Home
http://www.faz.net/-gq5-74e6f
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Berufungsprozess Freispruch für ehemaligen kroatischen General Gotovina

Der ehemalige kroatische General Gotovina wurde im Berufungsprozess in Den Haag freigesprochen. 2011 war er vom UN-Kriegsverbrechertribunal zu 24 Jahren Haft wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt worden.

© dapd Vergrößern Der ehemalige kroatische General Ante Gotovina (rechts) betritt am Freitagmorgen den Gerichtssaal.

Der ehemalige kroatische General Ante Gotovina ist vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag im Berufungsverfahren freigesprochen worden. Gotovina war 2011 wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit beim Vorgehen gegen die serbische Bevölkerung in Kroatien zu 24 Jahren Haft verurteilt worden. Er war Befehlshaber der „Operation Sturm“, bei der kroatische Armeeeinheiten 1995 die von ethnischen Serben kontrollierte Region Krajina eroberten. Zu Beginn des Bürgerkrieges in Kroatien (1991-1995) hielt die serbische Minderheit, die rund zwölf Prozent der Bevölkerung ausmachte, etwa ein Drittel des Landes unter ihrer Kontrolle. Bei der Rückeroberung im August und September 1995 wurden mehr als 200.000 Serben vertrieben und knapp 2000 getötet. Die Militäraktion „Sturm“ sei im Sinne der  Selbstverteidigung legitim gewesen, urteilte das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag am Freitag.

Die Berufungskammer des Tribunals sprach neben Gontovina am Freitag auch den mitangeklagten ehemaligen General Mladen Markac frei. Er war ebenfalls wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 18 Jahren Haft verurteilt worden.

Frei von allen Anklagepunkten

Der für den Fall zuständige Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag teilte mit, dass die Berufungskammer einstimmig zu dem Entschluss kam, die Strafkammer habe sich in entscheidenden Anklagepunkten geirrt. So beispielsweise in der Annahme, dass alle Artillerie-Einschläge, die mehr als 200 Meter von ihrem ursprünglichen Ziel niedergingen, als Beweis für illegale Angriffe gegen Städte in der Krajina Region galten. Des Weiteren sprach die Berufungskammer Gotovina und Markac vom Vorwurf frei, dass die von ihnen angeordneten Angriffe rechtswidrig waren. Auch die Annahme der Strafkammer, dass es eine gemeinsame kriminelle Unternehmung gab mit dem Ziel, die serbischen Zivilisten gewaltsam für immer aus der Krajina Region zu vertreiben, sahen die Richter als einen Irrtum. Sie machten das Urteil gegen Gotovina und Markac rückgängig und ordneten deren sofortige Freilassung an.
 

Kroatien jubelt, Serbien ist geschockt

Viele Kroaten sehen den ehemaligen General Gotovina noch immer als Volksheld. Auf dem Hauptplatz in Zagreb wurde die Urteilsverlesung auf einem riesigen Bildschirm vor tausenden Menschen direkt übertragen. „Kroatien ist unschuldig“, jubelten die Zeitungen in Zagreb. Die Schuld wurde einseitig den Serben zugewiesen. Der Staatschef schickte sein Dienstflugzeug, um die beiden immer noch als Kriegshelden verehrten Generäle in ihre Heimat zu holen.

Serbien hingegen zeigte sich geschockt. Das Tribunal habe mit dem Urteil „jede Glaubwürdigkeit  verloren“, sagte für die Regierung Minister Rasim Ljajic, der auch für die Beziehungen mit Den Haag zuständig ist: „Das ist heute nur der Beweis eines selektiven Rechts, das schlimmer ist als jedes Unrecht.“ Der serbische Staatsanwalt für Kriegsverbrechen, Vladimir Vukcevic, sprach von einem „skandalösen Urteil“.

Quelle: marw., FAZ.NET

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ehemalige jugoslawische Geheimagenten Alte Seilschaften und ein Mord

In München wird zwei Mitarbeitern der früheren jugoslawischen Geheimdienste der Prozess gemacht. Sie sollen die Drahtzieher eines Verbrechens gewesen sein. Einer von ihnen könnte nun auspacken. Mehr Von Albert Schäffer, München

17.10.2014, 06:29 Uhr | Politik
Sechs Jahr Haft für ehemaligen israelischen Ministerpräsident Olmert

Erstmals in der Geschichte Israels ist ein früherer Regierungschef zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Der ehemalige Ministerpräsident Ehud Olmert soll wegen Korruption für sechs Jahre in Haft, entschied ein Gericht am Dienstag in Tel Aviv. Mehr

13.05.2014, 11:22 Uhr | Politik
Krawalle bei EM-Qualifikation Uefa ermittelt gegen Serbien und Albanien

Serbischer Funktionär vergleicht Fahne Großalbaniens mit Hakenkreuzfahne ++ Freiburg nimmt Spieler Mitrovic in Schutz ++ Albaner bejubeln Abbruch ++ Uefa eröffnet Verfahren am 23. Oktober ++ EU verurteilt Provokationen. Mehr

15.10.2014, 11:49 Uhr | Sport
Niederlande mitverantwortlich für Srebrenica

Ein Gericht in Den Haag hat den Niederlanden eine Mitverantwortung für den Tod von 300 Opfern des Massakers im bosnischen Srebrenica 1995 zugewiesen. Der UN-Schutztruppe hätte wissen müssen, dass die 300 Menschen bei einer Deportation durch die bosnischen Serben ermordet würden. Mehr

16.07.2014, 19:08 Uhr | Politik
Bosnien vor der Wahl Europas islamische Demokratie

In Bosnien funktioniert 19 Jahre nach dem Bürgerkrieg noch immer vieles nicht. Doch eines zeigen die anstehenden Wahlen deutlich: Islam und Demokratie passen zweifellos zusammen. Mehr Von Michael Martens, Sarajevo

11.10.2014, 12:43 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 16.11.2012, 09:48 Uhr

Satte Mehrheit für Team Juncker

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Die neue EU-Kommission unter Jean-Claude Juncker steht vor großen Herausforderungen. Eine der wichtigsten Aufgaben wird es sein, die Kluft zwischen der europäischen politischen Klasse und der Bevölkerung zu verkleinern. Mehr 20 11