Nura Tuiss muss einmal eine schöne Frau gewesen sein. Großgewachsen ist sie und feingliedrig. Ihre Haut ist kaffeebraun und sie hat ebenso weiße wie gleichmäßige Zähne. Doch heute ist die 34 Jahre alte Mutter von vier Kindern ein Schatten ihrer selbst: Ihre Wangen sind eingefallen und der weiße Sari, kann kaum verhüllen, wie erschreckend dünn sie ist. Nuras Bewegungen sind fahrig und das Sprechen fällt ihr sichtlich schwer. Seit vier Stunden steht die junge Frau zusammen mit ihren Kindern im Hof einer verfallenen Fabrik im Süden von Mogadischu für etwas zu essen an. Diese „Feeding station“ genannte Essensausgabe ist für sie und die 2000 anderen Frauen und Kinder, die jeden Tag dorthin strömen, die letzte Rettung.
In sechs riesigen Kesseln rühren Mitarbeiter des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) dort jeden Nachmittag Maisbrei an. In vier Schlangen stehen die Frauen an, manche zu schwach, um sich auf den Beinen zu halten. Ihnen wird eine große Kelle des gelben Breis in ihren Blechkanister geklatscht, dazu gibt es eine Banane. Das sind nicht mehr als 600 Gramm Nahrung. Das muss für sechs Personen bis zum nächsten Tag reichen. Wenn es denn noch einen nächsten Tag gibt für diese völlig entkräfteten Menschen.
„Alle sind geflohen“
Nura stammt aus der Provinz Bakool, einer der ersten Regionen Somalias, die von den UN zum Hungergebiet erklärt wurden und die von der islamistischen Shabaab-Miliz kontrolliert wird. Viele der anderen Frauen in der Schlange sind Nachbarinnen oder Bekannte aus dem nächsten Dorf. „Alle sind geflohen“, sagt sie, „es gibt einfach nichts mehr zu essen und auch nichts, aus dem man noch Essen zubereiten könnte.“ Seit einer Woche lebt sie in Mogadischu – wenn man es denn Leben nennen will. Ihr „Heim“ ist ein improvisiertes Flüchtlingslager, das sich keine 100 Meter von der Essensausgabe entfernt zwischen Hausruinen gequetscht hat.
Ein Stück weiter die Straße hinauf liegt der schwer befestigte Stützpunkt der Friedenstruppe der Afrikanischen Union für Somalia, Amisom. Die Panzer der ugandischen und burundischen Soldaten, so hoffen die Flüchtlinge, werden ihnen ein Minimum an Schutz bieten. Es gibt inzwischen mehrere Dutzend solcher Lager in der Stadt.
Nur Kleidung als Schutz gegen den kalten Regen
Keiner weiß, wie viele Menschen sich an dem Amisom-Stützpunkt unter den endlosen Reihen von zerrissenen Plastikplanen jede Nacht zur Ruhe legen. Nura und ihre Kinder haben nicht einmal eine solche Plane. Ihr Schutz gegen den sporadischen, aber kalten Regen in Mogadischu sind die Kleidungsstücke, die sie aus Bakool mitgebracht haben: ein Kleid, ein wollener Umhang, die Reste einer Decke. Es gibt kein Wasser, keinen Abwässergraben und keine wie auch immer geartete medizinische Betreuung. Jede Nacht sterben in dem Lager bis zu zehn Kinder an den Folgen der Unterernährung. Zwar gibt es ein Hospital in Mogadischu, doch die Fahrt dorthin kostet zehn Dollar. So viel Geld hat hier schon lange keiner mehr.
In Mogadischu, so hatte Nura gehofft, würde sie Hilfe finden. Was sie indes vorfand, war ein Elend, das dem in ihrer Heimatregion in nichts nachsteht. Denn die somalische Hauptstadt Mogadischu wird mehr und mehr zum Fluchtpunkt für Somalier insbesondere aus dem Süden des Landes. Der Weg nach Kenia in das gigantische Flüchtlingslager von Dadaab ist beschwerlich und gefährlich. Mogadischu hingegen ist zurzeit noch relativ einfach zu erreichen. Doch die Hilfslieferungen in die Stadt können nicht Schritt halten mit dem beständig anschwellenden Strom der Hungerflüchtlinge.
Fast täglich Gefechte in Mogadischu
Am Donnerstag erklärten die Vereinten Nationen neben den Regionen Balaad und Adale auch die schwer umkämpfte somalische Hauptstadt zu einem neuen Hungergebiet. Die Vereinten Nationen hatten in den vergangenen Wochen eine „Luftbrücke“ in die Stadt angekündigt. Davon aber ist am Flughafen der Stadt nichts zu sehen. Zwar gibt es nach Auskunft des WFP noch Lebensmittellager in der Stadt. Deren Vorräte aber werden in den kommenden Wochen erschöpft sein. Wenn nicht sehr schnell massive Lebensmittellieferungen nach Mogadischu beginnen, sind dort nach Einschätzung der Vereinten Nationen in den kommenden elf Wochen mehrere zehntausend Menschen vom Tod bedroht.
Dabei ist es ein ausgesprochen riskantes Unterfangen, den Bedrängten in Mogadischu zur Hilfe zu eilen. Die Stadt ist zweigeteilt, und fast täglich kommt es zu Gefechten zwischen Amisom und den Kämpfern von al Shabaab. Und die Drohungen, welche die radikalen Islamisten gegen ausländische Hilfsorganisationen ausstoßen, müssen sehr ernst genommen werden. Die beiden mit kugelsicheren Westen und Stahlhelmen bewehrten britischen WFP-Mitarbeiter, die mit einigen Journalisten in die „Feeding station“ gefahren waren, treten nach 15 Minuten hastig den Rückweg an. Zu gefährlich, sagen sie. Also obliegt es den lokalen Mitarbeitern, darauf zu hoffen, dass sich nicht irgendwann ein Selbstmordattentäter der Shabaab-Miliz unter die Hungernden mischt und die Essensausgabe in die Luft sprengt. Sicherheitsvorkehrungen gibt es dort jedenfalls nicht. Die Wachen am Eingangstor sind angeheuerte Milizionäre, deren Loyalität sich nicht an Prinzipien orientiert, sondern an Dollarscheinen.
Der Hunger hat Aminah eingeholt
Aminah Sheik wartet ganz am Ende dieser Schlange von Menschen, die buchstäblich um ihr Leben anstehen. Sie hält eine Blechschale über ihren Kopf, um sich vor der Sonne zu schützen, und ihren anderthalb Jahre alten Sohn Hassan trägt sie in einem Tuch auf dem Rücken. Aus dem Bündel schauen zwei stark geschwollene Beinchen heraus. Der Junge ist zu schwach zum Laufen, und deshalb hat sich Wasser in den Beinen gesammelt. Er weint nicht einmal. Auch dafür fehlt ihm längst die Kraft.
Wenn man so will, ist Aminah ein Opfer der Umstände. Sie ist nicht geflohen vor dem Hunger. Der Hunger hat sie vielmehr eingeholt. Aminah ist in Mogadischu geboren und hat ihr ganzes Leben in der Stadt zugebracht. Zum Schluss aber hatte sie das Pech, auf der falschen Seite der Front zu leben, nämlich in einem Stadtteil, den al Shabaab kontrolliert. Die Radikalen haben durch Gefechte mit den Amisom-Soldaten zwar Verluste hinnehmen müssen. Gleichwohl herrschen sie nach wie vor über mindestens drei der insgesamt 16 Distrikte der Stadt. Acht sind unter Kontrolle von Amisom, in fünf weiteren wird gekämpft.
Die zusammengebrochene Versorgung und damit der Hunger haben Aminah und die vier Kinder über die Frontlinie am Bakaara-Markt in den Süden der Stadt getrieben. Ihr Mann aber musste auf der anderen Seite bleiben. Al Shabaab, so sagt sie, hindere jeden Mann und selbst halbwüchsige Jungen daran, in die Distrikte zu gelangen, die von Amisom und den Truppen der somalischen Übergangsregierung gehalten werden und in denen es zumindest die Hoffnung auf Hilfe gibt. Ob sie wisse, was aus ihrem Mann geworden ist? Aminah schüttelt den Kopf. „Ich fürchte, er ist tot.“
Eine funktionierende Zentralregierung gab es nie in Somalia
Somalia hatte noch nie eine funktionierende Zentralregierung. Die somalischen Nomaden organisierten sich über Clans. Ende des 19. Jahrhunderts besetzten Franzosen das heutige Djibouti, Engländer das heute teilautonome Somaliland, und Italiener Südsomalia. Die Teile wurden bis auf Djibouti 1960 zur unabhängigen Republik Somalia. 1969 putschten Militärs unter der Führung des Armeeoffiziers Siad Barre, der das Land in eine zentralistische sozialistische Militärdiktatur presste.
Das brachte sowjetische Unterstützung, die allerdings nur bis 1977 währte, als Barre das sozialistische Äthiopien überfiel, den Krieg verlor und sich Moskau hernach Addis Abeba zuwandte; Somalia wurde in geringerem Maße von Amerika unterstützt. Die Niederlage führte zu beispiellosem Niedergang. In den 1980er Jahren formierten sich Widerstandsbewegungen, die auch gegen den Zentralismus kämpften. 1988 kam es zum offenen Krieg, in dem sich Milizen zunehmend auf Clanbasis organisierten. Barre hatte seine Machtbasis nahezu ausschließlich auf die eigene Sippe konzentriert. Mit dem Ende des Kalten Krieges ging ihm das Geld aus. Nachdem Barre 1991 aus dem Amt gejagt worden war, kämpften Banden, Warlords und Clanmilizen brutal um ihre Kriegsbeute.
1992 kam es deshalb zu einer Hungersnot (in deren Folge schon damals das Flüchtlingslager im kenianischen Dadaab entstand), was die UN zum Eingreifen veranlasste, auch um die unrealistische Idee eines Zentralstaats durchzusetzen. Die amerikanisch angeführte Mission „Restore Hope“, an der sich auch die Bundeswehr beteiligte, scheiterte später auch daran, dass die bewaffneten Helfer selbst zur Kriegspartei wurden.
Während sich auf lokaler Ebene in Somaliland ein funktionsfähiges Staatswesen ausbildete und neben anderen auch die Region Puntland weitgehend befriedet wurde (wenn sie auch Piraten sicheren Hafen bietet), blieb Südsomalia um den Spaltpilz Mogadischu Kriegsgebiet. Seit 2000 wurden immer wieder im Ausland zusammengesetzte Übergangsregierungen nach Mogadischu verpflanzt, die ihren Namen nicht verdien(t)en, aber unterschiedlichste Milizen gegen sich vereinen. Scharia-Gerichtshöfe wurden zur einzigen Instanz lokaler Rechtssprechung, die in der Bevölkerung Ansehen genoss. Die Mehrzahl dieser Gerichte war nicht radikal, organisierte sich aber politisch: Einige Gerichte unterhielten eigene Milizen und vertrieben 2006 als „Allianz der islamischen Gerichtshöfe“ (UIC) die in der Bevölkerung verhassten Warlords.
Dies brachte eine Zeit relativer Ruhe, aber auch den Aufstieg der radikalen islamistischen Shabaab-Miliz, die sich mit al Qaida verbündet hat und ein Kalifat errichten will. Weihnachten 2006 marschierten äthiopische Truppen ein. Amerika unterstützte die Äthiopier und finanzierte somalische Warlords, um einen islamistischen Staat zu verhindern. Während die Shabaab-Miliz die Äthiopier in einen Guerillakrieg verwickelte, spaltete sich ein gemäßigter Teil der UIC ab - und stellt heute den Präsidenten der Übergangsregierung, Scheich Sharif Scheich Ahmed. Nach dem äthiopischen Rückzug 2009 ist die Mission der Afrikanischen Union Amisom dessen einzige Überlebensgarantie.
(Jochen Stahnke)
Betroffenheit
heinz herzing (heinz48)
- 06.08.2011, 17:20 Uhr
Was können wir gegen das Elend tun?
Gerd Mannes (DeutscherBurger)
- 06.08.2011, 13:55 Uhr
Ich werde nichts spenden, solange terrorisiernde Islamisten die Spenden bekommen
Peter Slater (Wales-Rhondda)
- 06.08.2011, 13:48 Uhr
Und nun, wer ist schuld ? Berlusconi, Obama, die Kommunisten, die Faschisten ?
Torsten Krause (tkrause)
- 05.08.2011, 23:36 Uhr
