Mühsam geht es voran. Wieder und wieder dreht sich Pat Pierre auf seinem Bürostuhl zur Tafel und tippt mit der Spitze eines geschliffenen Asts auf das Wort: Ńeýxwewscnin. Wieder und wieder dreht er sich zur Klasse zurück und lässt den Stock kreisen: Nachsprechen, bitte! Müde murmeln die fünf Mädchen und zwei Jungen vor sich hin. Es ist die erste Stunde, und manche sind schon im Schulbus vierzig Meilen durchs Reservat der Flathead-Indianer gekurvt.
Pat Pierre, der sein weißes Haar mit blonden Strähnen zum Zopf gebunden hat, stampft mit den Cowboystiefeln auf. Ńeýxwewscnin. Langsam wird der Chor der Neun- bis Zwölfjährigen kräftiger. Aber keiner kapiert, was das Wort bedeutet. Und das ist eigentlich tragisch, denn Ńeýxwewscnin heißt auf Salish Gespräch, Worte wechseln. Von der Fähigkeit, sich in der Sprache ihrer Vorfahren auszutauschen, sind die Kinder so weit weg wie ihre Sweatshirts und Turnschuhe von den Büffellederponchos und Mokassins ihrer Ahnen.
Dabei setzt der gelbe Kleinbus die Klassenjüngste schon seit vier, ihren ältesten Mitschüler sogar seit sieben Jahren täglich am Ortseingang von Arlee ab, das mit seinen 600 Einwohnern zu den etwas größeren Orten im Westen Montanas gerechnet wird. Früher beherbergte der Flachbau hier die Bowlingbahn der Salish- und Kootenai-Stämme, jetzt das Nkwusm. Wie so viele Worte ist der Name kaum übersetzbar. Salish kennt nicht einmal Verben und Substantive, unterscheidet nicht zwischen Wolf und heulen, nicht zwischen Essen und essen. „Nkwusm heißt: Ein Feuer, eine Familie“, erklärt ein Schüler. Pat Pierre bietet eine andere Übersetzung an: „Wir gehören zusammen.“ Denn darum geht es dem Dreiundachtzigjährigen, der auf seine alten Tage zum Lehrer wurde. „Als ich klein war, haben alle Kinder Salish gesprochen“, erzählt der Stammesälteste. „An der Schule trieben sie es uns aus. Zum Glück sprach meine Großmutter weiter in unserer Sprache mit mir.“
„Es ist ein Rennen gegen die Zeit“
Auch Melanie Sandoval schaut müde aus, aber es ist eine tiefere Müdigkeit als die der Kinder, die auf die Pause warten. Bis heute, sagt die 36 Jahre alte Grundschullehrerin, gelte Salish vielen im Reservat als Sprache der Dummen. Als sie vor elf Jahren mit drei Freunden den Plan fasste, eine bilinguale Schule zu gründen, hatte sie gerade ihr Examen abgelegt.
Die vier jungen Lehrer waren zwar als Stammesmitglieder registriert - schon allein, weil Flathead-Indianer dreimal jährlich 400 Dollar auf die Hand bekommen, denn die Salish und Kootenai verpachten einen Wasserdamm, betreiben zwei Casinos, stellen in einer Fabrik Platinen für die Rüstungsindustrie her und bekommen Zuschüsse aus Washington. Doch die Sprache des Stammes beherrschte keiner. „Meine Eltern haben Vieh gezüchtet, und wir hatten einen Gemüsegarten“, erzählt Melanie Sandoval, „ich bin also nicht eben traditionell aufgewachsen.“
In Hawaii besichtigten die vier Maori-Schulen. In Alaska befragten sie Inuit-Lehrer. In Montana landeten sie auf dem Boden der Tatsachen. Unter den rund 7000 Stammesmitgliedern ließen sich nur noch achtzig Salish-Muttersprachler auftreiben. „In unserer Generation“, sagt Melanie Sandoval leise, „gab es keinen einzigen.“ In diesem Sommer wechselt zum zweiten Mal eine Schülerin nach acht Jahren Nkwusm auf eine öffentliche Highschool. Von den 2001 gefundenen Salish-Sprechern leben nur noch vierzig. 25 Kinder besuchen die Vor-, Grund- oder Mittelschulklasse des Nkwusm. „Viele Leute glauben, dass wir den Kampf schon verloren haben“, gibt Schulgründerin Sandoval zu. Kampflustig klingt auch sie nicht mehr. Eher routiniert fügt sie an: „Es ist ein Rennen gegen die Zeit.“
Im Zwiespalt zwischen Resignation und Kampf, Anpassung und Selbstbehauptung leben Montanas Ureinwohner, seit ihnen die Entdecker Lewis und Clark vor gut 200 Jahren den Namen „Flatheads“ verpassten. Selbst im Reservat, in das sich die Salish und Kootenai 1855 zurückziehen mussten und wo sie von Jesuiten Gebetbücher und Kurzhaarschnitte bekamen, stellen sie nur noch ein Fünftel der Bevölkerung. Gut hundert Jahre ist es her, dass die Weißen den Vertrag brachen und die Indianer mit einzelnen Grundstücken abspeisten. Den Rest des saftigen Weidelands durften sich Siedler aus dem Osten unter den Nagel reißen.
Leben in zwei Welten
Inzwischen kommen die Zuzügler eher aus West-Südwest. Hollywood-Millionäre lieben es, sich zwischen dem Glacier- und dem Yellowstone-Nationalpark zum Fliegenfischen zurückzuziehen. Zwar beherbergt Montana auf einer Fläche, die größer als Deutschland ist, weniger Einwohner als Köln. Aber die Rocky Mountains sind so anziehend, dass kürzlich sogar Al Qaida alle Dschihadisten aufrief, in Montana Waldbrände zu legen. Nirgends sei Amerika verwundbarer.
„Wenn das alles nicht passiert wäre, würden wir uns gerade nach monatelanger Vorbereitung auf Büffeljagd begeben“, sagt Robert McDonald. Mit seinen schwarz umrandeten Brillengläsern, wie man sie in Montana selten zwischen Holzfällerhemd und Cowboyhut findet, sieht er allerdings arg urban für einen Büffeljäger aus, und er arbeitet im wahrscheinlich schicksten Neubau zwischen Arlee und Flathead Lake. „Wir leben eben in zwei Welten“, sagt der Funktionär der Stammesverwaltung. „In der einen pflegen wir unsere Identität und Traditionen. In der anderen müssen wir Geld verdienen, weil unsere Kinder iPads haben wollen.“
McDonalds Büro liegt über dem Ratssaal, in dem die gewählten Vertreter der Salish und Kootenai ihre Sitzungen abhalten. Vor dem Eingangsportal erinnert ein imposantes Denkmal an Stammesmitglieder, die in Europa, Korea oder Vietnam für Amerika gefallen sind. Doch wenig Patriotismus schwingt mit, wenn McDonald in kurzen Sätzen durch die Historie eilt: „Zunächst haben sie die Indianer getötet. Dann haben sie die Kultur der Indianer getötet. Dann haben sie die Selbstverwaltung der Indianer getötet.“
Erst vor vierzig Jahren habe Washington umgedacht. 1994 bekamen die Stämme erweiterte Selbstbestimmungsrechte. In etwa jedem zweiten Streifenwagen auf dem Highway 93, der das Reservat auf seinem Weg von Mexiko nach Kanada durchschneidet, sitzen jetzt Stammespolizisten. Wird ein Raser oder Kleinkrimineller aus den Reihen der Indianer festgenommen, beugt sich ein Richter des Stammes über den Fall.
Schuljahr im April für beendet erklärt
Links und rechts des Highways stehen jetzt zweisprachige Schilder. Was den Weißen die „St. Ignatius Area“ war, seit 1854 die Jesuiten ihr Lager hier aufschlugen, galt den Ureinwohnern als Snyeĺmn: als „Ort, an dem man etwas umzingelt“. Doch die Wiederbelebung der Sprache ist nur ein Kampf von vielen, die McDonald und seine Kollegen zu koordinieren versuchen. Den Flathead Lake etwa möchten sie von Forellensorten säubern, die dort nie heimisch waren - aber die Touristenorte am Ufer wollen den Anglern den Spaß nicht verderben. „Dieses Land ist unsere Kirche“, sagt Robert McDonald auch Investoren, die mit Glanzprospekten von Windfarmen oder Wasserkraftwerken ins rezessionsgeplagte Reservat kommen. „Was bilden Sie sich ein, in unserer Kirche bauen zu können?“
Die Stämme versuchen, möglichst viel Land „zurückzukaufen“. Doch die Preise steigen. Und oft erfahren die Indianer erst von Besitzerwechseln, wenn der Handel gelaufen ist. So war es auch, als vor gut fünfzehn Jahren die schwarzen Kutschen kamen. Bärtige Männer mit dunkelgrauen Hosen, Hemden und Hosenträgern hatten Land am Fuße der Mission Mountains gekauft. Einige dieser Amischen kamen nach St. Ignatius, das nur ein paar hundert Einwohner mehr als Arlee hat, weil sie ihrer alten Gemeinde zu progressiv waren. Zwar steuern auch sie keine Autos. Doch sie haben Telefone. „Aber nur Festnetz“, sagt Gemeindevorsteher John W. Miller.
Vom Highway 93 aus sind es noch rund zehn Minuten Fahrt geradewegs auf das Bergmassiv zu, bis das stattliche Blockhaus zu erkennen ist, das Miller seiner Familie gebaut hat. Erst fährt man am „Amish General Store“ vorbei, dessen Fleisch- und Käsetheke auch einige eingesessene Bewohner der Kleinstadt zu den strenggläubigen Pennsylvaniadeutschen führt. Dann wird aus der Straße eine Piste.
Mütter, die in offenen Kutschen unterwegs sind, halten ihren Kleinkindern die Hände vors Gesicht, wenn ein Pick-up-Truck den Staub aufwirbelt. An einer Kreuzung klettern drei Teenagerinnen in blassen, unifarbenen Kleidern und schwarzen Hauben über einen Zaun, um in einem kalten See schwimmen zu gehen. Ihre Lehrerin, nach Amischen-Tradition eine Jungfer ohne pädagogische Ausbildung, hat das Schuljahr schon im April für beendet erklärt. Auf die Highschool wird ohnehin keines der Mädchen gehen. Für die Amischen endet die Schulpflicht nach Klasse acht.
„Viele sehen in uns eine Bedrohung“
John W. Millers Augen leuchten, wenn er von seinen ersten Jahren in St. Ignatius erzählt. „Alles schien perfekt: Das Bewässerungssystem hier ist phantastisch. Die Grundstücke kosten weniger als außerhalb des Reservats. Mit unseren Kutschen und Fahrrädern kommen wir in die Stadt, ohne über große Straßen zu müssen.“ Miller ist 45 Jahre alt. Hier wurde er zum Gemeindevorsteher bestimmt. In geheimer Wahl hatten einige Mitbrüder ihn, andere einen Nachbarn für das Amt vorgeschlagen.
„Also wurde in einem von zwei Gesangbüchern ein Zettel versteckt“, berichtet Miller. „Wir nahmen beide ein Buch, und in meinem war der Zettel. So hat Gott mich berufen.“ Der Zimmermann blickt zur Werkstatt, in der zwei seiner älteren Söhne gerade das Dach auf einen großen Holzschuppen schrauben, den ein Rancher bei ihm bestellt hat. Dann schaut er auf die Berge, die trotz der im Tal stehenden Sommerhitze noch strahlend weiße Schneemützen tragen. „Ich kann mir nicht vorstellen, wo auf der Welt es schöner sein soll.“
Und doch wird John W. Miller im Herbst mit seiner Familie fortgehen, sie haben Land in Idaho gefunden. „Das wird dann etwas ländlicher als hier“, sagt Miller allen Ernstes und meint damit, dass er nicht länger in zwanzig Minuten zum Postamt radeln können wird. Doch die Amischen haben viele Kinder bekommen, seit sie ins Mission Valley kamen. Jetzt wird es eng - und Miller verlässt lieber sein Traumhaus, als für seine Kinder Land in unmittelbarer Nachbarschaft zu suchen. „Wir haben gute Freunde unter den Indianern“, sagt er betont milde. „Aber viele sehen in uns eine Bedrohung. Es ist besser, dass wir nicht noch mehr werden.“
Riesenhaft und kunterbunt
Der Streit, der viele Stammesälteste zu Feinden der Amischen gemacht hat, dreht sich um Heidelbeeren und Pilze. Miller steckt noch der Abend in den Knochen, zu dem er kürzlich vom „Kulturausschuss“ der Indianer in St. Ignatius eher vor- als eingeladen wurde. Es hagelte Vorhaltungen: Wir haben gehört, ihr entwurzelt Blaubeerbüsche, damit eure Kinder die Beeren pflücken können! Wir haben gehört, ihr geht mit so vielen Leuten angeln, dass der See danach fast leer gefischt ist! Wir haben gehört, dass ihr eure vielen Kinder in den Wald schickt, bis keine Pilze mehr übrig sind!
„Bestimmt sind aus Unwissen Grenzen überschritten worden“, sagt Gemeindevorsteher Miller. Doch kenne er keinen Amischen, der je einen Busch entwurzeln würde. Zum Verhängnis werde seinen Leuten eher, dass sie mit ihrer Kluft als Gruppe erkennbar seien - und dass gerade die jungen Amischen viel mehr Zeit als andere Weiße in der Natur verbrächten, weil sie weder Fernseher noch Computer hätten und erst recht keine Autos. Wenn im Herbst die Jagdsaison beginnt, wird die Lehrerin die Schule wieder schließen. Familien samt Urgroßeltern und Babys verbringen dann ganze Wochen in den Wäldern. Auch viele Mädchen der Amischen gelten als gute Schützen. „Das alles kennen die Indianer nicht von anderen Weißen“, sagt Miller. „Ich glaube, sie sehen uns als einen verfeindeten Stamm.“
Das Blaubeersammeln hat der Stammesrat jetzt allen Nichtindianern verboten. „Das bisschen Land, das uns geblieben ist“, sagt der Stammesälteste Pat Pierre zwischen zwei Schulstunden, „müssen wir vor den Eindringlingen verteidigen.“ Deshalb behagt ihm auch gar nicht, was sich in einer knappen Meile Entfernung vom Nkwusm abspielt. Zwischen den grasenden Rindern zweier Ranches thront dort die Mutter aller Buddhas und Lehrerin der großen Perfektion, Yun Chenmo, riesenhaft und kunterbunt im Zentrum eines Wagenrads aus weißen Mauern. Auf denen sollen bald tausend weiße Buddha-Figuren stehen, eine für jeden Buddha, der nach tibetischer Überlieferung im Verlauf dieses Äons in unser Universum kommen wird. „Vier waren schon auf der Erde“, erklärt Charles Pearl. Der Zweiundsiebzigjährige lebt in einem Holzhaus auf dem Gelände, kümmert sich dort um alles und erzählt gern, wie die Buddhas nach Montana kamen.
Die unstete Welt bändigen
Es begann in Chicago. Dort lebte eine gewisse Linda, die drei Jahre und drei Monate bei Lama Tsomo ins Kloster ging. Von ihm hat man Pearl erzählt, dass er seinen Ehrentitel als Rinpoche (Kostbarer) ausgerechnet seiner Zeit im chinesischen Gefängnis zu verdanken habe, wo ihn mitinhaftierte Lamas ausgebildet hätten. Linda jedenfalls ließ sich nach ihrer Einkehr in St. Ignatius nieder.
Als Lama Tsomo sie erstmals dort besuchte, hieß er sie noch auf der Fahrt vom Flughafen auf dem Highway 93 anhalten: Die Landschaft, die am Beifahrerfenster vorbeizog, wollte er aus einem sechs Jahre alten Traum wiedererkannt haben. Noch dreimal untersuchte der Rinpoche in den folgenden Tagen den Flecken und fand bestätigt, dass von ihm etwas Heiliges ausging. Es fügte sich, dass es sich um eine Schafsranch handelte, die zum Verkauf stand. Der Lama gab die Losung aus, genau dort müsse ein Friedensgarten entstehen, um die unstete Welt zu bändigen. Linda machte sich mit Freiwilligen ans Werk.
In dem Betonpodest, auf dem Yun Chenmo einen weiten Blick über liebliche Hügel, angerostete Containerhäuser und ungezählte Holztransporter auf dem Highway hat, wurde Wasser aus allen Weltmeeren eingeschlossen. Dazu kamen zerstoßene Handfeuerwaffen. „Nichts ist in Montana leichter aufzutreiben als olle Knarren“, sagt Charles Pearl und grinst. Er ist im New Yorker Stadtteil Bronx aufgewachsen und hatte Generatoren im 78. Stockwerk des World Trade Centers installiert, bevor er auf Wanderschaft ging, 1974 in Montana eine Kommune mitbegründete und später manch reichem Möchtegern-Rancher aus Kalifornien das Farmhaus aufmotzte, bis die Rezession über Montana hereinbrach und er sich endgültig dem Buddhismus zuwandte. Charles Pearl trägt ein violettes T-Shirt zu lachsfarbenen Shorts, umrundet Yun Chenmo im Uhrzeigersinn, kniet nieder und legt seine Stirn an den güldenen Sockel. „Ich weiß nicht, wozu das gut ist, aber die Lamas machen das immer so.“
Das Versprechen des Dalai Lama
An den Wochenenden gießen Freiwillige Buddha-Statuen. Gut 850 stehen schon im Schuppen. Fragen nach der Finanzierung weicht Pearl aus. „Spenden und so“, sagt er knapp. Doch auch er wird wissen, dass sich jene Linda aus Chicago ihre Villa im Wald über St. Ignatius nur leisten konnte, weil sie eine Pritzker ist und ihrer eng mit Barack Obama verbandelten Familie der Hyatt-Hotelkonzern gehört. Der Dalai Lama hat versprochen, den Friedensgarten einzusegnen. „Wenn er nicht vorher stirbt oder der dritte Weltkrieg ausbricht“, unkt Pearl.
Pat Pierre hält das alles für Zirkus. „Das ist unser heiliges Land“, beharrt er. Robert McDonald von der Stammesverwaltung versteht das Belagerungsgefühl der Ältesten. Aber er rechnet Lama Tsomo hoch an, dass er ganz am Anfang den Indianern seine Aufwartung gemacht habe. Anders als die Amischen hätten auch die Buddhisten eine tiefe, spirituelle Beziehung zum Land. Doch Pat Pierre hat nicht mit der katholischen Kirche gebrochen, der seine Eltern noch angehörten, um nun den Buddhismus zu studieren. „Die Jesuiten“, sagt Pat Pierre, „haben in uns ja auch nur Wilde und Heiden gesehen, anstatt sich mit uns auf die Suche nach dem Großen Geist zu begeben.“
Wenn Father Andrew Maddock sonntags in der Backsteinkirche des heiligen Ignatius die Messe liest, in der ein italienischer Missionskoch vor 120 Jahren Fresken malte, die Montanas Fremdenverkehrsämter heute als „weltberühmt“ vermarkten, dann ist aber noch immer fast jeder Zweite auf den Bänken ein Indianer. Die Chiefs hatten die „schwarzen Roben“ damals selbst hergebeten. „Als die Patres kamen, verfolgten sie zwei Ziele“, sagt der Pfarrer, der selbst der Gesellschaft Jesu angehört. „Natürlich lehrten sie die Indianer Gottes Wort. Aber sie beschützten sie auch vor dem weißen Mann, denn hier waren einige Gesellen unterwegs, mit denen nicht zu spaßen war.“
„Die Sprache ist unsere Versicherung“
Pater Andrew versucht heute sehr wohl, an die „besondere Spiritualität“ der Indianer anzuknüpfen. Das ewige Licht leuchtet in seiner Kirche neben einem Tipi, das die geweihten Hostien beherbergt. An der Rückwand des Kirchenschiffs hängt die Darstellung eines rothäutigen Christus mit Federschmuck unterm Heiligenschein. „Ich tanze gern mit den Indianern“, sagt der Pater. „Und ich bin sicher nicht derjenige, der ihnen sagt, dass Bäume keine Seele haben.“ Genauso wenig, wie er versuche, ihnen den Alkohol oder das Glücksspiel auszutreiben. „Wir Europäer waren es doch, die den Alkohol nach Montana gebracht haben“, sagt Andrew Maddock. „Was soll ich jetzt predigen, damit die Leute davon ablassen?“
Eines der ältesten Bücher auf Salish ist eine Sammlung katholischer Gebete. Viel mehr gibt es gar nicht. Im Nkwusm müssen die Lehrer fast alle Materialien selbst herstellen. Der Klassenlehrer, der während Pat Pierres Salish-Stunde an einem zweiten Pult seine Sachkunde- und Mathestunden vorbereitet, hat nie einen Sprachkurs für Erwachsene besucht: Es gibt keine. Gelegentlich macht er sich Notizen, wenn Pat Pierre den Kindern ein Wort beibringt, das er auch noch nicht kennt. Trotzdem versucht der Lehrer, auch seinen Unterricht weitgehend in der Indianersprache zu erteilen. Gröbere Fehler verbessert Pat Pierre vor der Klasse. Schulgründerin Melanie Sandoval weiß, dass sie das Pferd von hinten aufzäumen. „Wir haben nicht genug Zeit, um zu warten, bis unsere Lehrer die Sprache perfekt beherrschen.“
Pat Pierre ist einst von seiner Oma ausgeschimpft worden, wenn er Worte verkürzte. „Erst beschneidest du das Wort, und irgendwann ist es weg“, sagte sie ihm. Deshalb lehrt er im Nkwusm die Langformen, auch wenn es schwerfällt: Ńeýxwewscnin. Den Schulkindern erklärt Pat Pierre: „Egal, wovon du die Wurzeln abtrennst, es wird sterben.“ Der Stammesälteste klappt sein Handy auf, um nach der Zeit zu sehen. Noch fünf Stunden. Man sieht dem alten Mann an, dass ihn der Lehrerjob schlaucht. Aber es muss sein. „Eines Tages wird die Regierung in Washington Leute herschicken, die prüfen, ob wir überhaupt noch Traditionen pflegen“, sagt Pat Pierre eindringlich. „Die Sprache ist unsere Versicherung. Sonst ist alles vorbei.“
