Home
http://www.faz.net/-gq5-137kb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch mit Rebiya Kadeer „Die Han hassen uns“

25.07.2009 ·  Die Präsidentin des Uigurischen Weltkongresses, Rebiya Kadeer, erhebt im F.A.Z.-Interview schwere Vorwürfe gegenüber der chinesischen Regierung. Bei den Unruhen in Xinjiang habe es mindestens 500 bis 1000 Tote gegeben.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (13)

Rebiya Kadeer wurde von der Vorzeige-Uigurin zur Anführerin im Exil. Sie wurde 1948 im Altai-Gebirge geboren und wuchs in Aksu im Süden der Provinz Xinjiang auf. Nach der Scheidung von ihrem ersten Mann machte sich die Mutter von neun Kindern als Besitzerin einer Wäscherei selbständig - mit Erfolg. Sie wurde zu einer der vermögendsten Frauen in China. 1978 heiratete Frau Kadeer den uigurischen Widerstandskämpfer Sidik Rouzi. Als sie 1992 in den Volkskongress berufen wurde, galt sie lange Zeit als „Vorzeige-Uigurin“. Schon damals äußerte sie regelmäßig Kritik am Verhalten der Regierung gegenüber dem Volk der Uiguren. Ihr zweiter Mann lebte bereits in den Vereinigten Staaten, als Frau Kadeer 1999 wegen „Verrats von Staatsgeheimnissen“ zu acht Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Sie hatte amerikanischen Abgeordneten Zeitungsartikel für ihren Mann übergeben, die allerdings längst erschienen waren. Nach sechs Jahren im Gefängnis kam sie 2005 frei. Seitdem lebt Frau Kadeer in den Vereinigten Staaten. Fünf ihrer Kinder leben noch in China.

Frau Kadeer, wie ist die derzeitige Lage der Uiguren in Xinjiang und der Provinzhauptstadt Urumtschi?

Die Uiguren dort leben in absoluter Angst. Sie fürchten, vom chinesischen Mob attackiert zu werden oder von den chinesischen Sicherheitskräften verhaftet oder sogar exekutiert zu werden.

Wie stellt sich die Situation der Uiguren in anderen Teilen Chinas dar?

Schrecklich. Auch dort leben die Uiguren in totaler Angst. Uns wurde mitgeteilt, dass viele Uiguren in Ostchina vom chinesischen Mob attackiert wurden.

Nach offiziellen Angaben der chinesischen Regierung gab es bei den jüngsten Unruhen 192 Tote. Wie lauten Ihre Informationen?

Wir hören von wesentlich mehr Toten, zwischen 500 und 1000 Opfern. Aber sicher bestätigen können wir diese Angaben nicht, da die chinesische Regierung eine Informationsblockade über Ost-Turkestan verhängt hat.

Wie erhalten Sie überhaupt Informationen aus Xinjiang?

Anfangs riefen die Menschen regelmäßig bei uns an, ganz ohne Angst und ohne Einschränkung. Doch dann kappte die chinesische Regierung alle Kommunikations- und Internetverbindungen.

Die chinesischen Behörden behaupten, Sie hätten die Proteste vom 5. Juli in Urumtschi angestiftet.

Das ist absolut falsch. Es ist wie immer: Für alles, was in Ost-Turkestan passiert, beschuldigt China mich. Und an allem, was in Tibet geschieht, soll der Dalai Lama schuld sein - so wie voriges Jahr.

Hassen die Han die Uiguren?

Das Verhältnis zwischen Han und Uiguren ist immer angespannter. Das liegt vor allem an der nationalistischen Erziehung der Chinesen, der Indoktrination der Han. Die Uiguren werden kontinuierlich als barbarisch, gewaltsam, faul, teuflisch, terroristisch, separatistisch und extremistisch beschrieben. Als Folge glauben die Han, das Volk der Uiguren sei eine minderwertige Rasse. Die Han hassen die Uiguren, weil diese sich über die chinesischen Gesetze beschweren.

Und wie denken die Uiguren über die Han-Chinesen?

Der Durchschnitts-Uigure hasst nicht unbedingt die Han-Chinesen. Da die Regierung aber eine han-chinesische ist, setzen viele Uiguren die Han mit der Regierung gleich.

Haben die Uiguren Fehler begangen?

Ja. Die Uiguren dachten, eine kommunistische Regierung wäre besser als eine Regierung der nationalistischen Kuomintang.

Sie spielen darauf an, dass vor 1949 Kriegsherren Xinjiang regierten, die von der Kuomintang unterstützt wurden. Als die Kommunisten die Region befreiten, hofften die Uiguren auf eine Besserung ihrer eigenen Situatuion?

Ja, aber offensichtlich war das ein Fehler. Die Kommunisten sind viel brutaler und skrupelloser, als es die Kuomintang je war.

Wie könnten die aktuellen Spannungen zwischen Uiguren und Han gelöst werden?

Es liegt an der chinesischen Regierung, die 60 Jahre währende Unterdrückungspolitik in Ost-Turkestan zu beenden. Sie müsste Vorkehrungen treffen für ein friedliches Zusammenleben von Han und Uiguren.

Was fordern Sie? Peking behauptet, Sie wollten die Unabhängigkeit Ost-Turkestans.

Wir kämpfen friedlich dafür, dass den Uiguren das Recht auf Selbstbestimmung zuerkannt wird. Die Uiguren sollten selbst über ihre politische Zukunft entscheiden dürfen. Dabei sind wir offen für Verhandlungen mit der chinesischen Regierung, um im Dialog eine friedliche Lösung für Ost-Turkestan zu finden.

Ist überhaupt noch ein gemeinsames Zusammenleben der beiden Bevölkerungsgruppen in Xinjiang möglich?

Das hängt wirklich ganz alleine von den Parteiführern der Kommunisten ab. Haben sie wirklich den ehrlichen Willen, das Thema Ost-Turkestan zur Zufriedenheit der dort leidenden uigurischen Bevölkerung zu lösen? Wir Uiguren jedenfalls können mit jedem zusammenleben, solange Gleichheit und Gerechtigkeit herrschen.

Können Sie sich vorstellen, eines Tages nach China zurückzukehren?

Ja, wenn uns Uiguren Menschenrechte zugestanden werden, wenn wir in Demokratie und Freiheit leben, dann kann ich mir das durchaus vorstellen.

Einige Ihrer Familienmitglieder leben noch in China. Wie geht es ihnen?

Seit dem 5. Juli wurden alle Verbindungen gekappt. Ich habe keine Ahnung.

Nicht alle Uiguren sind Opfer. Viele arbeiten in den Behörden der kommunistischen Regierung und sind Mitglieder der Kommunistischen Partei. Wie ist das Verhältnis zwischen diesen privilegierten und anderen Uiguren?

Das Verhältnis ist eigentlich ganz normal - mit Ausnahme der hohen uigurischen Beamten. Nur Uiguren auf hohen Verwaltungsebenen, die absichtlich die chinesische Politik der Unterdrückung gegenüber anderen Uiguren umsetzen, könnte man als „privilegiert“ bezeichnen. Für uns sind sie nichts weiter als Verräter. So wie Nur Bekri, der Gouverneur von Xinjiang, ein Verräter ist. Das sind keine Uiguren mehr, sondern Pekings Marionetten.

Im Fernsehen haben Sie kürzlich ein Foto gezeigt, das die brutale Unterdrückung der Uiguren durch die Chinesen in Urumtschi belegen sollte. Doch das Bild wurde 2700 Kilometer entfernt in Südchina aufgenommen. Warum haben Sie das getan?

Das war ein Fehler. Ich hatte nicht vor, eine falsche Interpretation der Ereignisse des 5. Juli in Urumtschi vorzunehmen. Aber was in Urumtschi wirklich passierte, war in der Tat viel brutaler und grausamer als das, was auf dem Foto zu sehen war. Und selbst auf diesem Bild ist klar zu erkennen, wie die chinesische Regierung durch ein massives Aufgebot von Sicherheitskräften mit der eigenen Han-Bevölkerung umspringt.

Jetzt wird Ihnen vorgeworfen, was Sie Peking vorwerfen: Die Verbreitung manipulierter Information... Können Sie diesen Vorwurf nachvollziehen?

Nein. Ich hatte nicht vor, manipulierte Informationen zu verbreiten. Die chinesische Regierung hingegen verbreitet seit Oktober 1949 immerzu ganz bewusst falsche Nachrichten.

Wie beschreiben Sie Ihre Rolle in der uigurischen Gemeinschaft? Sind Sie der Dalai Lama der Uiguren?

Viele Menschen sehen mich so. Ich glaube, dass sich meine Rolle nicht sonderlich von der Seiner Heiligkeit unterscheidet. Wir beide kämpfen friedlich für die Freiheit unserer Völker.

Welche Rolle spielt dabei der Islam?

Der Islam ist unsere Religion. Unser religiöser Glaube ist uns sehr wichtig, vor allem in einer Zeit, da die chinesische Regierung versucht, unseren Glauben und unsere Kultur auszulöschen. Aber beim Weltkongress der Uiguren versuchen wir, Religion und Politik zu trennen. Unser friedlicher Kampf ist kein religiöser Kampf, sondern vielmehr einer für Menschenrechte, Demokratie und Freiheit.

Im Gegensatz zu den Tibetern erscheinen die Uiguren in der allgemeinen Berichterstattung viel gewalttätiger. Wie erklären Sie sich das?

Für westliche Beobachter ist der Buddhismus eine friedliche Religion, wohingegen der Islam als gewalttätige, oft gar als militante Religion angesehen wird. Das ist vor allem seit den Anschlägen vom 11. September 2001 der Fall. Aber das entspricht nicht der Wahrheit. Die Uiguren sind ein sehr friedliches Volk. Nur die chinesische Regierung bringt uns mit Terror in Verbindung.

Seit den Unruhen hat sich aus der muslimischen Welt nur die Türkei zu Wort gemeldet. Warum schweigen die anderen Regierungen muslimischer Staaten?

Die muslimische Welt ist sich schlicht der bedrohlichen Situation der uigurischen Muslime nicht bewusst. Aber ich bin mir absolut sicher, dass sie ihre Stimme erheben wird, sobald sie das Ausmaß der brutalen Unterdrückung der uigurischen Muslime durch die chinesische Regierung erkannt hat.

Werden in China alle Minderheiten unterdrückt, oder gibt es einige Gruppen, die besser dran sind?

Historisch souveräne Minderheiten wie Uiguren, Tibeter, Mongolen und Mandschuren erleiden die stärkste Unterdrückung. China betrachtet deren einzigartige Identität und ihre separate historische Existenz als Bedrohung für die nationale Einheit und Souveränität Chinas. Durch die Zerstörung ihrer Identitäten, Kulturen, Traditionen, Werte und Gebräuche sollen diese Gruppen in eine „große chinesische Einheitskultur“ überführt werden. Es soll ein Staat von und für Han-Chinesen geschaffen werden.

Stehen Sie in Kontakt mit dem Dalai Lama?

Ich bin von Zeit zu Zeit in Kontakt mit den Vertretern Seiner Heiligkeit.

Warum versuchen die einzelnen Minderheiten nicht, gemeinsam ihre Situation zu verbessern?

Den chinesischen Machthabern ist es bisher immer gelungen, die einzelnen Gruppen gegeneinander auszuspielen und so ihre eigene Herrschaft zu stärken. Uiguren, Kasachen, Kirgisen und Usbeken lebten viele Jahrhunderte gemeinsam Seite an Seite. Sie kämpften gar gemeinsam und schufen 1944 die Republik Ost-Turkestan. 60 Jahre chinesischer Teile-und-herrsche-Politik später ist das Vertrauen unter diesen Gruppen dahin. Man traut und unterstützt sich nicht mehr, sondern geht seinen eigenen Weg.

Das Gespräch mit Rebiya Kadeer führte Michael Müller.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ein Diamant

Von Johannes Leithäuser

An diesem Wochenende feiert Großbritannien das diamantene Thronjubiläum von Königin Elisabeth II. Über all die Jahre ist sie die Gleiche geblieben – während die Welt und der politische Betrieb dramatische Wandlungen erfuhren. Sie verkörpert eine immerwährende Institution, die den Briten Sicherheit gibt. Mehr 2 6