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Kämpfe um Hoheitsgebiete : Somalias verworrenes koloniales Erbe

Anarchische Zustände: Gefechte in Somalias Hauptstadt Mogadischu im Juli Bild: dpa

Zwischen Somaliland und Puntland droht Krieg. Beobachter befürchten, die Kämpfe am Horn von Afrika könnten den Dschihadisten nützen.

          Die Menschen verbluten einfach in der Wüste. Dutzende Tote sollen Kämpfe in Somaliland gefordert haben, und weil am Mittwoch immer noch gekämpft wurde, dürfte sich die Zahl der Opfer weiter erhöhen. „Es gibt keine Krankenhäuser in der Gegend, es gibt kaum Hilfe für die Verletzten“, berichtete der Bauer Ahmed Ismail der Nachrichtenagentur Reuters von dem Gemetzel. Nur wenige Verwundete hätten in weit entfernte Hospitäler gebracht werden können.

          Thilo Thielke

          Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Ahmed Ismail lebt in dem Dorf Dhumey, und Dhumey liegt im Grenzgebiet zu der Somalia-Provinz Puntland. Die Nachrichten über die Gefechte werden von Puntlands „Innenminister“, Abdullahi Ali Hirsi, bestätigt: „Nach unseren Informationen starben 51 Menschen, und 120 wurden verletzt, nachdem Clans sich bereits seit zwei Tagen Feuergefechte mit schweren Waffen liefern.“ Es sei unglücklich, dass Somaliland sich auf die Seite zweier kämpfender Clans geschlagen und deren Milizen bewaffnet und bezahlt habe. Die Alten mögen nun den Konflikt schlichten und ihre Leute zu Friedensgesprächen in Puntland bitten.

          Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert

          Die Auseinandersetzungen im Grenzgebiet der beiden Rivalen sind nicht neu. Schon seit langem streiten sich Somaliland und Puntland um die Regionen Sool, Sanaag und einen Teil der Region Togdheer. Seit Monaten kommt es immer wieder zu blutigen Zwischenfällen. Erst im Mai hatte es Dutzende von Toten in Kämpfen gegeben, die der Puntland-Kommandeur Abdifatah Saiid nachher als „höllische Gefechte“ bezeichnete.

          Die ungeklärte Grenzfrage ist eine Folge des jahrzehntelangen Chaos in der Region am Horn von Afrika. Die Gegend war für verschiedene Kolonialmächte seit dem späten 19. Jahrhundert von höchstem strategischen Interesse, da am Golf von Aden der Zugang zum Suezkanal und somit der Schiffsverkehr zwischen Asien und Europa kontrolliert werden kann. Das Ergebnis der europäischen Kabalen um den Engpass zwischen Afrika und der Arabischen Halbinsel war: Somaliland wurde im Jahr 1884 britisches Protektorat, während das nördlich gelegene Djibouti von den Franzosen kontrolliert wurde und das südlich gelegene Somalia mit der Hauptstadt Mogadischu von den Italienern. Während sich Djibouti aber 1977 als Staat selbständig machte, wurden das britische und das ehedem italienische Kolonialgebiet 1960 zur Jamhuuriyadda Federaalka Soomaaliya vereinigt, der Bundesrepublik Somalia.

          Unruhen in Somalia seit über 20 Jahren

          Solange der Putschist und Diktator Siad Barre das Land mit eiserner Faust regierte, blieben die Landesteile vereint. Nach dem Ende von Barres Herrschaft jedoch erklärte sich Somaliland 1991 zur eigenen Republik – seitdem agiert die Somaliland-Regierung in ihrer Hauptstadt Hargeisa de facto selbständig, obwohl sie bislang von keinem Staat der Welt anerkannt wurde. Lange Zeit galt die Politik der Somaliland-Herrscher gar als Musterbeispiel für gute Regierungsführung in einer Region, die zusehends von Staatszerfall und Terror betroffen war.

          Somalia hingegen kam seit Beginn der Clan-Kämpfe Anfang der neunziger Jahre nicht mehr zur Ruhe. Amerikanische Truppen, die versuchten, das Land zu befrieden, wurden vertrieben. Zwischenzeitlich übernahmen die Islamisten der „Islamischen Gerichte“ die Kontrolle über die Hauptstadt und weite Teile des Landes. Dann schritt eine äthiopische Invasionsarmee ein. Seither machen die Terroristen der Shabaab-Miliz den Menschen das Leben zur Hölle. Zwischen Somaliland im Norden, Äthiopien im Westen und Kenia im Süden herrscht Anarchie.

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          Auch die Führung Puntlands rief im Laufe des somalischen Clan-Kriegs, der Anfang der neunziger Jahre begann, einen eigenen autonomen Teilstaat mit der Hauptstadt Garoowe aus. Allerdings gehörte Puntand früher schon zu Italienisch-Somaliland mit der Hauptstadt Mogadischu. Der Puntland-General Abdullahi Yusuf amtierte von 2004 bis 2008 sogar als Präsident einer in Kenias Hauptstadt Nairobi zusammengestellten somalischen Übergangsregierung.

          Krieg begünstigt Lage für Terrororganisationen

          In den Auseinandersetzungen zwischen Somaliland und Puntland geht es nun um die Frage, wer rechtmäßiger Herr über die umstrittenen Gebiete ist. Derzeit wird das Ödland von Somaliland kontrolliert. Dessen Regierung argumentiert, dass das Land früher schon zu Britisch-Somaliland gehört habe, also jenem Gebiet, das mit dem der heutigen Republik Somaliland identisch ist. Puntlands Separatisten, die sich eine eigene blau-weiß-grüne Flagge und sogar eine eigene Nationalhymne verpasst haben, argumentieren, dass in den umstrittenen Territorien Angehörige ihres Clans leben, und verweisen auf willkürlich durch die Kolonialmächte gezogene Grenzen. Völkerrechtlich gehört das Land immer noch zu Somalia, einem Staat, der als solcher seit langem nicht mehr existiert.

          Vor einem Krieg zwischen Somaliland und Puntland warnt auch die International Crisis Group (ICG) in einem Bericht, der Ende Juni veröffentlicht wurde. Die Lage könne jederzeit eskalieren, schreiben die Experten des Brüsseler Thinktanks in dem Bericht „Einen Krieg in Nord-Somalia verhindern“; seit Monaten zögen beide Parteien massiv Truppen im Konfliktgebiet zusammen. Zudem würden die politischen Führer der Regionen die Bevölkerungen gegeneinander aufhetzen. Sollte es zum offenen Krieg kommen, schwant Ernst Jan Hogendoorn, dem stellvertretenden Direktor des Afrika-Programms der ICG, Böses: „Wenn die Sicherheitsorgane dieser beiden schwachen Regionen damit beschäftigt sind, einander zu bekämpfen, haben Terrororganisationen wie al Shabaab oder der ,Islamische Staat‘ leichtes Spiel.“

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