Home
http://www.faz.net/-gq5-6wr2o
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Marie-Janine Calic „Die Deutschen waren eingeschüchtert“

 ·  Am 15. Januar 1992 erkannte die Europäische Gemeinschaft auf Drängen Deutschlands Slowenien und Kroatien an. Der diplomatische Schritt bedeutete den endgültigen Zerfall Jugoslawiens. Trug Berlin damit die Schuld am Krieg in Bosnien? Die Münchner Südosteuropa-Historikerin Marie-Janine Calic weist den Vorwurf zurück.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (10)

Von serbischen Nationalisten und deutschen Linksextremisten wird Deutschland beschuldigt, einen europäischen Staat zerstört zu haben: Durch die sogenannte „vorzeitige Anerkennung“ Kroatiens und Sloweniens vor 20 Jahren habe Bonn die Lunte an den bereits glimmenden Konflikt in Bosnien gelegt, was zum blutigsten Krieg in Europa seit 1945 und zur endgültigen Sprengung Jugoslawiens geführt habe – so in etwa lautet die Darstellung. Ist das historisch haltbar?

Calic: Nein. Ob der Krieg in Bosnien-Hercegovina zum Zeitpunkt der Entscheidung über die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens noch vermeidbar gewesen wäre, ist fraglich. Alle Seiten unternahmen spätestens seit 1991 Kriegsvorbereitungen. Vermutlich wäre es also in jedem Fall, mit oder ohne Anerkennung Sloweniens und Kroatiens, zum Krieg in Bosnien gekommen. Ausmaß und Folgen der Kampfhandlungen und vor allem die umfassenden Menschenrechtsverletzungen hätten aber wahrscheinlich begrenzt werden können, wären die regionalen Weiterungen der Anerkennungspolitik genauer berücksichtigt worden.

Wie hätte eine solche Berücksichtigung 1991 ihren praktischen Niederschlag in der deutschen Außenpolitik finden sollen?

Calic: Indem man nicht der fixen Idee gefolgt wäre, die Frage Kroatiens und Sloweniens ließe sich vom Rest des jugoslawischen Problems abtrennen. Eine solche Trennung war schon aufgrund der ethnischen Gemengelage unmöglich. Durch die Unabhängigkeit Kroatiens und Sloweniens wuchs im Herbst 1991 der Druck auf Bosnien enorm, sich ebenfalls zu verselbständigen, nur war die Lage dort extrem komplex: Bosnien war das „Jugoslawien im Kleinen“, ein Drittel der Bevölkerung war serbisch und wollte keine Unabhängigkeit. Im Auswärtigen Amt gab es auch tatsächlich mahnende Stimmen, die vor einem Gewaltausbruch in Bosnien im Falle einer Anerkennung Sloweniens und Kroatiens warnten. Die seit Herbst 1991 ganz offensichtliche Gefahr einer regionalen Ausweitung des Krieges spielte in der deutschen Anerkennungspolitik aber offenbar keine Rolle. Weder gab es Überlegungen zur Lösung weiterer post-jugoslawischer Konflikte, zum Beispiel im Kosovo, noch gab es Ansätze für eine Präventionspolitik gegenüber Bosnien.

Wie hätte eine solche Präventionspolitik denn aussehen können?

Calic: Die Anerkennung hätte mit Sicherheitsgarantien für die betroffenen Staaten verbunden werden müssen. Solche Garantien unterblieben jedoch, und das war eine besondere Inkonsistenz der deutschen Politik, der ja ein Einsatz der Bundeswehr außerhalb des Bündnisgebietes der Nato durch das Grundgesetz verboten war. Deutschland verließ sich darauf, dass eine Internationalisierung des Konflikts von sich aus auf die „Jugoslawische Volksarmee“ abschreckend wirken werde. Es zeigte sich dann aber in Bosnien, dass dies nicht der Fall war. Die Anerkennung durch Deutschland im Dezember 1991 hat auch nicht den Krieg in Slowenien und Kroatien beendet, wie der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher heute noch behauptet.

Der Krieg in Slowenien war bereits im Sommer vorbei, und in Kroatien hatten die Serben im Winter 1991 jenes Jahres ihre Kriegsziele erreicht, indem sie ein Drittel kroatischen Territoriums unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Es gab aus ihrer und Belgrads Sicht also keine Notwendigkeit mehr, den Krieg fortzusetzen. Die in Bonn angenommene Abschreckungswirkung hat nie existiert.

Schon vor der Unabhängigkeitserklärung Kroatiens waren bei den kroatischen Serben in der Erinnerung an ihr Schicksal im Zweiten Weltkrieg Ängste aufgetaucht, es werde ihnen in dem neuen Staat schlecht ergehen. Hat der Westen diese Ängste seinerzeit zu wenig Ernst genommen?

Calic: Die kroatischen Serben fürchteten tatsächlich eine Diskriminierung, als Zagreb 1991 die Unabhängigkeit vorbereitete und dabei Staatssymbole einführte, die auch der faschistische Ustascha-Staat verwendet hatte, zum Beispiel die historische rot-weiß gewürfelte Schachbrett-Fahne oder die Währung Kuna. Die Symbole sind zwar wesentlich älter – die Staatsflagge etwa, die rot-weiß gewürfelte Sahovnica, also die „Schachbrett-Fahne“, ist mehr als 500 Jahre alt. Sie wurden aber von den Ustascha während des Zweiten Weltkriegs, als die kroatischen Serben systematischer Verfolgung durch kroatische Nationalisten ausgesetzt waren, usurpiert. Dass solche Symbolik wieder aufgegriffen wurde, war sicherlich nicht förderlich für das Vertrauen der kroatischen Serben in den neuen Staat, ebenso wie die Rhetorik des kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman.

Diffuse Befürchtungen spielten also eine Rolle, waren aber nicht das Hauptmotiv für den gewaltsamen serbischen Widerstand gegen den neu entstehenden kroatischen Staat. Den Serben ging es grundsätzlich um den Verbleib in Jugoslawien, in dem sie unter einem staatlichen Dach vereint waren. Dieser Wunsch nach nationaler Einheit existierte unabhängig von den traumatischen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs.

Es fällt auf, dass die deutsche Balkanpolitik nach einer aktiven Phase Ende 1991, die in den europäischen Beschluss zur Anerkennung Sloweniens und Kroatiens mündete, praktisch eingestellt wurde. Danach wirkte Bonn für mehrere Jahre regelrecht eingeschüchtert.

Calic: Das war auch der Fall. Die Kritik am deutschen Vorgehen 1991 war sehr heftig – vor allem, nachdem der Krieg in Bosnien so schreckliche Ausmaße angenommen hatte. Die weitere deutsche Politik gegenüber dem ehemaligen Jugoslawien zeigt dann, dass Deutschland fürchtete, in der Balkanpolitik isoliert zu werden. Entschieden wollte man den Eindruck eines neuerlichen „Alleingangs“ vermeiden. Multilateralismus wurde groß geschrieben, also gab es nur noch gemeinsame Initiativen: deutsch-französische, deutsch-amerikanische und europäische. Doch seit den Anerkennungen Sloweniens und Kroatiens waren die Weichen für die weitere Jugoslawienpolitik gestellt. Ab da gab es keine echten Handlungsoptionen mehr, von den Friedensverhandlungen für Bosnien in Dayton 1995 bis hin zur Anerkennung des Kosovos im Jahr 2008. Ein von fünf EU-Mitgliedern nicht anerkannter Staat Kosovo und der verkorkste Dayton-Staat in Bosnien sind Erbschaften, die Europa und Deutschland noch lange beschäftigen werden.

Die Fragen stellte Michael Martens.

Balkan-Expertin

Marie-Janine Calic, seit 2004 Professorin für Ost- und Südosteuropäische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, ist eine der führenden deutschen Südosteuropa-Historikerinnen. Sie ist auch Dekanin der Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften der LMU. Zu ihren bekanntesten Veröffentlichungen gehören „Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert“, (C.H. Beck 2010) und „Krieg und Frieden in Bosnien-Hercegovina“ (edition suhrkamp 1996)

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Karlsruher Republik im Wandel

Von Reinhard Müller

Letzte Zuflucht, einzig wirksame Opposition, Sündenbock: Das Bundesverfassungsgericht wacht auch über jeden Schritt der europäischen Integration. Mehr 2 6