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Im Gespräch: Alexej Nawalnyj : „Es ist kein Tauwetter – es sind die Olympischen Spiele“

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Alexej Nawalnyj über Olympia in Sotschi: „Putin ist wirklich frustriert darüber, dass die Leute jetzt nicht darüber reden, wie schön seine Spiele sind, sondern darüber, dass sie zu teuer sind und viel Geld gestohlen wurde.“ Bild: dpa

Der Oppositionelle Nawalnyj wirft im F.A.Z.-Gespräch dem russischen Präsidenten Putin neben Korruption bei Olympia auch Umweltzerstörung aus privaten Vorlieben vor. So sei für Putin nahe Sotschi im subtropischen Wald eine Residenz gebaut worden - getarnt als „Biosphärenstation“.

          Herr Nawalnyj, sind Sie als Russe stolz darauf, dass Ihr Land die Olympischen Winterspiele ausrichtet?

          Natürlich freut es mich, dass in Russland Olympische Spiele stattfinden. Aber für die meisten Bürger ist die Freude über die Ausrichtung der Spiele dem Ärger über die Korruption und die unglaublichen Preise der Objekte gewichen. Für uns von der Stiftung zum Kampf gegen Korruption sind das nicht bloß Gerüchte: Wir kennen die Zahlen. Wir sind große Sportfans, wir wollen stolz auf die Spiele sein – aber wir sind nicht damit einverstanden, dass sie zu einer Quelle der Bereicherung von Freunden von Präsident Wladimir Putin geworden sind.

          Erklärter Gegner des Systems „Putin“: Der russische Oppositionelle Alexey Nawalnyi bei einer Demonstration in Moskau im September 2013

          Sie beziffern die Kosten der Spiele auf 1,5 Billionen Rubel (45,8 Milliarden Dollar). Putin und die Regierung geben an, dass die Spiele rund 214 Milliarden Rubel kosten (6,5 Milliarden Dollar), wobei der Staat 100 Milliarden Rubel (drei Milliarden Dollar) und private Investoren den Rest trügen. Was stimmt?

          Wir haben versucht herauszufinden, wie Putin auf diese Zahlen gekommen ist. Aber das ging nicht – es ist einfach Unsinn, eine vollkommene Lüge. Wir haben die Haushaltsgesetze und die Gesetze über die Verwendung der Mittel für die Jahre 2007 bis 2014 analysiert und können genau sagen, dass für die Spiele 822 Milliarden Rubel (25,1 Milliarden Dollar) direkt aus dem föderalen Haushalt ausgegeben worden sind. Hinzu kommen 33 Milliarden Rubel (eine Milliarde Dollar) aus dem Haushalt der Region Krasnodar, in der Sotschi liegt. Rund 249 Milliarden Rubel (7,6 Milliarden Dollar) gab die Außenwirtschaftsbank VEB in Form von Krediten; diese sind zum Großteil faul, aber das Finanzministerium hat ihre Rückzahlung garantiert. Deshalb ist es falsch, wenn Putin versucht, dieses Geld als das von Privatinvestoren darzustellen. Das versucht er auch mit den rund 343 Milliarden Rubeln (10,5 Milliarden Dollar), die von staatlichen Unternehmen kommen, von der Eisenbahn oder von Energieunternehmen wie Gasprom - aber diese Unternehmen werden vom Staat kontrolliert und stellen auf Anweisung des Staates Geld zur Verfügung. Für diese Ausgaben zahlen wir Verbraucher, weil die Unternehmen die Preise für Strom oder für ein Zugticket erhöhen. Nur ungefähr 53 Milliarden Rubel (1,6 Milliarden Dollar) sind tatsächlich Privatgelder, weniger als vier Prozent der Gesamtkosten.

          Wie viel Geld wurde nach Ihren Erkenntnissen beim Bau von Objekten für die Spiele „gestohlen“?

          Wir haben 28 Objekte analysiert. Deren Gesamtpreis war 821 Milliarden Rubel (24,7 Milliarden Dollar). Von diesen 28 gibt es aber nur elf, die sich korrekt mit solchen, die in Russland oder im Ausland gebaut worden sind, vergleichen lassen - die anderen sind einzigartig. Diese elf Objekte kosteten insgesamt 442 Milliarden Rubel (13,3 Milliarden Dollar). Aus dem Vergleich wird klar, dass die Preiserhöhung durch Korruption, denn eine andere Erklärung für die Mehrkosten gibt es nicht, bei ihnen 189 Milliarden Rubel (5,7 Milliarden Dollar) beträgt. Diese Summe wurde geklaut beim Bau, das sind gut 42 Prozent.

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