http://www.faz.net/-gpf-73tna
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 24.10.2012, 08:57 Uhr

Hubert Védrine im Gespräch „Deutschland könnte eine echte Macht sein“

Der ehemalige französische Außenminister Védrine fordert Deutschland auf, eine größere Rolle in der internationalen Politik und bei militärischen Einsätzen zu spielen. Im Interview mit der F.A.Z. sagt der Berater Präsident Hollandes, Deutschland könne „nicht darin verharren, seine Geschichte zu bewältigen“.

© IMAGO Hubert Védrine war zwischen 1997 und 2002 Außenminister Frankreichs

Herr Védrine, wie bewerten Sie das deutsch-französische Verhältnis seit dem Machtwechsel in Paris? Können Angela Merkel und François Hollande zueinanderfinden?

Für mich gibt es seit der Wiedervereinigung kein deutsch-französisches Paar mehr. Schon vorher fand ich den Begriff zu sentimental und zu introvertiert. Die großen Augenblicke der deutsch-französischen Beziehung, zu Zeiten Giscards und Schmidts oder Mitterrands und Kohls waren Momente, in denen beide Länder ein Motor für den Rest Europas waren. Das ist nur noch selten der Fall heute.

Worauf führen Sie das zurück?

Seit der Wiedervereinigung haben sich die Deutschen von der deutsch-französischen Rhetorik gelöst. Das ist weder überraschend noch schockierend. Die französischen Reaktionen hinkten den Realitäten hinterher. Als führe man einen afrikanischen Regentanz auf, gab es inständige Aufrufe zu einer Wiederbelebung der deutsch-französischen Beziehungen.

Und heute glaubt die Linke in Frankreich nicht mehr an eine Wiederbelebung?

Der französischen Seite ist es schwergefallen, sich einzugestehen, dass Deutschland die wichtigste europäische Wirtschaftsmacht und damit die wichtigste politische Macht Europas geworden ist. Viele Franzosen waren auf ein erstarktes Deutschland ohne Komplexe - mit Ausnahme des militärischen Bereichs - nicht vorbereitet, auch aufgrund der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die Deutschland vor gut zehn Jahren hatte. Trotzdem musste man feststellen, dass ohne eine deutsch-französische Verständigung in Europa nichts vernünftig funktioniert. Es gibt also keine Alternative, auch für Deutschland allein nicht. Deshalb kommt man wieder auf die deutsch-französischen Beziehungen zurück, aber dieses Mal ganz konkret und ohne Mythologie.

Aber ging so nicht schon das von der Bundeskanzlerin und Präsident Sarkozy gebildete „Merkozy-Paar“ vor?

Angela Merkel und Nicolas Sarkozy hatten einen schlechten gemeinsamen Start. Aber zum Schluss erweckten sie den Eindruck, dass das deutsch-französische Paar wieder zueinandergefunden hätte. Ich glaube, das war nur eine optische Täuschung. Die Bundeskanzlerin hatte verstanden, dass die harten deutschen Forderungen nach Haushaltsdisziplin innerhalb der Eurozone viel besser durchzusetzen sind, wenn sie den deutsch-französischen Stempel tragen. Nicolas Sarkozy hat von diesem Umstand profitiert und das war in Ordnung so. Aber die deutsch-französischen Beziehungen sind dadurch aus dem Gleichgewicht geraten.

War der Spruch vom deutsch-französischen Ungleichgewicht nicht nur ein Wahlkampfslogan Hollandes?

Seit seiner Wahl versucht François Hollande, die Beziehungen wieder auszugleichen, zum Beispiel, wenn er sich mit Spaniern oder Italienern verbündet. Das bedeutet aber nicht, dass er die deutsch-französischen Beziehungen zerstören will. Er will das Gleichgewicht wiederherstellen. Wir sind immer noch in dieser Phase der Neujustierung. Meines Erachtens werden wir langfristig mit pragmatischen deutsch-französischen Beziehungen leben. Wir werden oft nicht miteinander einverstanden sein. Aber wir werden immer versuchen, so viele Übereinstimmungen wie möglich zu finden. Der Kompromiss über die Bankenunion ist ein gutes Beispiel dafür.

Aber in Ihrer Partei, den Sozialisten, herrscht weiterhin Unbehagen über den europäischen Fiskalpakt, auch wenn er gerade mit einer sozialistischen Mehrheit ratifiziert wurde.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Arbeitskampf in Frankreich Der Streik bekommt einen Schnauzbart

Brennende Barrikaden: Um gegen die Arbeitsmarktreform zu protestieren, legt eine Gewerkschaft Frankreichs Ölraffinerien lahm. Der Konflikt eskaliert – und die Reformgegner bekommen eine Führungsfigur. Mehr Von Michaela Wiegel, Paris

24.05.2016, 20:13 Uhr | Politik
Paris Präsident Hollande gibt Egypt-Air-Maschine verloren

Der französische Präsident Francois Hollande gibt die Egypt-Air-Maschine auf. Es sei leider klar, dass das Flugzeug verloren und im Meer versunken sei, sagt er. Die Ursache für das Unglück sei völlig offen, es könne nichts ausgeschlossen werden. Mehr

19.05.2016, 14:20 Uhr | Gesellschaft
Deutsche Sicherheitspolitik Wann raffen wir uns endlich auf?

Nur das tun, was gerade nötig ist. Und bloß keine Kampfeinsätze. Die Friedensliebe unseres Staates bringt uns überallhin. Nur nicht in eine sichere Zukunft. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Wolf Poulet

20.05.2016, 10:08 Uhr | Politik
Fußballturnier in Frankreich Wie sicher ist die Europameisterschaft?

Nicht nur die französischen Behörden bereiten sich auf die Fußball-EM vor. Auch von Deutschland aus will man dafür sorgen, dass die EM zu einem großen, aber sicheren Fußballfest wird. Nach den Anschlägen in Paris im November des vergangenen Jahres gilt in Frankreich der Ausnahmezustand. Mehr

21.05.2016, 22:27 Uhr | Sport
Schäuble und Sapin Auf Kompromiss-Suche

Michel Sapin und Wolfgang Schäuble beteuern immer wieder, dass das deutsch-französische Einvernehmen für die europäische Politik elementar sei. Und sie beschreiben, wie in diesem Sinne stets die Abstimmung zwischen den zuständigen Ressorts gesucht wird. Mehr Von Günther Nonnenmacher

23.05.2016, 10:00 Uhr | Politik

Anleitung zur Reparatur

Von Jasper von Altenbockum

Die SPD hält das Integrationsgesetz für ein neues Einwanderungsgesetz. Warum nur? Beim Thema Einwanderung geht es um eine ganz andere Frage. Mehr 102