http://www.faz.net/-gpf-9gd

Im Gespräch: Valerij Choroschkowskij : „Frau Timoschenko ist im Kriegszustand“

  • Aktualisiert am

Choroschkowskij: „Die letzte Regierung hat eine Menge Fehler gemacht” Bild:

Über den Chef des ukrainischen Geheimdienstes SBU gehen die Meinungen auseinander. Er selbst hält sich für einen unerbittlichen Kämpfer gegen Korruption. In der Sonntagszeitung spricht Choroschkowskij über seine Ämterhäufung und die Bespitzelung des F.A.Z.-Korrespondenten.

          Herr Choroschkowskij, Sie sind einer der mächtigsten Männer der Ukraine. Sie besitzen ein Medien-imperium, Sie führen den Geheimdienst SBU mit 30 000 Mitarbeitern, haben einen Sitz im Obersten Justizrat, der Justiz und Richter beaufsichtigt. Von den drei Gewalten kontrollieren Sie damit zwei, die Exekutive und die Judikative, sowie dazu die „vierte Gewalt“, die Medien.

          Ich kontrolliere gar nichts. Ich bin nur Mitglied der von Ihnen genannten Behörden. Außer meinem Platz in drei von vier Gewalten bin ich übrigens auch Mitglied im Rat der Nationalbank - und ich glaube, das ist eine ganz normale Sache. Warum? Weil meine Eigentümerrechte (bei Inter Holding, einem der einflussreichsten Medienkonzerne der Ukraine, Anm. d. Red.) mittlerweile von anderen wahrgenommen werden. Wir alle besitzen ja etwas, manche eben mehr und manche weniger. Und was meine Funktionen als Mitglied des Obersten Justizrates und als Chef des Geheimdienstes betrifft: Ich halte das für sehr nützlich, denn eine Aufgabe des Geheimdienstes ist der Kampf gegen die Korruption. Eine Kombination von zwei Positionen ist in dieser Sphäre unerhört wichtig.

          Eigentlich sollen Justiz und Medien die Exekutive kontrollieren. Sie repräsentieren als Geheimdienstchef einen Kernbereich der Exekutive, aber statt unter der Aufsicht von Justiz und Medien zu stehen, haben Sie Zugriff auf beide Sphären. Wer also kontrolliert Ihre Macht?

          Ich weiß, dass es Gewaltenteilung geben muss, und ich bin sicher, dass meine Position diesem Prinzip nicht widerspricht, trotz meiner vielen Funktionen. Über meine Rolle bei der Medienholding Inter gibt es übrigens ein großes Missverständnis. Ich habe meinen Einfluss auf die redaktionelle Politik von Inter aufgegeben. In diese Prozesse mische ich mich nicht ein. Ich habe diese Funktionen delegiert. Anders als manche sagen, sind diese Führungsaufgaben nicht auf meine Frau übergegangen, sondern auf eine Firma, die diese Funktionen ausübt.

          Ihre Frau hat also damit nichts zu tun?

          Sie ist nur die Direktorin der Gesellschaft, die die UA Inter Media Group besitzt. Das Management liegt aber bei jemand anderem.

          Was also ist die Rolle des Geheimdienstchefs beim Medienimperium „Inter“?

          Ich bin immer noch der Eigentümer, aber ich habe mit der täglichen Planung nichts zu tun.

          Es heißt, der Gasunternehmer Dmitro Firtasch, den manche für die graue Eminenz der Ukraine halten, sei an Ihrem Mediengeschäft durch Kaufoptionen beteiligt.

          Der Optionsvertrag wurde nicht realisiert und ist im letzten Jahr ausgelaufen. Es gibt zwar Verhandlungen, aber Firtasch ist heute weder Aktionär bei uns, noch besitzt er Optionen.

          Manche sagen, es gebe in diesem Land eine führende Seilschaft, deren Mittelpunkt Ihr früherer Geschäftspartner Firtasch sei, während Sie und der Chef der Präsidialkanzlei, Serhij Ljowotschkin, sowie Energieminister Jurij Bojko seine Helfer sein sollen.

          Das ist eine Erfindung. Ich habe nicht viel Zeit, Firtasch zu sehen, aber wir pflegen gute Beziehungen zueinander.

          Sind Sie Freunde?

          Ja. Das kann ich so sagen.

          Stimmt es also, dass eine Gruppe von Freunden rund um Firtasch und seine Gashandelsfirma „RosUkrEnergo“ das eigentliche Machtzentrum der Ukraine ist?

          Das stimmt nicht. Alle von Ihnen genannten Personen halten staatliche Ämter. Wir vermengen unsere Dienstpflichten aber nicht mit unseren Privatgeschäften.

          Die Presse ist voll von Aussagen von Menschen, die behaupten, sie würden von Ihrem Geheimdienst besucht, überwacht, bedroht. Die frühere Ministerpräsidentin Julija Timoschenko beschwert sich über Beschattung, und Anna Hutsol, die Chefin der Frauenorganisation „Femen“, berichtet, SBU-Offiziere hätten sie nachts besucht und ihr gedroht, es könne noch „mit einem gebrochenen Bein“ enden, wenn sie mit ihren Protestaktionen weitermache. Was wissen Sie von solchen angeblichen Übergriffen Ihres Dienstes?

          Vielleicht hat es einen oder zwei solcher Fälle gegeben, vielleicht auch nicht. Viele, die so etwas behaupten, versuchen nur, auf Kosten des Dienstes das eigene Prestige zu erhöhen.

          Man wirft Ihnen auch vor, die Presse einzuschüchtern. Kontaktpersonen und Interviewpartner der Frankfurter Allgemeinen berichten zum Beispiel, sie seien von Ihren Leuten über die Arbeit dieser Zeitung in der Ukraine ausgefragt worden. Ist da etwas dran?

          Weitere Themen

          Der Riss wird tiefer

          FAZ Plus Artikel: Streit in der Union : Der Riss wird tiefer

          Der Streit zwischen den beiden Unionsparteien lief schon einige Wochen und schien doch in ruhigere Fahrwasser einzuschwenken. Doch dann fuhr Markus Söder nach Linz.

          Für Kind und Kummer

          Online-Beratung von Hebammen : Für Kind und Kummer

          In Deutschland gibt es zu wenige Hebammen. Wer keine findet, steht mit einem Neugeborenen und vielen Unsicherheiten alleine da. Können digitale Angebote den Mangel ausgleichen?

          Vorfreude auf die Fahrerlaubnis Video-Seite öffnen

          Frauen in Saudi-Arabien : Vorfreude auf die Fahrerlaubnis

          Saudi-Arabien war bisher das einzige Land der Welt, in dem Frauen nicht Auto fahren durften. Doch König Salman hatte im vergangenen Herbst dafür gesorgt, dass die Gesetze geändert wurden. Und am 24. Juni fällt nun endlich das Fahrverbot für Frauen.

          Topmeldungen

          Opposition gegen Erdogan : Mit Empathie gegen die geballte Faust

          Die „#Tamam“-Bewegung hat den türkischen Widerstand beflügelt und zum Bündnis der wichtigsten Oppositionsparteien geführt. Für die Wahlen am Sonntag könnte das die Spaltung des Landes bedeuten.
          Merkel und Macron in Meseberg Anfang der vergangenen Woche. Macron gibt der Bundeskanzlerin in der Asyldebatte Rückendeckung.

          Minigipfel in Brüssel : Warum Angela Merkel zwischen den Fronten steht

          Beim Asyltreffen mit 16 EU-Staaten in Brüssel will Bundeskanzlerin Merkel eine Lösung im Asylstreit finden. Doch das könnte schwierig werden. Ein Überblick über die Forderungen der anwesenden Länder und warum zwölf Länder nicht am Gipfel teilnehmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.