28.04.2005 · In Spanien sorgt das neue Gesetz über die Zulassung der Homosexuellen-Ehe landesweit für Aufregung. Bürgermeister wollen die Zermonien verweigern und spanische Bischöfe rufen zu „zivilem Ungehorsam“ auf.
Von Leo Wieland, MadridDas katholische Spanien, eines der Lieblingsländer von Papst Johannes Paul II., stellt dessen Nachfolger Benedikt XVI. nun als erstes vor eine Herausforderung. Eine Woche nach der Verabschiedung des neuen Gesetzes über die Zulassung von Homosexuellen-Ehen in den Cortes zeigt sich Widerstand von zwei Seiten.
Konservative spanische Bürgermeister wollen sich solchen Zeremonien verweigern und Trauungen willigen Stadträten überlassen. Kardinäle und Bischöfe rufen zu „zivilem Ungehorsam“ und Absagen „aus Gewissensgründen“ auf.
Gleiche Rechte für Homosexuelle
Seit dem Amtsantritt des sozialistischen Ministerpräsidenten Zapatero im April vorigen Jahres ist das Verhältnis zwischen diesem iberischen Land und dem Vatikan - beide verbindet noch ein besonderes Konkordat - belastet. Die neue gesellschaftspolitische Madrider Agenda, die Schritt für Schritt die Erleichterung von Ehescheidungen, eine Zurückstufung des Religionsunterrichts als wichtigem Schulfach und nun noch die Erlaubnis für gleichgeschlechtliche Eheschließungen umfaßt, stieß in Rom wie beim spanischen Klerus auf beträchtliches Unbehagen.
Das letztgenannte Gesetz, welches homosexuellen Paaren die gleichen Rechte wie heterosexuellen zuerkennt, darunter das Adoptionsrecht, soll im Juni in Kraft treten. Nur die Abgeordneten der oppositionellen Volkspartei (PP) stimmten im Parlament gegen das von der Sozialistischen Partei angeregte und mit der Billigung kleinerer linker und regionalnationalistischer Parteien verabschiedete Projekt.
Ein halber Rückzieher
Als erster meldete sich daraufhin der PP-Bürgermeister der kastilischen Stadt Valladolid, Javier Leon de la Riva, mit der Ankündigung zu Wort, er werde weder Trauungen selbst vornehmen noch solche delegieren. In Katalonien ging der Bürgermeister der Gemeinde Pontons bei Barcelona, Lluis Fernando Caldentey, noch einen eklatanten Schritt weiter und erklärte die Homosexuellen zu „erbkranken Personen, die mit physischen und psychischen Deformationen geboren“ seien.
Auf die Warnung von Justizminister Lopez Aguilar, daß jeder Bürgermeister und Richter verpflichtet sei, die geltenden Gesetze zu befolgen, machte Leon de la Riva einen halben Rückzieher und will die ihm unangenehme Aufgabe nun „abtreten“. Caldentey wiederum muß wegen seiner bislang nicht zurückgenommenen Äußerungen mit einem Ausschlußverfahren aus der Volkspartei rechnen.
„Absolut unpassenden Vergleich“
Während die meisten konservativen Bürgermeister der Großstädte und als bisher einziger der sozialistische Bürgermeister von La Coruna in Galicien, Francisco Vazquez, zwar die Vorschriften befolgen, aber ebenfalls an willige Stadträte delegieren möchten, haben Sprecher der Kirche den Ton verschärft. Der Bischof von Castellon, Juan Antonio Reig Pla, berief sich auf die „Religionsfreiheit“ und forderte zu „zivilem Ungehorsam“ gegen ein Gesetz auf, welches „niemals zuvor anerkannte und rein subjektive Rechte“ durchsetzen wolle. Ein Katholik habe „erst Gott und dann den Menschen zu gehorchen“.
Alles andere führe in den „Totalitarismus“. Der Kardinal im Ruhestand von Barcelona Ricard Maria Carles spitzte dieses Argument sogar noch mit der Bemerkung zu: „Wenn das Gesetz vor dem Gewissen kommt, dann führt das nach Auschwitz.“ Sprecher der sozialistischen Regierung widersprachen vehement diesem „absolut unpassenden Vergleich“ zwischen dem demokratischen spanischen Rechtsstaat und dem Naziregime.
„Würde der Familie in unserem Spanien“
Justizminister Lopez Aguilar mahnte ferner, daß es in einer demokratischen Gesellschaft „keinen Platz für zivilen Ungehorsam gegen ein vom Parlament verabschiedetes Gesetz“ gebe. Auf den Vorwurf, eine Minderheit von „Reaktionären“ und „Rückständigen“ zu führen, reagierte der Vorsitzende der Volkspartei Rajoy, indem er sich „Drohungen“ verbat und versprach, das Gesetz zu akzeptieren, obwohl er es für einen „schweren Irrtum“ halte.
Ministerpräsident Zapatero, der nicht zur Amtseinführung des neuen Papstes gereist war, ließ sich berichten, wie der spanische Camarlengo Eduardo Martinez Somalo bei einem Empfang in der spanischen Botschaft im Vatikan so deutlich wie diplomatisch für die Achtung der „Würde der Familie in unserem Spanien“ geworben hatte. König Juan Carlos und auch Außenminister Moratinos waren dabeigewesen.
Leo Wieland Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.
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