03.03.2011 · Der Heyne-Verlag hat das Buch „Mit der Hölle hätte ich leben können“ von Daniela Matijevic im „Spiegel“ als „absolut glaubwürdig“ verteidigt. Rupert Neudeck, Balkan-erfahrener Gründer von Cap Anamur erklärt, was er davon hält.
Sie haben „Mit der Hölle hätte ich leben können“ gelesen. Was ist Ihr Eindruck?
Ich kann nicht glauben, dass dieses Buch als Sachbuch erschienen ist. Nichts darin hält der Wirklichkeit stand, wie sie 1999 im Kosovo herrschte. Ich bin damals selbst im Kosovo gewesen, und das war, abgesehen von dem Schiff „Cap Anamur“, die intensivste Erfahrung meines humanitären Engagements. Wir waren zunächst im Kosovo und sind nach dem Beginn der Bombardierungen durch die Nato nach Mazedonien gegangen, wo wir in den dramatischen Tagen waren, als die Kosovo-Albaner aus dem Land gejagt wurden. Später haben wir auch in Albanien ein Flüchtlingslager aufgebaut und sind nach Kriegsende im Juni 1999 im ersten möglichen Moment wieder ins Kosovo gegangen, gleichzeitig mit der Bundeswehr.
Hatte das Gebiet etwas mit dem Kosovo gemein, das im Buch beschrieben wird?
Überhaupt nicht. Die Behauptung, dieses Buch habe in irgendeiner Weise etwas mit der Realität des Kosovo im Jahr 1999 zu tun, ist skandalös. Weder die Einheimischen noch die westlichen Soldaten litten in irgendeiner Weise Hunger. Anders als in dem Buch beschrieben, mussten Bundeswehrsoldaten auch kein Hundefleisch essen vor Hunger. Aber Hunger hat ja eine andere Konnotation als Appetit.
Vielleicht hat die Autorin Hunger und Appetit verwechselt?
So könnte es sein, denn Mahlzeiten spielen in ihrem Buch eine gewaltige Rolle. Ich halte es schon fast für krankhaft, dass jemand, der sich mitten in einer für das Europa des ausgehenden 20. Jahrhunderts dramatischen, historischen Umbruchsituation befindet und dort an einer so wichtigen Mission teilnimmt, ständig nur ans Essen denkt. Das spricht Bände. Auf diesem Niveau setzt sich das im ganzen Buch fort. Die Autorin hat politisch überhaupt nichts begriffen. Wer behauptet, die Serben seien katholisch, verfügt nicht einmal über einfachste Grundkenntnisse vom Balkan, was für das Lektorat des Verlages offenbar ebenso gilt. Die Serben mit dem Vatikan in Verbindung zu bringen - dass muss man erst einmal hinkriegen. Der Text ist außerdem geprägt von Vorurteilen gegenüber „den Einheimischen“, also Kosovaren, Muslimen, Kosovo-Albanern.
Hat das Buch rassistische Züge?
Ja. Mich hat sehr gewundert, dass die Albaner als Muslime in den Vordergrund gestellt werden. Dabei weiß jeder, der das Kosovo kennt, dass dort eine der unscheinbarsten Erscheinungsformen des Islams herrscht, die es gibt. Deshalb haben sich ja viele islamische Staaten nicht dazu durchringen können, das Kosovo als Staat anzuerkennen. Das ist nicht der Islam, den sich Hardliner wünschen.
Sie bereisen seit Jahrzehnten die Krisengebiete der Welt. Über solche Gegenden werden viele Bücher veröffentlicht - auch viele schlechte.
Das kommt vor, aber in dieser Massivität habe ich das noch nicht erlebt. Hier ist einfach alles falsch. Wer die Situation im Kosovo kennt, weiß genau: So ist es nicht gewesen. Hier wird vom Leser verlangt, dass er aufgrund des Mitleids, das wir mit traumatisierten Menschen wie der Autorin haben, über alle Fehler und Klischees in der Darstellung hinwegsehen soll.
Der Sachbuch-Chef des Heyne Verlages behauptet aber im „Spiegel“, das Buch sei absolut glaubwürdig. Die vielen Kritiker hätten einfach nur eine andere Meinung als die Autorin.
Das ist blanker Unfug. Es geht nicht um Meinungen, sondern um Tatsachen. Es geht darum, dass die Schilderungen in dem Buch nicht einmal teilidentisch sind mit dem, was jeder erleben konnte, der 1999 im Kosovo war - also die Vertriebenen, die Rückkehrer, die humanitären Helfer und die Soldaten. Es wird niemanden geben, der diese erfundenen Darstellungen bestätigen wird. Der Verlag weiß offenbar nicht, wie er sich aus dieser Geschichte herauswinden soll. Wenn Heyne sein Gesicht wahren will, ist es das denkbar Untauglichste, jetzt immer noch an so einem Buch festzuhalten.
Immerhin war das Buch ein großer PR-Erfolg. Es gab positive Rezensionen, die Verfasserin trat in Talkshows auf.
Dass auch öffentlich-rechtliche Medien die Autorin feierten, wird den Verlag darin bestätigen, dass man heute den gröbsten Unfug auf den Markt bringen kann, ohne dass es Konsequenzen hat. Mir fällt dazu ein berühmter Satz Bismarcks ein, der gesagt hat, der Balkan sei nicht die Knochen eines pommerschen Grenadiers wert. In der heutigen Zeit bedeutet das offenbar, dass der Balkan es nicht einmal wert ist, in der gleichen Weise publizistische Gerechtigkeit und Wahrheit zu erfahren, wie wir das bei Berichten über westliche Länder für selbstverständlich halten.
Rupert Neudeck, geboren 1939 in Danzig, wurde als Gründer des „Komitees Cap Anamur“ bekannt. Sein tatkräftiges humanitäres Engagement brachte ihm weltweit Anerkennung und zahlreiche Ehrungen ein, so die Theodor-Heuss-Medaille, den Marion-Dönhoff-Preis und den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. Während der Kriege im einstigen Jugoslawien war er auf dem Balkan.
In dem umstrittenen Buch beschreibt eine einstige Bundeswehrsoldatin ihre angeblichen Erlebnisse im Kosovo. Recherchen dieser Zeitung haben ergeben, dass maßgebliche Teile des Buchs erfunden sind.
ich werde sicher kein Buch des Heyne-Verlages mehr kaufen
Paul Banaschak (paul.banaschak)
- 03.03.2011, 08:16 Uhr
Dieses Interview ist
Dieter Erkelenz (d.erkelenz)
- 03.03.2011, 09:35 Uhr
Ungeheuerlichkeit
Torlin Monger (TMonger)
- 03.03.2011, 09:41 Uhr
deja vu
Michel Brandt-Pollmann (michelbp)
- 03.03.2011, 10:57 Uhr
Herr Neudeck ist einseitig
Josip Je (janko01)
- 03.03.2011, 12:11 Uhr