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Veröffentlicht: 15.01.2012, 20:27 Uhr

Im Gespräch: Marie-Janine Calic „Die Deutschen waren eingeschüchtert“

Am 15. Januar 1992 erkannte die Europäische Gemeinschaft auf Drängen Deutschlands Slowenien und Kroatien an. Der diplomatische Schritt bedeutete den endgültigen Zerfall Jugoslawiens. Trug Berlin damit die Schuld am Krieg in Bosnien? Die Münchner Südosteuropa-Historikerin Marie-Janine Calic weist den Vorwurf zurück.

© 2011 Southeast Europe Association. All Rights Reserved Marie-Janine Calic, seit 2004 Professorin für Ost- und Südosteuropäische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, ist eine der führenden deutschen Südosteuropa-Historikerinnen. Sie ist auch Dekanin der Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften der LMU. Zu ihren bekanntesten Veröffentlichungen gehören „Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert“, (C.H. Beck 2010) und „Krieg und Frieden in Bosnien-Hercegovina“ (edition suhrkamp 1996)

Von serbischen Nationalisten und deutschen Linksextremisten wird Deutschland beschuldigt, einen europäischen Staat zerstört zu haben: Durch die sogenannte „vorzeitige Anerkennung“ Kroatiens und Sloweniens vor 20 Jahren habe Bonn die Lunte an den bereits glimmenden Konflikt in Bosnien gelegt, was zum blutigsten Krieg in Europa seit 1945 und zur endgültigen Sprengung Jugoslawiens geführt habe – so in etwa lautet die Darstellung. Ist das historisch haltbar?

Calic: Nein. Ob der Krieg in Bosnien-Hercegovina zum Zeitpunkt der Entscheidung über die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens noch vermeidbar gewesen wäre, ist fraglich. Alle Seiten unternahmen spätestens seit 1991 Kriegsvorbereitungen. Vermutlich wäre es also in jedem Fall, mit oder ohne Anerkennung Sloweniens und Kroatiens, zum Krieg in Bosnien gekommen. Ausmaß und Folgen der Kampfhandlungen und vor allem die umfassenden Menschenrechtsverletzungen hätten aber wahrscheinlich begrenzt werden können, wären die regionalen Weiterungen der Anerkennungspolitik genauer berücksichtigt worden.

Wie hätte eine solche Berücksichtigung 1991 ihren praktischen Niederschlag in der deutschen Außenpolitik finden sollen?

Calic: Indem man nicht der fixen Idee gefolgt wäre, die Frage Kroatiens und Sloweniens ließe sich vom Rest des jugoslawischen Problems abtrennen. Eine solche Trennung war schon aufgrund der ethnischen Gemengelage unmöglich. Durch die Unabhängigkeit Kroatiens und Sloweniens wuchs im Herbst 1991 der Druck auf Bosnien enorm, sich ebenfalls zu verselbständigen, nur war die Lage dort extrem komplex: Bosnien war das „Jugoslawien im Kleinen“, ein Drittel der Bevölkerung war serbisch und wollte keine Unabhängigkeit. Im Auswärtigen Amt gab es auch tatsächlich mahnende Stimmen, die vor einem Gewaltausbruch in Bosnien im Falle einer Anerkennung Sloweniens und Kroatiens warnten. Die seit Herbst 1991 ganz offensichtliche Gefahr einer regionalen Ausweitung des Krieges spielte in der deutschen Anerkennungspolitik aber offenbar keine Rolle. Weder gab es Überlegungen zur Lösung weiterer post-jugoslawischer Konflikte, zum Beispiel im Kosovo, noch gab es Ansätze für eine Präventionspolitik gegenüber Bosnien.

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Wie hätte eine solche Präventionspolitik denn aussehen können?

Calic: Die Anerkennung hätte mit Sicherheitsgarantien für die betroffenen Staaten verbunden werden müssen. Solche Garantien unterblieben jedoch, und das war eine besondere Inkonsistenz der deutschen Politik, der ja ein Einsatz der Bundeswehr außerhalb des Bündnisgebietes der Nato durch das Grundgesetz verboten war. Deutschland verließ sich darauf, dass eine Internationalisierung des Konflikts von sich aus auf die „Jugoslawische Volksarmee“ abschreckend wirken werde. Es zeigte sich dann aber in Bosnien, dass dies nicht der Fall war. Die Anerkennung durch Deutschland im Dezember 1991 hat auch nicht den Krieg in Slowenien und Kroatien beendet, wie der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher heute noch behauptet.

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