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Im Gespräch: Der serbische Präsident Boris Tadic : „Wir haben nichts zu verbergen"

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Natürlich muss ein Politiker die Unterstützung der Bürger im Auge behalten, denn sie ist die Voraussetzung dafür, dass er politisch wirken und die Realität verändern kann. Wer nicht genügend Stimmen erhält, kann keinen echten Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse nehmen und sie nicht in seinem Sinne ändern. Die zweite Dimension ist die moralische. Nehmen Sie Brandts Kniefall in Warschau - ein Sinnbild der Moral für ganz Europa. Eine moralische Geste, zu der ein Politiker immer bereit sein muss, unabhängig von den Stimmen, die er dadurch womöglich verlieren wird. Ich weiß, dass die Mehrheit der serbischen Bürger nicht für die Verhaftung von Ratko Mladic war. Ich weiß auch, dass man der Mehrheit der Bürger in Serbien diesen Schritt derzeit nicht abschließend erklären kann, da alle glauben, das Haager Tribunal sei ein Gerichtshof gegen das serbische Volk. Ähnlich verhält es sich übrigens in Kroatien nach der Verurteilung von Ante Gotovina und anderen Generälen. Aber als Präsident muss man bereit sein, in bestimmten Momenten einen Preis zu zahlen. Ich habe keinen Augenblick lang geschwankt, ob ich bereit bin, den Preis zu zahlen. Seit jeher treffe ich auch Entscheidungen, für die ich nicht den Rückhalt der Mehrheit habe. Ich glaube, dass die Menschen am Ende, wenn etwas Zeit vergangen ist, doch bereit sind, schwierige Entscheidungen zu respektieren. Ich sehe auch keinen Sinn in meiner Arbeit, wenn ich keine schwierigen Entscheidungen treffen kann. Wenn sich in Serbien und auf dem westlichen Balkan nichts ändert, werden wir Gefangene einer verfehlten Geschichte bleiben. Ich kann die Mehrheit der Bürger, die mich unter diesen Umständen nicht unterstützen, also voll und ganz verstehen. Ich glaube aber, dass sie am Ende verstehen werden, was geschehen ist und warum Serbien dies tun musste. Vielleicht werde ich in einigen Jahrzehnten die Unterstützung für das bekommen, was ich getan habe. Aber jetzt habe ich nicht das Recht, Rücksicht auf die momentane Reaktion der Menschen zu nehmen. Wir können eine Region, die sich allzu lange immer wieder in Konflikte gestürzt hat und von einem Krieg in den nächsten schlittert, nur mit solchen Schritten verändern.

Ihr Werben für Serbiens Kooperation mit Den Haag wird im Inland von einigen nationalistischen Medien bekämpft, vor allem von der Boulevardzeitung „Alo“, die extremistische Positionen vertritt. Das Blatt befindet sich im Besitz von Ringier und Springer. Schert es die Investoren nicht, wie es um das politische Klima im Lande bestellt ist?

Leider kümmern sich einige Investoren, die in Serbien in Medien investieren, tatsächlich nicht genug um die politischen und sozialen Konsequenzen ihrer Tätigkeit. Allein der Profit interessiert sie. Mich beunruhigt das zutiefst. In den neunziger Jahren, als wir dem Milosevic-Regime gegenüberstanden und vielfachen Drohungen seitens der damaligen Machthaber ausgesetzt waren, hegte ich die Illusion, dass sich in Serbien von allein ein pro-europäisches Verständnis herausbilden wird, sobald es zu einer Demokratisierung der Medien kommt und ausländisches Kapital in den Sektor fließt. Heute sehen wir uns jedoch mit der absurden Situation konfrontiert, dass Medien, die sich im Besitz von Investoren aus der EU und ihren engsten Partnerländern befinden, in diesem Fall aus Deutschland und der Schweiz, zu Trägern des antieuropäischen Geistes in Serbien werden. Das ist völlig paradox.

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