05.09.2006 · Im Südlibanon ist die Hizbullah nach dem Krieg gegen Israel keineswegs unbeliebt. Die schiitische Miliz helfe wenigstens schnell, sagen viele von den Zerstörungen des Krieges Betroffene. Rainer Hermann berichtet aus Bint Jbeil.
Von Rainer Hermann, Bint JbeilDer Propagandakrieg geht weiter. „Der Süden ist der Fels, an dem die Hoffnungen Israels zerschellen“, verheißt das gelbe Spruchband in der Farbe der Hizbullah. Unter dem Band müssen alle Autos hindurch, die entlang der libanesischen Küste nach Süden rollen. In endlosen Staus winden sie sich durch die engen Straßen der Dörfer - durch Bananenplantagen, vorbei an Hainen mit Orangen- und mit Zitronenbäumen. Denn die Autobahn weiter landeinwärts ist an vielen Stellen nicht befahrbar.
Der Libanon ist das Land der zerstörten Brücken. Eine nach der anderen hatte die israelische Luftwaffe zerbombt. Auch die über den Zahrani steht nicht mehr. An einem aufragenden Eisenträger verkündet ein ebenfalls gelbes Stoffband: „Ihr habt die Brücken zerstört, wir aber gehen in die Herzen der Menschen.“ Erst vor wenigen Jahren war die Brücke fertiggestellt worden. Nun liegen ihre zerborstenen Teile fast wie Dominosteine übereinander.
Der „göttliche Sieg“
Französische Soldaten legen über den von Schilf gesäumten Fluß Damur gerade eine behelfsmäßige Brücke. „Sehr präzis gezielt“, spottet ein anderes Poster der Hizbullah am Straßenrand. Es zeigt ein Kleinkind, das anscheinend bei einem Angriff schwere Verletzungen erlitten hat. Auf anderen Postern wird immer wieder der „göttliche Sieg“ gefeiert. Auch Scheich Nasrallah, der Generalsekretär der Hizbullah, ist mit Bart und Turban auf den Postern entlang der Straßen allgegenwärtig.
In allen Städten und Dörfern haben Soldaten der libanesischen Armee Stellung bezogen. Sie patrouillieren oder sie stehen mit großen olivgrünen Lastwagen und Panzern an Straßenkreuzungen. Kaunin ist der letzte Ort, den sie halten. Ins zwei Kilometer entfernte Bint Jbeil sollen sie nicht einrücken. Denn auf einem Hügel unmittelbar hinter Bint Jbeil, auf dem 950 Meter hohen Ras Marun, stehen bereits israelische Soldaten. Abrücken werden sie erst, wenn die Friedenssoldaten der erweiterten Unifil ihre Stellungen eingenommen haben.
Zum Schlafen verreisen
Auf dem Dach des höchsten Gebäudes von Bint Jbeil weht stolz die gelbe Flagge der Hizbullah. Das Haus ist völlig zerstört, wie alle umliegenden Gebäude. Die Stadt war hart umkämpft. Ali Saleh bahnt sich mit einem kräftigen Besen einen Weg durch den Schutt in seinem Möbelgeschäft. Erst in diesem Jahr war er aus Kolumbien zurückgekehrt, um das Geschäft seiner Mutter zu übernehmen. Bei der israelischen Belagerung wurde auch ein Teil seines Hauses zerstört.
Um es instand zu setzen, habe ihm die örtliche Vertretung der Hizbullah 15.000 Dollar in bar ausgehändigt. Außerdem hat er einen vollen Wassertank erhalten. Noch immer gibt es in Bint Jbeil weder fließendes Wasser noch Strom. Auch das Telefon funktioniert nicht. Daher ist nicht einmal jeder zehnte Bewohner der Stadt zurückgekehrt. Viele reisen zum Schlafen in die nächste bewohnbare Stadt oder gleich nach Beirut.
Die Baufirma der Hizbullah
In den vergangenen Tagen waren Inspektoren vom „Dschihad al Bina“, der Baufirma der Hizbullah, in der Stadt, um die Schäden zu schätzen. Sie waren auch bei Ibrahim Bazzi. Für übermorgen haben sie ihm Geld versprochen. Damit will er sich Möbel kaufen und eine neue Wohnung anmieten. Denn das Haus des Stadtteilbürgermeisters mit seinen 250 Quadratmeter Wohnfläche ist völlig zerstört. Gewöhnlich baut der „Dschihad al Bina“, also der „Bau-Dschihad“, die Schulen und Krankenhäuser der Hizbullah. Diesmal aber reisen seine Ingenieure zu einer Bestandsaufnahme der Kriegsschäden durch alle Städte und Dörfer des Südens.
Um den Einfluß der Hizbullah und Irans einzudämmen, haben Qatar und die Vereinigten Arabischen Emirate zugesagt, Bint Jbeil großzügig wieder aufzubauen. Qatar wird den Wiederaufbau der Privathäuser und der Infrastruktur finanzieren, die Emirate wollen neue Krankenhäuser und Schulen bauen. „Das ist Hilfe von Arabern für Araber“, sagt Ali Bazzi mit einem Seitenhieb gegen Iran. Der Professor für Anthropologie an der Universität Libanons in Beirut stammt aus Bint Jbeil. Heute inspiziert er die Schäden an seinem Haus.
Die arabische Hilfe mag großzügig sein, die der Hizbullah ist aber schon angekommen. „Daß die Regierung in Beirut uns helfen will, haben wir bisher nur aus den Nachrichten gehört“, klagt Bassam Jumaa, der in den Ruinen seines Geschäfts für Männeroberbekleidung Hemden und Hosen verkauft. Für die Zerstörung eines Teils seines Hauses hat ihm die Hizbullah 2600 Dollar in die Hand gegeben.
1500 Häuser der Stadtmitte zerstört
Schon vor dem Krieg kontrollierte die Hizbullah das politische und gesellschaftliche Leben von Bint Jbeil. Sie stellt die absolute Mehrheit der 21 Mitglieder des Stadtrats. Ihre Vereinigungen für die „Märtyrer“ und für „Verwundete“ leisten monatliche Zahlungen an Familien, eine Grundschule wird von der Hizbullah betrieben. Die Stadt mit ihren 30.000 Einwohnern ist das historische Handelszentrum zwischen Damaskus, dem Libanon und Palästina. Ihr „Donnerstagmarkt“ läßt sich mehr als 300 Jahre zurückdatieren.
Mit der Gründung des Staates Israel geriet die einst blühende Stadt über Nacht an den Rand eines Grenz- und Konfliktgebiets. „In den 34 Tagen des Kriegs wurden die 1500 Häuser der Stadtmitte zerstört, zudem das Marktviertel, auch alle sieben staatlichen und drei privaten Schulen“, zählt Professor Bazzi auf. „Wer Bint Jbeil zerstört, der zerstört die gesamte Region“, sagt er.
Glaube an Gott und die Hizbullah
Ali Saleh, der Besitzer des Möbelgeschäfts, hält beim Aufräumen einen Augenblick inne und wischt sich den Schweiß von der Stirn: „Das ist die Demokratie der Vereinigten Staaten und Israels, das ist der neue Nahen Osten von Frau Rice“, sagt er vorwurfsvoll. Wo sollen denn in seinem Laden Waffen versteckt worden sein, fragt er. Möbel im Wert von 110.000 Dollar kann er nun nicht mehr verkaufen. Jetzt glaube er noch mehr an Gott und an die Hizbullah, ruft er. Denn die Hilfe der Hizbullah, die komme wenigstens schnell
Ali Salehs Geschäft war vom gegenüberliegenden Hügel Ras Marun aus beschossen worden. Denn besetzen konnte die israelische Armee die Stadt auch in den 34 Tagen nicht. Aber sie nahm alle Bergrücken um Bint Jbeil herum ein. Als sie wegen des Widerstands der Hizbullah-Kämpfer nicht einrücken konnten, beschossen die israelischen Soldaten die Stadt Tag und Nacht.
„Bisher hatten alle Kriege Israels gegen arabische Armeen jeweils nur eine Woche gedauert“, erinnert sich Abu Habib, ein Schiit. „Diesmal aber kam Israel gegen die Hizbullah in 34 Tagen kaum 100 Meter voran.“ Wie sie ihre Hilfszahlungen finanziert, weiß auch in Bint Jbeil niemand. Ali Bazzi, der Professor, nennt drei mögliche Quellen: Iran, die religiöse Abgabe Chums und Spenden, zu denen die Hizbullah über ihren Fernsehsender al Manar aufruft. Selbst Bazzi, ein säkularer Schiit, kann der Hizbullah etwas abgewinnen. Er bezeichnet sie als eine politische Partei auf einer religiösen Grundlage, die alle Einwohner der Stadt teilten.
Für den Sommer aus Australien gekommen
Als politische Partei sucht die Hizbullah die Öffentlichkeit, als Widerstandsbewegung meidet sie diese. So ist ein junger Mann, der tatkräftig beim Aufräumen im Möbelgeschäft von Ali Saleh hilft, nicht sehr gesprächig. Er bestätigt nur, daß er für die Hizbullah arbeitet. Eben haben einige seiner Kollegen mit einem kleinen Lieferwagen den ersten Schutt abtransportiert.
Hassan Baydun ist aus Australien gekommen. Er wollte eigentlich nur den Sommer bei seinen Eltern verbringen. Er zeigt in die Runde. „Keiner weiß vom anderen, ob er im Widerstand der Hizbullah ist oder nicht“, sagt er. Nicht einmal die Eltern der Kämpfer wüßten es. Diese Verschwiegenheit findet er richtig. Denn so verhindere die Hizbullah eine Infiltration durch israelische Agenten.
Die Fahrt von Bint Jbeil an die Grenze zu Israel führt durch christliche Siedlungen wie An Ibl und Rmeish. Wie ein Wunder sind sie alle völlig intakt, obwohl sie bei Wahlen für den einzigen christlichen Verbündeten der Hizbullah, Michel Aoun, gestimmt hatten. Zu 85 Prozent zerstört ist aber wieder Aita Schaab, der letzte Ort vor der Grenze. Hier hatte die Entführung der beiden israelischen Soldaten, die der Anlaß für den Krieg war, ihren Ausgang genommen.
„Israel ist das absolute Übel“
Der Teehausbesitzer Hassan und der Kleinhändler Ahmad trinken, auf kleinen Hockern sitzend, Tee. Sie verstehen die Welt nicht mehr. Empört hält Hassan Dakduk eine Handvoll von vier Zentimeter langen, spitzen Nägeln hoch und beteuert, daß er sie alle vor seinem Teehaus gefunden habe. Für den Einsatz von Streubomben haben auch die Vereinten Nationen Israel kritisiert.
„Israel ist das absolute Übel“, sagt der Händler Ahmad. Es habe Wohnhäuser bombardiert und überwiegend Zivilisten getötet. Deshalb seien hier nun alle für die Hizbullah und den Widerstand. Einen islamischen Staat wollten nur wenige, versichert er. Alle wünschten sich einen souveränen Libanon, in dem Gerechtigkeit herrsche. Dann schlürft er sein Teeglas aus: „Die Hizbullah ist eben ein Garant für beides.“
Danke!
Sophia Orti (rum)
- 04.09.2006, 22:59 Uhr
@Sophie
jörg sutter (jsutter)
- 05.09.2006, 11:53 Uhr
Aber Herr Sutter
Elisabeth Müller (liemue)
- 05.09.2006, 13:09 Uhr
Hass und Dummheit
Klaus-Henning Bähr (henning_baehr)
- 05.09.2006, 13:58 Uhr
Die richtige Einstellung
Klaus Meyer (deutschlaender2)
- 06.09.2006, 07:28 Uhr
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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