29.12.2006 · Die somalischen Islamisten drohen nach ihrem Rückzug aus Mogadischu mit einem Guerillakrieg. Zahlreiche Staaten haben sie nach UN-Informationen in den vergangenen Monaten mit Waffen versorgt und ausgebildet.
Von Hans-Christian RößlerDer Rückzug aus Mogadischu sei nur ein „taktischer“ Zug, um unnötiges Blutvergießen zu verhindern. „Wenn Gott es will, werden wir diese Kräfte vertreiben“, sagte Scheich Scharif Ahmed, der Anführer der Union der Scharia-Gerichtshöfe. Die Pläne dafür gebe es schon.
Andere Sprecher der somalischen Islamisten hatten schon von einem bevorstehenden Guerrillakrieg gesprochen. Das könnte keine leere Drohung schlechter Verlierer sein, glaubt man einem UN-Bericht über Waffenlieferungen in das Land am Horn von Afrika, der im November veröffentlicht wurde: Die Milizen der Scharia-Gerichtshöfe seien in der Lage, Somalia in eine Art zweiten Irak zu verwandeln - mit Bombenanschlägen, Selbstmordattentätern und Entführungen, heißt es in dem Bericht der UN-Kommission, die das Waffenembargo überwacht.
Hizbullah entsandte Fachleute nach Somalia
Ausländer haben nach diesen UN-Informationen in den vergangenen Monaten die islamistischen Kämpfer in Guerrillataktik geschult. Umfangreiche Unterstützung erhielten auch die Übergangsregierung und die somalischen Warlords. Alle sind daher gut für einen länger andauernden Konflikt gerüstet: Zehn Regierungen und mehrere Waffenhändler hätten die Konfliktparteien reichlich mit Material versorgt, schreiben die UN-Fachleute. Sie erwähnen dabei auch die schiitische Hizbullah-Miliz aus dem Libanon. Während des Krieges mit Israel im Sommer sollen die Scharia-Gerichtshöfe ihr 720 Kämpfer zur Verfügung gestellt haben; einige von ihnen seien im Libanon weiter ausgebildet worden. Die Hizbullah habe wiederum Fachleute nach Somalia entsandt und dafür gesorgt, daß Syrien und Iran die Islamisten mit Waffen versorgten. Syrien habe zudem 200 somalische Kämpfer ausgebildet. Nach diesen UN-Informationen standen den Scharia-Gerichtshöfen weitere arabische Länder bei, zu denen neben Libyen auch gemäßigte Länder wie Ägypten und Saudi-Arabien zählen sollen. Transportflugzeuge vom Typ Antonow und arabische Daus seien vollbeladen in Somalia gelandet.
Auch Iran half den somalischen Islamisten angeblich. Dabei soll die iranische Führung nicht selbstlos gehandelt haben: Zwei Iraner seien nach Dhusa Marib in Somalia gereist - „wegen Angelegenheiten, die mit dem Abbau von Uran im Austausch für Waffenlieferungen an die Union der Scharia-Gerichtshöfe zu tun hatten“. Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde gibt es in dem Ort, woher der Islamistenführer Scheich Aweys stammt, Uranvorkommen. Teheran wie andere Regierungen wiesen den UN-Bericht umgehend als unzutreffend zurück.
Allianz mehrerer Kriegsfürsten
Manche Angaben werfen in der Tat Fragen auf, zum Beispiel, wie die Islamisten, die erst im Sommer die Macht in Mogadischu übernommen hatten, auf mehr als 700 ihrer erfahrensten Kämpfer verzichten konnten; ihre Gesamtzahl wurde damals auf gut 2000 geschätzt. Zudem verwundert, wie es gelingen kann, daß Somalia so intensiv mit Waffen (bis hin zu Boden-Luft-Raketen und panzerbrechenden Waffen) versorgt werden konnte, während die amerikanischen Streitkräfte und die deutsche Marine vor der somalischen Küste präsent sind, um Waffenschmuggel zu unterbinden. Kritik an dem Bericht wurde aber auch laut, weil er Amerika gar nicht erwähnte: Über die Allianz mehrerer Kriegsfürsten hatte Washington bis zum Sommer versucht, die Machtergreifung der Scharia-Gerichtshöfe in Mogadischu zu verhindern. Der später von den Islamisten besiegte Zusammenschluß der Warlords erhielt Geheimdienstinformationen über den Gegner, Geld und über Äthiopien wohl auch Waffen - jetzt sind einige Verlierer vom Sommer dabei, wieder die Kontrolle über ihre alten Gebiete zu übernehmen.
Das sind aber noch längst nicht alle Staaten, die sich in den seit mehr als 15 Jahre dauernden Konflikt in dem kleinen Land eingeschaltet haben. Äthiopien und Eritrea tragen ihren Bruderkrieg zu einem großen Teil auf somalischem Boden aus. Vor allem Eritrea versucht dort, seine Niederlage im Grenzstreit mit dem Nachbarland wettzumachen, und ist daran interessiert, Äthiopien zu schwächen und in Somalia zu binden. So ist in dem UN-Bericht von insgesamt 28 Waffenlieferungen die Rede und zum Beispiel der Entsendung von 2000 Mann Kampftruppen allein im August 2006. Scheich Aweys soll erst zu Wochenbeginn von einem Besuch aus Eritrea zurückgekehrt sein.
Über die somalischen Islamisten soll auch die „Ogaden National Liberation Front“ eritreische Waffen bekommen haben. Das dürfte in Äthiopien auf besonderen Argwohn gestoßen sein. Denn zwanzig Prozent aller Somalier leben im Ogaden, dessen Rückeroberung erklärtes Ziel der Scharia-Gerichtshöfe ist. Die Militärintervention im Nachbarland könnte der Befreiungsfront den Zugang zu Nachschub und Rückzugsgebieten abschneiden. Ähnliches gilt für die „Oromo Liberation Front“; die Oromo stellen fast 40 Prozent der Bevölkerung Äthiopiens und fordern seit langer Zeit Selbstbestimmung. Zuletzt war immer wieder berichtet worden, ihre Kämpfer würden mit eritreischer Hilfe in Lagern der somalischen Scharia-Gerichtshöfe ausgebildet.
Begeisterter Empfang für die Regierungstruppen
Für Äthiopien gab es also neben der sich abzeichnenden Unterstützung arabischer und islamischer Staaten für die Islamisten weitere Gründe, in Somalia aktiv zu werden. Schon bevor die äthiopische Regierung am Weihnachtswochenende den somalischen Islamisten formell den Krieg erklärte, war sie nach UN-Angaben mit mehreren tausend Militärs dort präsent und unterstützte die Übergangsregierung und befreundete Warlords massiv mit Waffen und Ausbildung. Die Kriegsfürsten, von denen einige sich vor den Islamisten in Äthiopien in Sicherheit gebracht haben, kehren jetzt mit den vorrückenden Truppen der Äthiopier und der Übergangsregierung in die alte Heimat zurück.
Dort bereiten ihnen diejenigen Somalier nach Korrespondentenberichten einen begeisterten Empfang, die genug von dem islamisch strengen Regime der Scharia-Richter haben und sich freuen, endlich wieder die zuvor verbotenen berauschenden Qat-Blätter kauen zu können. Aber schon bald will die äthiopische Regierung ihre Truppen zurückziehen. Dann müssen Übergangsregierung und Kriegsfürsten zeigen, wie sie alleine für Frieden und Sicherheit sorgen. Die Islamisten wollen sie mit einer Amnestie von ihrem angekündigten Guerrillakrieg abbringen.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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