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Indien Die Frauen, der Tod und ein hilfloser Staat

 ·  Das Opfer einer grausamen Vergewaltigung ist seinen Verletzungen erlegen. Für die Inder ist das ein Weckruf gegen eine teilnahmslose Politik und für eine Gesellschaftsordnung, in der Frauen vor Gewalt geschützt sind.

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© AFP Eine Inderin betet nach der Einäscherung des Opfers

Nach ihrem Tod bekam die junge Inderin wieder einen Namen: Wurde ihre Identität zu ihrem Schutz über Tage geheim gehalten, so taufte die indische Internetgemeinde das Opfer der grausamen Vergewaltigung in Delhi über das Wochenende „Nirbahaya“, die Angstfreie, „Amanaat“, die Kostbare oder „Damini“. So hieß die Hauptdarstellerin, die in einem Bollywoodfilm für ein sexuell missbrauchtes Hausmädchen eintrat. Die Namen zeugen von der Ehre, die gerade junge Inderinnen und Inder der nur 23 Jahre alt gewordenen Toten erweisen. Durch ihr Leiden wurde sie zur Symbolfigur für den Kampf um die Sicherheit und die Rechte der Frauen auf dem Subkontinent. Damit nicht genug: Das Schicksal führte der neuen Mittelschicht in Indien in aller Härte vor Augen, dass sie in einem Staat lebt, der seine grundlegenden Pflichten nicht erfüllt.

Wut und Emotionen mischen sich, seit die junge Frau ihren zahllosen Verletzungen, unter ihnen ein Hirntrauma, am Samstagmorgen kurz vor fünf Uhr Ortszeit in Singapur erlag. Die Spezialisten des renommierten Singapurer Mount Elizabeth Hospitals konnten nicht mehr für sie tun, als ihr einen weitgehend schmerzfreien Tod im Kreise ihrer Familie zu ermöglichen. Der indische Staat hatte die Flüge nach Singapur empfohlen und bezahlt. „Ruhe in Frieden Damini, heute ist ein schwarzer Tag für unsere Demokratie. Wir sollten versprechen, diesen Kampf bis zum Ende zu führen“, twitterte der Bollywood-Produzent Madhur Bhandarkar.

Kein Vertrauen in die Regierung

Zugleich aber wurde Kritik laut am Vorgehen des Staates. Wie wenig die Inder ihrer eigenen Regierung noch trauen, zeigte sich in der immer höher kochenden Debatte über die Entscheidung, das junge Opfer kurz vor ihrem Tod noch ins gut 4.000 Kilometer entfernte Singapur ausfliegen zu lassen. „Es könnte sein, dass es politisch logisch erschien, die Patientin auszufliegen. Aber als Arzt würde ich sagen, es war total unsensibel, während ihre Infektionen wucherten“, sagte ein Arzt des All India Institute of Medical Sciences, der ungenannt bleiben wollte. Dahinter steht die Vermutung, dass die indischen Politiker mit aller Macht verhindern wollten, dass die junge Frau in Delhi sterbe, weil sie dann noch heftigere Proteste befürchteten.

Indiens Innenminister Sushil Kumar Shinde hielt dagegen: „Es klingt völlig absurd, wenn ich Menschen nun sagen höre, die Verlegung sei politisch motiviert gewesen.“ Die Spezialisten in Singapur hatten schon bei der Ankunft von einem „extrem kritischen Zustand“ ihrer Patientin gesprochen. „Sie bewies solchen Mut, gegen alle Widerstände um ihr Leben zu kämpfen. Aber die Verletzungen waren zu schwer, um sie zu überwinden“, erklärte das Mount Elizabeth Krankenhaus nach dem Tod der jungen Frau am Samstagmorgen.

Doch trifft die stolzen Inder auch, dass ihr eigenes Land nicht in der Lage gewesen sein soll, die notwendige medizinische Versorgung bereitzustellen. Vijaj Mallya, umstrittener Milliardär und Lebemann, dem unter anderem Teile des Formel-1-Rennstalls Force India gehören, schrieb in seinem Blog: „Die Regierung gibt Millionen für Subventionen und populistische Fördermodelle aus. Warum kann unser Land keine supergute Spezialversorgung von Kranken haben?“ Ärzte aus Delhi betonten, in Singapur habe eine größere Chance bestanden, Transplantationsorgane zu bekommen, falls das Opfer diese noch benötigt hätte.

Die Politik erweist sich als handlungsunfähig

Dazu aber kam es nicht mehr. Die junge Frau war in Delhis Safdarjung Krankenhaus, in das sie noch in der Nacht der Tat am 16. Dezember gebracht worden war, dreimal am Unterleib operiert worden. Auch musste ein Stück des Darms ersetzt werden. Die Täter hatten sie fast eine Stunde lang unter anderem mit einer rostigen Eisenstange traktiert. „Einen solchen Fall haben ich in den 30 Jahren meiner Karriere noch nicht gesehen“, sagte B.D. Athani, der Chefarzt der Safdarjung Klinik.

In den ersten drei Tagen ihres Aufenthalts im Krankenhaus konnte sich die junge Frau noch über Notizen verständigen, wohl auch eine Aussage über den Tathergang machen. Ihrem Bruder teilte sie mit, sie wolle um ihr Leben kämpfen, erkundigte sich nach dem Schicksal ihres Freundes und bat sogar, ihre entwendete Kreditkarte sperren zu lassen. Am Mittwoch vor Weihnachten aber erlitt sie einen Herzanfall. Von da an verschlechterte sich ihr Zustand rasch.

In Delhi und anderen indischen Städten kam es derweil zu teilweise harten Auseinandersetzungen mit der Polizei. Normalerweise sind die Inder daran gewöhnt, Katastrophen gleich welcher Art innerhalb weniger Wochen zu verdrängen oder zu verarbeiten. Hier aber lag der Fall anders, denn bei der Vergewaltigung der jungen Frau stießen auch das neue und das alte Indien aufeinander. Dazwischen steht die Politik, die sich als weitgehend handlungsunfähig erweist.

Das neue und das alte Indien

Die Familie des Opfers passt in das Bild eines neuen, aufgeklärten Indiens. Vor einem Vierteljahrhundert aus dem ärmlichen Bundesstaat Uttar Pradesh nach Delhi gekommen, verdiente der Vater als Lagerarbeiter am Flughafen rund 5.000 Rupien (69 Euro) im Monat - zu wenig, um die Ausbildung der drei Kinder zu sichern. Die meisten indischen Familien hätten ihr letztes Geld zusammengerafft, um die Tochter schnell, oft schon mit zehn oder elf Jahren, zu verheiraten. Dafür hätten sie die Aussteuer zahlen müssen, danach aber hätte das Mädchen ihnen nicht mehr auf der Tasche gelegen.

Nicht so der Vater des Opfers: Er verkaufte einen Flecken Land in seinem Heimatort, um der Tochter eine Ausbildung zur Physiotherapeutin bezahlen zu können. Dafür verlangte die Familie von ihr, ihre beiden Brüder zu unterstützen, sobald sie ein eigenes Gehalt beziehe. Die junge Frau studierte im Bundesstaat Uttarakhand. Seit wenigen Wochen machte sie im Rahmen ihrer Ausbildung ein Praktikum in einem Privatkrankenhaus in Delhi, wo sie aufgewachsen war. Dort ging sie am Abend der Tat mit ihrem Freund ins Kino. Um nach Hause zu fahren, bestiegen die beiden den Bus ihrer Mörder.

Die aber stehen nach allem, was bis heute bekannt ist, für das alte, das ärmliche und verzweifelte Indien. Vier von ihnen lebten in Ravi Dass Camp, einem Slum im Süden der Hauptstadt. Der Anführer der Bande, der 33 Jahre alte Ram Singh, und sein kleiner Bruder waren mit ihren Eltern vor mehr als 20 Jahren aus Rajasthan hierher gezogen, um sich als Straßenarbeiter zu verdingen. Singh flog aus der Schule. Er heiratete später, seine Frau starb, er hatte einen Verkehrsunfall, kehrte in den Verschlag der Eltern nach Ravi Dass zurück, versank in Alkohol und Depression - Hilfe gab es nicht.

Allen Tätern droht die Todesstrafe

Er schlug sich als Busfahrer durch, die anderen fünf der Bande, zwischen 17 und 26 Jahre alt, arbeiteten als Reinigungspersonal von Bussen, Busbegleiter, Gemüsehändler und Trainer in einer Sporthalle im Slum. Am Tatabend hatten sie sich betrunken, einem Passanten sein Geld gestohlen, den Bus mit seinen verdunkelten Fenstern und Vorhängen entführt, und dann die beiden ahnungslose Opfer an einer Haltestelle hereingelassen. Zunächst verlangten sie noch 20 Rupien für die Fahrt. Dann begann das Martyrium im fahrenden Bus, der unter anderem auch Kontrollpunkte der Polizei passierte. Am Ende warfen sie ihre beiden geschundenen Opfer nackt und fast leblos auf die Straße. Vier der Täter fasste die Polizei binnen 48 Stunden, die beiden anderen nach Tagen auf der Flucht in anderen Bundesstaaten. Ihnen allen droht die Todesstrafe, da sie nun des Mordes angeklagt werden.

Die Politiker erwiesen dem Opfer am Wochenende die letzte Ehre, blieben aber auffällig zurückhaltend. Bis zum 24. Dezember hatte es gedauert, bis Ministerpräsident Manmohan Singh zur Ruhe mahnte. Die Menschen, die sich seit Tagen entlang der alten Sternwarte Jantar Mantar in Delhi versammeln, verlangen mehr. Sicher, die Regierung versprach, die Beleuchtung der Straßen zu verbessern und mehr Polizei patrouillieren zu lassen. Vergewaltigungsprozesse sollen verkürzt werden. Einige Minister forderten die Frauen auf, sich bedeckt zu kleiden und nachts die Häuser und Wohnungen nicht zu verlassen. Und alle diskutieren nun über die Todesstrafe für Vergewaltigung.

Alle 14 Stunden wird eine Vergewaltigung angezeigt

Eben davor aber warnt Meenakshi Ganguly, Südasiendirektor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. „Politikern erscheint es als einfacher Weg, die Todesstrafe zu unterstützen. Aber er ist ineffektiv. Es ist viel schwerer, aber effektiver, die Antwort von Polizei, Ärzten, forensischen Spezialisten, Strafverfolgern und Richtern auf sexuelle Gewalt neu auszurichten. Die Opfer verdienen eine effektive, koordinierte Antwort.“ Bislang ist es damit nicht weit her. So gilt vor indischen Gerichten bis heute die „Zwei-Finger-Methode“ als Beweismittel in Vergewaltigungsfällen: Dabei führt ein Arzt seine Finger in die Vagina des Opfers, um so deren sexuelle Aktivität zu prüfen. Auch werden in Indien immer wieder Fälle bekannt, wo Polizisten oder Soldaten Vergewaltigungen bewusst einsetzen. Während die Dreiundzwanzigjährige in Singapur im Sterben lang, brachte sich eine vier Jahre jüngere Frau um, weil die Polizei sie zwingen wollte, ihren Vergewaltiger zu heiraten.

Diese Zustände und die geringe Hoffnung auf eine Änderung sind es, die die grausame Tat in Delhi ins Bewusstsein der indischen Mittelschicht gerufen hat. Allein in Delhi wird alle 14 Stunden eine Vergewaltigung angezeigt - die Dunkelziffer dürfte bei einem Vielfachen liegen. Der Bollywood-Filmemacher Mahesh Bhatt schrieb im Internet nach dem Tod der jungen Frau: „Schließt all Eure Tempel, in denen Ihr vorgebt, den weiblichen Formen zu huldigen. Weine Indien! Deine Hände sind mit dem Blut Deiner Töchter getränkt.“

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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