In den Veröffentlichungen von Wikileaks fordern arabische Staatsmänner die Amerikaner auf, militärisch gegen Iran vorzugehen. Der saudische König verlangte von Washington, der „iranischen Schlange den Kopf abzuschlagen“. Wie reagiert Iran?
Diese Dokumente können nicht authentisch sein. Auch viele arabische Staaten haben die Informationen dementiert. Wir sehen das als Teil der gegen uns gerichteten amerikanischen Politik. Die Amerikaner versuchen seit langem zu zeigen, dass andere Länder in der Region gegen Iran sind und sich vor Iran fürchten. Sie wollen Zwietracht säen.
Sie meinen also, dass die Dokumente von den Amerikanern absichtlich veröffentlicht wurden, um Iran zu schaden?
Das denken die meisten Iraner.
Und die iranische Regierung?
Wir denken das auch. Einige der Dokumente können einfach nicht wahr sein. Zum Beispiel gibt es da sehr scharfe Bemerkungen eines Staatsoberhaupts. Ein amerikanischer Botschafter schickt so einen Bericht nach Washington, aber niemand kann beweisen, dass das wahr ist. Wir nehmen das nicht ernst.
Also keine negativen Auswirkungen auf die Beziehungen zu Irans Nachbarn?
Ganz bestimmt nicht. Inzwischen durchschauen auch die anderen Staaten der Region die Absichten der Amerikaner etwas besser.
Noch einmal: Die iranische Regierung ist der Ansicht, dass die Amerikaner sich 250.000 Dokumente ausgedacht haben, um Iran zu schaden?
Es handeln ja nicht alle 250.000 Dokumente von Iran. Es muss auch nicht alles falsch sein. Sie bringen diese Lügen, mit denen sie eine bestimmte Linie verfolgen, zwischen richtigen Dokumenten unter. Ein oder zwei Dokumente können unbeabsichtigt veröffentlicht werden, aber nicht 250 000. Sonst hieße das, dass die amerikanische Regierung sehr, sehr schwach ist.
Und die Meldung über eine Lieferung nordkoreanischer Mittelstreckenraketen an Iran, ist das auch eine Lüge?
Das ist Teil dieser Propaganda, dass man unbedingt zeigen will, dass Iran ein militärisches Nuklearprogramm verfolgt.
Die Lieferung hat es also nicht gegeben?
Mit Sicherheit nicht. Wir haben in Iran einen Witz über Leute, die immer Lügen erzählen. Fragt man einen Schakal: „Wer ist dein Zeuge?“ So antwortet er: „Mein Schwanz.“ Wenn man die Amerikaner fragt, wer ihr Zeuge für diese Informationen ist, dann sagen sie: unsere eigenen Leute.
Und was ist mit der Meldung, dass der religiöse Führer Ali Chamenei an Leukämie erkrankt sei und nur noch wenige Monate zu leben habe?
Genauso. Er erfreut sich bester Gesundheit, hat Termine, empfängt Besucher, geht auf Reisen.
Am Montag beginnt in Genf eine neue Runde von Nukleargesprächen. Was erwartet Iran?
Wir erwarten Realismus. Es darf nicht wieder so laufen wir früher. Die Voraussetzungen haben sich geändert. Als wir mit den Verhandlungen anfingen, hatten wir drei Zentrifugen. Jetzt geht es gar nicht mehr um die Zahl der Zentrifugen. Technisch sind wir jetzt in der Lage, Uran bis auf 20 Prozent anzureichern. Wir wollen, dass unser Recht auf friedliche Nutzung der Atomenergie anerkannt wird und wir die Möglichkeit haben, mit anderen Ländern zusammenzuarbeiten.
Wenn der Westen Iran als zivile Nuklearmacht anerkennt, wozu wäre Iran im Gegenzug bereit? Würde Iran das Zusatzprotokoll unterzeichnen, das weitreichende Kontrollen erlaubt, würde es auf die Anreicherung bis auf 20 Prozent verzichten?
Darüber muss man verhandeln. Uns fehlt bisher das Vertrauen. Zwanzigprozentiges Uran stellt überhaupt keine Gefahr da, das ist nicht waffentauglich.
Aber man braucht es auch nicht für eine zivile Nutzung.
Diese Fragen sind Gegenstand der Verhandlungen. Was das Zusatzprotokoll betrifft, so haben wir es früher angewendet, aber die Gegenseite hat das nicht gewürdigt. Das einzige, was wir mit Sicherheit sagen können, ist, dass alles, was wir machen, friedlichen Zwecken dient.
Im Herbst wurden vom UN-Sicherheitsrat neue Sanktionen gegen Iran verabschiedet. Jetzt wird wieder verhandelt. Hat sich Iran dem Druck gebeugt?
Wir waren auch schon vor den Sanktionen verhandlungsbereit. Wir haben gemeinsam mit Brasilien und der Türkei eine entsprechende Erklärung abgegeben, aber die Amerikaner und ihre Verbündeten wollten unbedingt erst Sanktionen. Sanktionen bringen nichts. Wenn sie glauben, dass man mit Sanktionen etwas erreichen kann, dann würde ich vorschlagen, dass wir die Verhandlungen um ein Jahr verschieben.
Wie sehr hat der Angriff des Computervirus „Stuxnet“ dem iranischen Atomprogramm geschadet?
Das hatte keine Wirkung auf unsere Arbeit.
Aber zumindest wurde eine Reihe von Zentrifugen dadurch außer Betrieb gesetzt.
Das war nicht schlimm. Seien Sie beruhigt.
In dieser Woche gab es ein Attentat auf zwei iranische Atomphysiker. Präsident Ahmadineschad sieht dahinter „die Hand Israels und westlicher Regierungen“. Welche Beweise gibt es dafür?
Die Ermittlungen laufen. Aber das Ergebnis ist klar. Man kann aus Erfahrungen erraten, wer dahinter steckt. Das sind alles Versuche, Iran davon abzuhalten, die moderne Atomtechnologie zu beherrschen. Wenn es Staaten gibt, die mit Hilfe von Terroranschlägen ihre Feinde verfolgen und gleichzeitig in den Sanktionslisten die iranischen Atomwissenschaftler namentlich aufgeführt werden, ist das ja wie eine Handlungsanweisung für diese Staaten.
Sie kennen Präsident Ahmadineschad seit fast 30 Jahren und haben stets eng zusammengearbeitet. Im Jahr 2013 geht die zweite Amtszeit des Präsidenten zu Ende, er darf nach der Verfassung nicht noch einmal kandidieren. Wird es dann in Iran ein Tandem nach dem russischen Vorbild von Putin und Medwedjew geben?
So etwas wird gesagt. Aber die iranische Nation ist eine sehr große Nation. Und ich kann mir nicht erlauben, Präsident dieser Nation zu werden.
Sie haben keine Ambitionen auf das Präsidentenamt?
Ich habe überhaupt keine Ambitionen.
Dafür sind Sie aber ziemlich weit gekommen.
Das ist Ihr Urteil.
Im Oktober wurden zwei deutsche Journalisten in Iran verhaftet. Was wirft man ihnen vor?
Sie haben das Gesetz verletzt. Sie sind mit einem Touristenvisum eingereist und haben als Journalisten gearbeitet.
Sie werden also nicht wegen Spionage angeklagt?
So etwas haben wir nie gesagt. Wir haben keine Hinweise darauf, dass sie sich als Spione betätigt haben.
Wann werden sie freikommen?
Das ist Sache der Justiz, das können wir im Moment noch nicht beantworten. Aber wegen unserer freundschaftlichen Beziehungen zur deutschen Regierung und zum deutschen Volk sind wir ihnen wohlgesonnen. Vor zwei Tagen hatte die deutsche Botschaft in Teheran zum dritten Mal konsularischen Zugang zu den beiden. Einer von ihnen konnte mit seinen Angehörigen telefonieren, und sie haben Geschenke ihrer Familien erhalten.
Also kein Weihnachten unter dem Tannenbaum?
Es hat eine Anfrage gegeben für ein Treffen mit ihren Familien an Weihnachten in der deutschen Botschaft. Die iranische Regierung arbeitet daran, und wir sind sehr optimistisch.
Mit Esfandiar Rahim-Mashai sprach Christiane Hoffmann.
Dieselbe Frisur, ähnliche Statur: Äußerlich sind sich der iranische Präsident Mahmud Ahmadineschad und sein Bürochef Esfandiar Rahim-Mashai überraschend ähnlich. Im Gegensatz zu dem unberechenbaren Präsidenten ist sein engster Berater aber von ruhiger, professioneller Eleganz. Der 50 Jahre alte Büroleiter ist eine zentrale Figur im iranischen Machtgefüge, seit fast dreißig Jahren ist er Wegbegleiter und Freund Ahmadineschads. Ein Sohn des Präsidenten ist mit der Tochter Rahim-Mashais verheiratet. Für den konservativen Klerus ist Rahim-Mashai ein rotes Tuch, weil er in gesellschaftlichen Fragen gemäßigte Positionen vertritt und Iran auch schon einmal als „Freund des israelischen Volkes“ bezeichnete. Unlängst machte der Präsident ihn zum Beauftragten für den Mittleren Osten. (cho.)
Kontrollen
Ralf Müller (RalMue)
- 04.12.2010, 23:17 Uhr
Man "höre und staune"!
Manuela Smiles (m.smiles)
- 04.12.2010, 23:41 Uhr
schon interessant, manche Reaktionen
Helga Schulz (colorcraze)
- 04.12.2010, 23:54 Uhr
"Freundschaftliche Beziehungen
Max Bernard (maxbernard)
- 05.12.2010, 00:48 Uhr
ein Mensch, der nicht nur das gewaltverbreitende Buch, den Koran liest.
franz Ujvar (ujvar)
- 05.12.2010, 01:29 Uhr
