst beginnt das Murren. Kongress-Veteranen, die nichts mehr zu verlieren haben, kündigen die Götterdämmerung der Gandhis an: „Familien sind in diesen egalitären Zeiten eine inadäquate Begründung für politische Ämter“, schrieb der frühere Kongresspolitiker M. J. Akbar. Mani Shankar Aiyar, ein ehemaliger Minister unter Manmohan Singh, nimmt wie viele die autoritäre Parteistruktur in den Blick: „Es gibt eine derartige Machtkonzentration an der Spitze, dass die Verbindung zwischen dem Führungspersonal und den Arbeitern total abgerissen ist.“
Revolution vom Kronprinzen
Rahul ist sich des ambivalenten, fast dialektischen Familienerbes bewusst. Er weiß, dass der Clan der regional und ideologisch zerfasernden Partei den vielleicht einzigen Halt bietet und zugleich ihre größte Last darstellt. Vor Jahren erläuterte er einer kleinen Runde, die er ebenfalls in seinen Garten eingeladen hatte, dass die Partei von innen heraus demokratisiert werden muss. Dass diese Revolution ausgerechnet vom Kronprinzen der Herrscherfamilie ausgehen soll, nannte er selber eine „Ironie“. Immerhin setzte Rahul ernsthafte Zeichen. Statt früh ein prestigeträchtiges Ministeramt anzunehmen, kümmerte er sich um die Basis, holte neue Leute in die Jugendorganisation und ließ sie sich in innerparteilichen Wahlen bewähren.
In Uttar Pradesh wollte Rahul Gandhi dem Land vor Augen führen, dass vom Kongress noch ein sozialer Zauber ausgeht - „Inklusion“, das Einbinden der Ärmsten in die Gesellschaft, ist Rahuls Lieblingswort. Immer wieder ließ er sich in dem Bundesstaat, der als Wiege des Nehru-Gandhi-Clans gilt, dabei filmen, wie er mit Unberührbaren auf Lehmböden hockte und das Armengericht Dal teilte. Er schlief im Freien und ließ sich sogar kurzzeitig einsperren, als er Bauern bei einer Demonstration für Landrechte begleitete. Für keine Anbiederung war er sich zu schade: „Ich möchte, dass mich die Mücken stechen, damit ich eure Schmerzen empfinden kann“, rief er in einem der Dörfler aus.
Aber die Leute ließen sich von dem Dynasten aus dem fernen Delhi nicht beeindrucken. Als Splitterfraktion sitzt der Kongress nun im wichtigsten Regionalparlament des Landes. Regiert wird Uttar Pradesh neuerdings von Akhilesh Yadav, was Rahul gleich doppelt demütigt: Akhilesh repräsentiert seinerseits eine Politikerdynastie (sein Vater, Mulayam Singh, regierte den Bundesstaat mehrmals) - und ist auch noch drei Jahre jünger.
Bis zum bitteren Ende die Ghandi-Legende
Nach außen schließt man in der Kongresspartei tapfer die Reihen. Rahul habe die Verantwortung für die Wahlniederlage in Uttar Pradesh übernommen - so, wie es sich für einen wahren Führer gehöre, sagte Sachin Pilot, ein Familienfreund der Gandhis und „Junior Minister“ in der Regierung Singh. Alle in der Partei freuten sich darauf, mit Rahul in der Zukunft zusammenzuarbeiten, versicherte Pilot und fügte an: „Es gibt keine Veränderung an dieser Front.“ Auch vielen westlichen Beobachtern in Delhi fehlt die Phantasie, sich eine Kongresspartei ohne Gandhis vorzustellen. „Sie haben keine anderen Hoffnungsträger und werden bis zum bitteren Ende an der Gandhi-Legende festhalten“, glaubt einer.
Niemand wagt vorauszusagen, mit wem - oder welcher personellen Perspektive - die Kongresspartei in die nächsten Wahlen ziehen wird. Manche glauben, dass im Hintergrund der Aufstieg Priyankas vorbereitet wird, Rahuls älterer Schwester. Priyanka Vadra gilt als charismatischer als ihr scheuer Bruder. Immer wieder ziehen indische Journalisten Parallelen zu ihrer Großmutter Indira Gandhi, der Priyanka äußerlich ähnelt. Aber einen Nachweis ihrer Führungsfähigkeit hat auch sie noch nicht erbracht - zu schweigen von einem politischen Impuls.
Ausgemacht wird ein neuer Wählerpragmatismus, der nicht nur das Prinzip Dynastie in Frage stellt, sondern auch die paternalistische Weltsicht der Gandhi-Partei. „Die Wähler stellen die Möglichkeit zur Eigenverantwortung über die Patronage, Leistung über Rhetorik, Aufrichtigkeit über Zynismus, Realismus über phantastische Höhenflüge“, schrieb der Publizist Pratab Bhanu Mehta unlängst. Die modernen Stars der indischen Politik glänzen nicht mit mehr ihrer Abstammung, sondern mit Regierungserfolgen: Nahendra Modi in Gujarat oder Nitish Kumar in Bihar. Die Kongresspartei begreife langsam, dass sich das Land ändere, glaubt Nitin Desai, ein früherer Wirtschaftsberater der Regierung. Die Botschaft, die nun auch bei den Gandhi angekommen sei, laute: „Leiste etwas, oder gehe zugrunde.“
