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Indien Die Wut der Frauen

 ·  Die Gruppenvergewaltigung einer Studentin in Delhi in einem fahrenden Bus erschüttert den Subkontinent. Greueltaten wie diese aber sind nur die Spitze des Eisbergs. Denn fast nirgends leben Frauen so gefährdet, wie in der größten Demokratie der Erde.

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© dpa Empörungswelle: Demonstranten fordern in Delhi Gerechtigkeit. Das Bild entstand am Donnerstag.

Am Ende fehlte dem geschundenen Körper die Kraft: Das weibliche Opfer der Gruppenvergewaltigung in einem fahrenden Bus in Indiens Hauptstadt Delhi ist am frühen Samstagmorgen in Singapur gestorben. Sie war im dortigen Mount Elizabeth Krankenhaus behandelt worden, nachdem der indische Staat sie aufgrund der Schwere ihrer Verletzungen in den Stadtstaat hatte ausfliegen lassen. Dort erlag sie Entzündungen in Lunge und Bauchraum und einem Hirntrauma. Schon in Indien war sie nach dem Überfall am dritten Adventssonntag mehrfach am Unterleib operiert worden, ein Stück Darm musste ihr entfernt werden und sie erlitt einen Herzstillstand. Sie erreichte Singapur in „extrem kritischem Zustand“, wie die Ärzte dort erklärten. Am frühen Samstagmorgen sei die Frau „friedlich gestorben“.

Das Schicksal der Inderin macht Millionen von Menschen wütend. Bei Demonstrationen gegen die Unterdrückung von Frauen in Indien ließen in den vergangenen Tagen ein Polizist und ein Journalist ihr Leben, Präsident und Regierungschef kritisierten den Umgang mit Frauen in dem Land, das so stolz darauf ist, sich die größte Demokratie der Erde zu nennen. Die Forderung nach der Todesstrafe für Vergewaltiger wird lauter. Für diesen Samstag bereitet sich Delhi auf weitere Demonstrationen vor. Die Geduld der Inderinnen scheint am Ende.

Der Fall der Studentin der Physiotherapie, die abends mit ihrem Freund versehentlich einen Bus bestieg, den sechs Betrunkene entführt hatten, und dort während der Fahrt mehr als eine Stunde lang grausam zugerichtet wurde, ist schrecklich, aber nur die Spitze des Eisbergs. Kein Tag vergeht in Indien, an dem es nicht zu fürchterlichen Verletzungen, Vergewaltigungen, Verstümmelungen und Morden an Frauen kommt. Delhi gilt als „Vergewaltigungshauptstadt“ des Subkontinents. Hier wurden auch schon Mitarbeiterinnen westlicher Botschaften zu Opfern. Ein Blick in die Zeitung zeigt, welchen Stellenwert Frauen in Teilen der indischen Gesellschaft haben: Ein Polizeioffizier lässt eine Frau auf der Wache sexuell foltern, damit sie Namen von angeblichen Terroristen preisgibt. Polizisten drängen eine Siebzehnjährige, ihren Vergewaltiger zu heiraten - sie begeht daraufhin Selbstmord. Eine Männermeute hetzt eine Frau zu Tode, weil sie sich gegen das Urinieren auf ihrem Feld wandte. Die Mitarbeiterin eines Callcenters wird auf der nächtlichen Heimfahrt im Taxi vergewaltigt. Ein Panchayat, ein Dorfrat, verbietet unverheirateten Frauen das Nutzen von Mobiltelefonen, da sie den Boden für Affären und außerehelichem Sex bereiten würden. Ein zweieinhalbjähriges Mädchen stirbt an den Folgen des Missbrauchs durch einen entfernten Verwandten. Eine Sechzehnjährige wird abends von einer Horde Männer vor einer Bar aufgegriffen, auf offener Straße ausgezogen - ein Fernsehsender filmt die Tat und stellt den Mitschnitt ins Internet, wo ihn Millionen anklicken. Doch schon das ganz normale Frauenleben in Indien ist geprägt von Ungleichheit: Mädchen, die nicht aufgeklärt sind und kein Geld haben, für ihre Monatshygiene zu sorgen, trauen sich mit dem Einsetzen ihrer Periode nicht mehr in die Schule. Sie bleiben zu Hause, arbeiten auf den Feldern. Auch deshalb können gut 82 Prozent der Inder lesen und schreiben, aber nur 65 Prozent der Inderinnen.

Das schlimmste Land für Frauen

Die Thomson-Reuters-Stiftung kam im Juni zu dem Ergebnis, dass Indien - noch hinter Saudi-Arabien - das schlimmste Land für Frauen unter den führenden 20 Nationen der Welt sei; die besten seien Kanada, Deutschland und Großbritannien. Die Vereinten Nationen hatten Indien 2011 zum weltweit gefährlichsten Ort für Mädchen ernannt: „Das Risiko, in den ersten fünf Lebensjahren zu sterben, ist für Mädchen mehr als 75 Prozent höher als für Jungs“, heißt es in der Studie. Zwölf Millionen Mädchen sollen in Indien in den vergangenen drei Jahrzehnten abgetrieben worden sein, heißt es in der Medizin-Fachzeitschrift „The Lancet“ - vor allem, weil die Eltern die hohe Mitgift bei einer Heirat nicht zahlen können. Sie beträgt im ländlichen Indien gut 30000 Rupien (413 Euro). Hinzu kommen die Kosten der Hochzeit, Kleider, Schmuck und Geschenke. Bei einem Tageseinkommen zwischen ein und zwei Euro ist das eine unerreichbare Summe.

Natürlich gibt es auch in Indien Gesetze gegen die Missachtung von Mädchen und Frauen. Doch zieht sich das Bild der Frau als Kostenfaktor, Arbeitskraft und Sexualobjekt durch weite Teile der Gesellschaft. Auf den ersten Blick ist dies ein Paradox in einem Land, das seit jeher in der Oberschicht mit starken, brillant ausgebildeten Frauen glänzt: Indira Gandhi als frühere Ministerpräsidentin, Sonia Gandhi als Chefin der Regierungspartei, Chanda Kochhar als Spitzenbankerin, Arundhati Roy als Intellektuelle, um nur ein paar zu nennen. Und doch herrscht in Indien, das sich so ruhmreich von seinen britischen Kolonialherren befreite, in vielen Lebensbereichen ein allenfalls mittelalterlicher Umgang mit Frauen. Der Subkontinent lebt gleichzeitig in mehreren Jahrhunderten: Hier stößt Turbokapitalismus auf Feudalstrukturen, hier schießen Wolkenkratzer von Milliardären vor den Toren von Slums in die Höhe, hier werden Mädchen abgetrieben oder aber als Models halbnackt an der neuen Formel-1-Strecke vor den Toren Delhis zur Schau gestellt.

Die Ausgrenzung der Frauen ist nicht nur böser Wille, sondern eine brisante Mischung aus Machterhalt der Männer, Tradition, Religion, Unwissenheit und Armut. Allerdings lässt der Staat die Führung vermissen, und dies bekommen die Inderinnen besonders zu spüren. Kommen weltweit auf 100000 Einwohner im Durchschnitt 270 Polizisten, sind es in Indien nur 140 - weite Teile des Landes sind praktisch rechtlos. Gerichte arbeiten rund 15 Jahre an einem Urteil. Als Vergewaltigung gilt nur ein Fall, beim dem die vaginale Penetration mit einem Penis vorliegt - jede andere Form eines sexuellen Übergriffs gilt als „Eindringen in ihre Privatsphäre“, mit einer Höchststrafe von einem Jahr Gefängnis. Der Überfall in Delhi soll nun dazu führen, dass die Fotos von Tätern im Internet veröffentlicht werden.

Tägliche Missachtung

Warum aber rief das Schicksal der jungen Frau aus Delhi nun solchen Ärger hervor, wenn doch die tägliche Missachtung von Frauen weitgehend ohne Aufsehen hingenommen wird? Zwar sprechen ihre Eltern kein Englisch, waren noch nie im Ausland. Doch an indischen Maßstäben gemessen stammt das Opfer aus der neuen, aufgeklärten Mittelschicht und zählt nicht zur traditionell unterdrückten Landbevölkerung. Auch haben die Inder in den vergangenen Jahren, etwa bei den starken Protesten gegen Korruption, ihre eigene Macht spüren können - und werden nun mutiger. Internet, Mobiltelefone und SMS ermöglichen Demonstranten inzwischen, sich rasch abzusprechen. Und letztlich mag auch der angestaute Ärger über eine seit Jahren in Untätigkeit gefangene Regierung zur Wut beitragen.

Hoffnung auf eine Änderung der Zustände macht nicht die Politik, sondern die Gegenwehr von unten, Hoffnung machen die beherzten Initiativen Einzelner: Erst vor wenigen Monaten wurden 222 Mädchen öffentlich umgetauft. Ihre Eltern hatten sie Nakusa oder Nakoshi genannt - „die Unerwünschte“, „die Ungewollte“. Nun aber hatte sich der Bezirk entschieden, die Mädchen auf einen Namen ihres Wunsches umtaufen zu lassen und diesen dann in der Zeitung bekanntzumachen. „An ihrer Vergangenheit können wir nichts mehr ändern. Wir wollen ihnen aber die Scham nehmen, Nakusa oder Nakoshi getauft worden zu sein, und ihnen so Wege in die Zukunft öffnen“, sagte Bhagwan Pawar, der zuständige Vertreter der Gesundheitsbehörde, der den Einfall zur Neutaufe hatte. Genauso wichtig ist der Widerstand gegen das „eve-teasing“, wie die sexuelle Belästigung von Mädchen beschönigend genannt wird. In der indischen Wirtschaftshauptstadt Bombay haben Studentinnen des St. Andrew’s College eine Facebook-Seite „Freeze the tease“ eröffnet, um sich gegen Belästigung zu wehren. Daraus wurde eine breite Bewegung.

Die Politik ist da gemächlicher, sie wiegelt ab. Die Bürgerrechtsbewegung „Vereinigung für Demokratische Reformen“, veröffentlichte gerade eine Studie, nach der sich seit 2007 insgesamt 260 Politiker, gegen die Verfahren wegen des Missbrauchs von Frauen oder Vergewaltigung laufen, um Sitze in indischen Parlamenten beworben haben. Ministerpräsident Manmohan Singh sah sich nun zu einer Fernsehansprache genötigt, in der er darauf verwies, wie seine drei Töchter sich fühlten. Bei einem vergleichbaren Fall empfahl Sheila Dikshit, die hoch angesehene Regional-Ministerpräsidentin Delhis, Frauen, weniger „abenteuerlustig“ aufzutreten. Ein Polizeichef empfahl Frauen, nach Dunkelheit das Haus nicht zu verlassen und wenn, dann Chilipulver zur Verteidigung mitzuführen. Und Innenminister Sushil Kumar Shinde verglich die wütenden Demonstranten in Delhi in der vergangenen Woche mit maoistischen Terroristen. Allerdings beginnen die Politiker den nahenden Wahltermin 2014 zu fürchten. Zwar glauben 52 Prozent der heranwachsenden Inderinnen, es sei gerechtfertigt, wenn der Ehemann seine Frau schlägt. Aber eine Wählerinnenstimme haben sie trotzdem. Wie hatte doch 1921 Mahatma Gandhi formuliert? „Von all dem Bösen, das der Mensch verantwortet, ist nichts so entwürdigend, so schockierend und so brutal, wie der Missbrauch der besseren Hälfte der Menschheit, des weiblichen Geschlechts.“

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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