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Im Interview: Michail Chodorkowskij „Putin scheint Stalins Meinung über die Justiz zu teilen“

Michail Chodorkowskij ist der bekannteste Häftling Russlands. Vom Gefängnis aus hat der ehemalige Öl-Unternehmer und spätere Oppositionelle Fragen der F.A.Z. über seine Fehler der Vergangenheit, die Vorwürfe gegen ihn und die Beziehungen des Westens zu Russland beantwortet.

© REUTERS Vergrößern Interview in der Gefangenschaft: Michail Chodorkowskij

Michail Chodorkowskij war Ende der achtziger Jahre mit Mitte zwanzig einer der Gründer der ersten privaten Bank in der Sowjetunion. Nach deren Zerfall mischte er mit diesem Startkapital bei der Privatisierung der russischen Ölindustrie mit und wurde mit seinem Konzern Yukos zum reichsten Mann Russlands.

Sein rasanter Aufstieg ging abrupt zu Ende, als er sich mit dem damaligen Präsidenten Putin anlegte: 2003 wurde er verhaftet und 2005 in einem ersten Prozess wegen Steuerhinterziehung zu acht Jahren Haft verurteilt. Ende 2010 wurde Chodorkowskij in einem zweiten Verfahren zu 13 Jahren Haft verurteilt, weil er das gesamte Öl seines Konzerns gestohlen habe. Für dieses Interview haben die Anwälte schriftliche Fragen der F.A.Z., des „Wall Street Journal“, von „Le Figaro“ (Frankreich), „Il Mondo“ (Italien) und „Wedomosti“ (Russland) an Chodorkowskij ins Gefängnis weitergeleitet und anschließend die Antworten übermittelt.

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Herr Chodorkowskij, Russland wird von vielen westlichen Staatsführern und Politikern als befreundetes Land bezeichnet. Ist das ein strategischer Fehler?

Der Hauptirrtum einiger Leute im Westen besteht darin, dass sie es in den Beziehungen zu Russland für „Realpolitik“ halten, auf die Verteidigung der euro-atlantischen Werte der Demokratie, des Rechtes auf Eigentum und die Herrschaft des Gesetzes zu verzichten. Aber Russland ist dafür ein zu einflussreicher Spieler auf dem europäischen Kontinent, und der europäische „Pragmatismus“ wirkt zu ernsthaft auf die psychologische Atmosphäre in unserem Land ein. Wie ein Klassiker des Marxismus-Leninismus gesagt hat: „Die Kapitalisten verkaufen uns selbst den Strick, an dem wir sie aufhängen.“ Für das Fehlen einer einheitlichen Position in der russischen Frage, für die derzeitige Trägheit in der Frage der Menschenrechte, für die relative Trägheit in der Frage der Energiesicherheit (und nicht nur in dieser) wird bald teuer zu zahlen sein. Im direkten und im übertragenen Sinn, und sowohl für Russland als auch für Europa.

Mikhail Khodorkovsky and Platon Lebedev © dpa Vergrößern „Ein Leben ohne Ziel – das ist kein Leben.” Michail Chodorkowskij hier im Mai 2011 auf dem Weg zu einer Gerichtsverhandlung in Moskau.

Vergangenen Monat hat das Moskauer Stadtgericht die 13 Jahre Haft bestätigt, zu denen Sie Ende vergangenen Jahres in Ihrem zweiten Prozess verurteilt worden sind. Werden Sie sich jetzt still verhalten in der Hoffnung auf vorzeitige Entlassung, oder sagen Sie weiter offen Ihre Meinung? Für Interviews droht Ihnen die Einweisung in den Karzer...

In den letzten Jahren vor meiner Verhaftung habe ich mich aktiv gesellschaftlich betätigt und für bürgerliche Freiheiten gekämpft. Ich habe die Opposition finanziert, unabhängigen Massenmedien geholfen, die Arbeit für die politische Bildung der Jugend unterstützt. Das Gefängnis hat die Mittel verändert, aber nicht das Ziel. Die Lage ist so, dass mein Verhalten keine neuen Bedrohungen für meine Freunde, meine Familie, meine Kollegen mit sich bringt. Für mich selbst habe ich keine Angst. Und ein Leben ohne Ziel – das ist kein Leben. Schon in der Kindheit war mir der Gedanke nahe, dass es besser ist, hell zu glänzen und zu verglühen, als lange sinnlos zu vermodern. Und so lebe ich.

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Veröffentlicht: 15.06.2011, 08:49 Uhr

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