09.01.2009 · Hilfsorganisationen schlagen Alarm: Die humanitäre Situation im Gazastreifen mache einen Waffenstillstand unausweichlich. Besonders Kinder leiden unter der Situation, sagt Osama Damo von der britischen Hilfsorganisation „Save the Children“ in Gaza. Mit ihm sprach Markus Bickel.
Zwei Wochen nach Beginn des Krieges im Gazastreifen klagen Hilfsorganisation über die sich zuspitzende humanitäre Situation. Die Vereinten Nationen stellten nach dem Beschuss eines ihrer Konvois am Donnerstag die Lieferung von Hilfsgütern ein. Osama Damo ist Mitarbeiter der britischen Hilfsorganisation „Save the Children“ in Gaza. Mit ihm sprach am Donnerstag Markus Bickel.
Herr Damo, wo erreiche ich Sie?
Ich bin noch immer in der Wohnung von Freunden, in die ich vergangene Woche geflohen bin, nachdem meine Wohnung zum Teil zerstört wurde. Wir sind hier 17 Personen in drei Zimmern, darunter vier Kinder.
Wie ist die Lage in der Stadt?
Die Angriffe gehen weiter, in der Nacht nahmen sie nochmal zu. Am frühen Morgen war dann Ruhe, vor einer halben Stunde hörte man aber wieder die israelischen Kampfflieger am Himmel. Was man auch ganz deutlich hören kann, sind israelische Panzer in der Umgebung - auch wenn wir nicht genau wissen, wo sie stehen.
Können Sie Ihr Büro erreichen?
Bislang nicht, auch wenn es nur fünf Minuten mit dem Auto entfernt liegt. Aber derzeit ist es einfach zu gefährlich, den Weg auf sich zu nehmen. Die Israelis beschießen alles, Moscheen, Häuser, Schulen, man ist nirgendwo sicher. Erst als Israel am Mittwoch eine dreistündige Waffenruhe ausrief, gab es kurz Gelegenheit, ins Büro zu gehen. In der Zeit konnten wir Hilfspakete und Verbandsmaterial zusammenstellen, was viele Familien ja dringen brauchen. Seit Kriegsbeginn gibt es keine normalen Bürotage mehr, hier herrscht ständig Ausnahmezustand.
Wie haben Sie von der Feuerpause erfahren?
Über das Radio, auch Nachbarn haben davon erzählt. Eine Radiostation überträgt die Berichte von Al Dschasira, so verbreitete sich die Nachricht dann weiter.
Die Radios laufen mit Batterien, haben Sie ansonsten noch Strom?
Nein. Deshalb nehme ich ins Büro auch die Handys all meiner Mitbewohner mit, um sie aufzuladen. Dort gibt es einen Generator, für den vorerst noch genügend Diesel vorhanden ist. Außerdem nutze ich die Feuerpause, um Brot zu kaufen.
Wie kommen Sie an Wasser?
Im Gazastreifen war es eigentlich üblich, dass sich die Menschen an mobilen Wassertanks bedienten. Das ist jetzt aber nicht mehr möglich, weil kein Nachschub da ist - und sich die Lastwagenfahrer nicht auf die Straße trauen. Die Wasserkrise wird deshalb immer schlimmer. Vor allem für die Kinder ist das schlimm.
Sie verbringen Tag und Nacht mit vier Kindern, wie kommen die mit der Situation klar?
Sie sind ständig am Weinen, vor allem die beiden Kleinkinder. Überhaupt trifft Kinder der Krieg am schlimmsten: Viele von ihnen müssen frieren, weil durch die Bombeneinschläge Fenster zerborsten sind. Und in anderen Häusern lassen die Bewohner die Fenster offen, um zu verhindern, dass sie durch die Druckwellen der Angriffe zerstört werden. Im Januar ist es ja auch hier kalt, sodass das Risiko, krank zu werden, weiter zunimmt.
Medien berichten von mehr als 200 Kindern, die durch die Angriffe ums Leben gekommen sind. Welche psychologischen Schäden fürchten sie für die, die überleben?
Wir wissen von mindestens einem Kind, dass durch einen Schock gestorben ist: Das Mädchen schlief, als eine Rakete einschlug. Auf dem Weg ins Krankenhaus starb es dann. Hunderttausende werden Traumata davon ziehen und unter dem Schock des Krieges leiden müssen. Und das zu einem Zeitpunkt, wo viele psychologische Zentren wegen der Sicherheitssituation schließen mussten.
Was muss passieren, damit sich die Lage bessert?
Wir brauchen einen sofortigen und anhaltenden Waffenstillstand. Sowohl die israelische Armee wie die palästinensischen Gruppen müssen ihre Angriffe einstellen. Außerdem muss ein humaner Korridor eingerichtet werden, um die dringend benötigten Nahrungsmittel in den Gazastreifen zu bringen und die Verletzten zu versorgen. Man darf schließlich nicht vergessen, dass es schon seit der Verhängung der Blockade durch Israel Anfang November kaum noch Milchprodukte gibt oder Windeln - nicht erst mit dem Beginn des Krieges.