02.06.2008 · Es scheint paradox: Deutsche Bauern klagen über niedrige Milchpreise, doch auf den Weltmärkten werden die stark gestiegenen Lebensmittelpreise zur Bedrohung für Leben und Frieden. Deshalb treffen sich Staats- und Regierungschefs zu einem Gipfel in Rom.
Von Tobias Piller, RomMit einer Gipfelkonferenz zu Ernährungssicherung und den Herausforderungen von Klimawandel und Bioenergie reagiert die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) von diesem Dienstag an in Rom auf die gestiegenen Lebensmittelpreise. Nach Meinung des FAO-Generaldirektors Jacques Diouf machen die Entwicklungen auf den Weltmärkten einen „Notfallplan“ notwendig. Von der Zukunft der Landwirtschaft und der Ernährungslage hänge das Recht auf Leben und der Frieden so vieler Menschen ab, dass er deswegen eigentlich zu einem Bericht vor dem Sicherheitsrat in New York gerufen werden müsse, sagte Diouf.
Auf jeden Fall müsse in Rom auf höchstmöglichem Niveau über die Probleme der Ernährungssicherung gesprochen werden. Nach Berichten der FAO besteht die Gefahr, dass wegen der höheren Nahrungsmittelpreise die Zahl der unterernährten Menschen der Erde, derzeit etwa 850 Millionen, in den nächsten Jahren steigen könne. Die FAO leistet zwar keine kurzfristige Nahrungsmittelhilfe – dafür ist das in Rom ansässige World Food Program der Vereinten Nationen zuständig. Doch der FAO-Generaldirektor fordert unter anderem Unterstützung armer Bauern, damit diese teurer gewordenes Saatgut und teurere Dünger erwerben könnten.
Treibstoffe statt Nahrungsmittel?
Über die wichtigsten Besucher der dreitätigen Konferenz gab es bisher schon abseits des eigentlichen Gipfelprogramms politischen Streit. Erwartet werden von der FAO unter anderem der französische Präsident Sarkozy, der spanische Ministerpräsident Zapatero, der brasilianische Präsident Lula da Silva und der iranische Präsident Ahmadineschad, aber auch der amtierende G8-Präsident Yasuo Fukuda aus Japan, UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul. Zunächst erschien eine Papstaudienz für Ahmadineschad so gut wie vereinbart. Als die Liste der Audienzwünsche anderer Staats- und Regierungschefs immer länger wurde, sagte der Vatikan jegliche Papstaudienz während der FAO-Konferenz ab, um nicht einzelne Länder zu bevorzugen. Überraschend traf am Montag in Rom auch der Präsident von Zimbabwe, Mugabe, ein.
Die FAO-Konferenz soll darüber diskutieren, wie die Staatengemeinschaft auf die stark gestiegenen Lebensmittelpreise auf den Weltmärkten reagieren soll, in welchem Maße die Landwirtschaft künftig Treibstoffe statt Nahrungsmittel produzieren kann und soll und wie die Ernährung der Weltbevölkerung auch nach einem Klimawandel gesichert werden kann. Parallel zu der Serie von offiziellen Reden der Regierungsvertreter soll daher eine Schlusserklärung erarbeitet werden.
Große Differenzen
Dazu gab es aber schon vor dem Konferenzbeginn große Differenzen zwischen den 190 Mitgliedsländern der FAO. Die großen Nahrungsmittelexporteure, die unter Einfuhrbeschränkungen und Agrarsubventionen Nordamerikas und Europas leiden, wünschen mehr Marktöffnung und Subventionsabbau. Doch sind Diskussionen darüber schon in den Gesprächen über die Öffnung des Welthandels blockiert. Zu biologischen Treibstoffen wünschen unter anderem die Europäer einen internationalen Rahmenplan, den Brasilien ablehnt und den die Vereinigten Staaten mit Misstrauen sehen.
Schließlich gibt es Diskussionen über die Frage, ob die FAO ohne tief greifende Reformen überhaupt ihren Zukunftsaufgaben gerecht werden kann. Denn ein Bericht externer Fachleute über die Arbeitsweise der Organisation, angefertigt auf Wunsch der größten Geldgeber, enthielt vor wenigen Monaten vernichtende Urteile über die interne Organisation und den Führungsstil des FAO-Generaldirektors Diouf.
Mit der Organisation der Konferenz hat Diouf den Beigeordneten Generaldirektor Alexander Müller beauftragt, ehemals grüner Abgeordneter und Staatssekretär im deutschen Landwirtschaftsministerium. Müller bezeichnet die Veranstaltung als eine Chance, in der Zukunft mehr Investitionen in die Landwirtschaft zu lenken. Die bevorstehenden Probleme von Klimawandel und Bioenergie könnten dazu neue Anreize bieten. Die Landwirtschaft könne zum Teil einer Lösung der Probleme des Klimawandels werden, wenn sie auf nachhaltige Weise Energie produziere, ohne dabei die Ernährungssicherheit zu gefährden. Eine Konferenz solle dafür nun eine gemeinsame Analyse von Chancen und Risiken schaffen, sagte Müller.
Der ehemalige Grünen-Politiker wendet sich dabei nicht grundsätzlich gegen die Produktion biologischer Treibstoffe in der Landwirtschaft. Es komme darauf an, aus welchen Früchten der Treibstoff gewonnen werde und in welchen Kontinenten und wie er angebaut werde. Es gehe zudem um die Frage, wie biologischer Treibstoff so produziert werden könne, dass arme Leute damit eine Chance erhielten.