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Im Gespräch: Wolfgang Ischinger „Die zweite Reihe nimmt uns keiner mehr ab“

 ·  An diesem Freitag beginnt die 49. Münchner Sicherheitskonferenz. Im FAZ.NET-Interview spricht ihr Vorsitzender, Wolfgang Ischinger, über deutsche Fehler im Mali-Konflikt, falsche Zurückhaltung der Politik und die Bedeutung von Münchner Hinterzimmertreffen.

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© dpa Vergrößern „Die Erwartungen an Deutschland sind gestiegen“: Wolfgang Ischinger

Herr Ischinger, die weltpolitische Elite trifft sich heutzutage unablässig auf Gipfeln und Tagungen wie der Ihren. Heraus kommt dabei häufig wenig. Woran liegt das?
Die Münchner Sicherheitskonferenz kann kein Organ für international verbindliche Entscheidungen sein. Das wäre ja vermessen. Als privater Veranstalter kann ich nur versuchen, durch Themen, Teilnehmer und Diskussionen kreative Impulse zu setzen und Lösungsvorschläge für die Staaten und internationalen Organisationen zu bieten.

Die Bedingungen dafür sind schwieriger geworden. Früher war die Wehrkundetagung eine traute Kaminrunde der Nato-Verteidigungsminister. Heute lässt sich die Konferenz live im Internet verfolgen. Wo bleibt da noch Raum für den offenen Dialog?
Die Sicherheitskonferenz unterscheidet sich in einem ganz entscheidenden Punkt von anderen Veranstaltungen. In München sitzen mehr als 300 Teilnehmer zusammen in einem Raum. Da ergeben sich eine Vielzahl unkomplizierter Gespräche; im Tagungssaal, in den Pausen und auch abends an der Bar. Da wird unendlich viel geredet, und die Teilnehmer können sich auch zurückziehen. Ein Außenminister kann an einem Wochenende ein Dutzend bilaterale Gespräche führen, wenn er gut plant. Das erspart ihm manche Auslandsreise.

Lebt die Sicherheitskonferenz mehr von ihren Hinterzimmertreffen als vom offenen Dialog?
Sie benötigt beides. Wir würden einen großen Fehler machen, wenn wir im Zeitalter von Twitter und Facebook uns dem Vorwurf aussetzen würden, den ja manche ohnehin erheben: dass in München Nato-Vertreter insgeheim die nächsten Kriege planen. Das Gegenteil ist ja der Fall:  Die Konferenz ist ein Ort, um Kriege und Konflikte zu verhindern. Dem können wir dadurch am besten begegnen, dass die Konferenz auch auf dem Laptop in Australien verfolgt werden kann. Daneben brauchen wir aber auch das vertrauliche Gespräch.

Wenn ein Australier sich die Konferenzübertragung anschaut, sieht er überwiegend westliche Gäste. Aufstrebende Schwellenländer sind dagegen häufig nur mit Vertretern aus der zweiten oder dritten Reihe anzutreffen. Schmerzt Sie das?
Nein, ganz und gar nicht. Es ist auch nicht so schlimm, wie Sie es darstellen. Wenn ich größere Räumlichkeiten zur Verfügung hätte, könnte ich meine Türen dem Ansturm aus anderen Teilen der Welt auch weiter öffnen. Ich muss mir sehr genau überlegen, wem aus dem Westen ich einen Sitz im Saal verweigere. In diesem Jahr wird mit Brasiliens Außenminister Antonio Patriota erstmals ein namhafter Vertreter aus Lateinamerika zur Konferenz reisen. Gäste wie er nehmen im Zweifel einem deutschen General oder einem Bundestagsabgeordneten den Platz weg.

Brasilien wird in den kommenden Jahren eine bedeutende globale Rolle zugeschrieben. Kann es sich die Sicherheitskonferenz leisten auf Befindlichkeiten der Abgeordneter oder Generale Rücksicht zu nehmen, ohne an Bedeutung zu verlieren?
Wir überlegen sehr genau, wie wir die Konferenz an die internationalen Gegebenheiten anpassen. In der Tat brauchen wir mehr Teilnehmer aus Staaten wie China, Indien und Brasilien. Daran arbeiten wir. Aber der Kern der Veranstaltung bleibt die transatlantische Gemeinschaft. Wir wollen nicht zu einer Konferenz für alle werden.

Sie hatten im vergangenen Jahr angekündigt, den Kreis weiblicher machen zu wollen. Haben Sie Ihr Ziel erreicht?
Wir konnten den Anteil der Entscheidungsträgerinnen im Vergleich zum Vorjahr verdoppeln und liegen nun bei knapp zwanzig Prozent. Das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Aber wir befinden uns auf einem guten Weg.

Mit Mali steht ein neuer Krisenherd auf der Agenda. Sind sich die Deutschen über die Gefahren im Klaren, die sich in der Region derzeit für sie entwickeln?
Wenn ich mir die deutsche Debatte um Mali betrachte, kann ich das nicht erkennen. In ihr ging es vor allem darum, ob die Franzosen mit uns zufrieden sind. Aber wir dürfen nicht das Leben eines deutschen Soldaten riskieren, um jemandem einen Gefallen zu tun. Das Thema ist ein anderes. In den von Ihnen angesprochenen Gebieten sind deutsche Sicherheitsinteressen gefährdet. Darüber und über die Schlussfolgerungen daraus hätte diskutiert werden müssen.

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31.01.2013, 14:42 Uhr

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