19.11.2008 · Syrien steht im Verdacht, heimlich ein Atomprogramm betrieben zu haben. Heute übergibt die Internationale Atomenergiebehörde einen Bericht an ihre Mitglieder, der die Vorwürfe bestätigen könnte.
Von Markus BickelWalid Muallim versuchte abzulenken. „Es hat sich nie jemand gefragt, welche Art Bomben es waren, die den Standort getroffen haben und was sie enthielten“, sagte der syrische Außenminister vergangene Woche. Kurz zuvor hatten Diplomaten in Wien berichtet, auf dem Gelände des im Herbst 2007 zerstörten mutmaßlichen Atomreaktor im syrischen al Kabir seien Uranspuren entdeckt worden. Das bestätigte am Montag auch der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Mohammed ElBaradei. „Dort war Uran, aber das heißt nicht, dass da ein Reaktor stand.“
Die Erkenntnisse beruhen auf Bodenproben, die IAEA-Inspektoren im Juni am verwüsteten Standort entnahmen. Details ihrer Untersuchung finden sich in einem bislang unveröffentlichten Bericht, den die Behörde noch heute den Teilnehmern der kommende Woche in Wien tagenden Gouverneursversammlung übergeben will. Die Vereinigten Staaten und Israel werfen Syrien vor, zum Zeitpunkt der Bombardierung kurz vor der Fertigstellung eines geheimen Atomreaktors gestanden zu haben.
Syrien droht Überwachung wie Iran
Muallims Andeutung, Israel habe im September 2007 Munition mit abgereichertem Uran eingesetzt, um die Anlage in Al Kabir zu zerstören, wird die Fachleute kaum besänftigten. Zu deutlich sind offenbar die Hinweise, dass Präsident Baschar al-Assad an einem geheimen Atomprogramm gearbeitet hat. Deshalb hat die Organisation nun zum ersten Mal in ihrer Geschichte ein schriftliches Gutachten zum angeblichen Atomgebahren der arabischen Mittelmacht angefertigt.
Für Assad beinhaltet das die Gefahr, wie Iran künftig einem strengen Überwachungssystem unterworfen zu werden. Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo der junge Herrscher hoffte, nach Jahren der Isolation endlich in den Kreis der international anerkannten Staaten zurückzukehren.
Doch mehr als ein Jahr nach dem zunächst mysteriösen Angriff auf die mutmaßliche Atomananlage in Al Kabir scheinen die Hintergründe für die Attacke wesentlich klarer zu sein als in den Tagen nach jenem 6. September 2007. So waren an dem Einsatz israelischen Geheimdienstinformationen zufolge sieben F-15I-Kampfflugzeuge beteiligt, die den vermutlich mit nordkoreanischer Hilfe gebauten Reaktor zerstörten. Die syrische Führung wurde von dem Angriff völlig überrrascht - und behauptete zunächst, der Luftabwehr des Landes sei es gelungen, die Flieger zu vertreiben. Später dann hieß es, lediglich ein leeres Militärgebäude sei getroffen worden. In der Folge veröffentlichte Satellitenbilder zeigen, dass die Trümmer der Anlage kurz nach dem Angriff mit Erde überschüttet wurden.
Plutonium für eine Bombe jährlich
Die Weigerung der Führung in Damaskus, IAEA-Inspektoren ins Land zu lassen, nährte den Verdacht weiter, Assad habe etwas zu verbergen. Auf der IAEA-Generalkonferenz Anfang Oktober dieses Jahres kritisierte der syrische Vertreter die Forderung nach mehr Transparenz. Willen zur Zusammenarbeit habe sein Land schließlich längst unter Beweis gestellt und sei auch künftig willig, zu kooperieren: „Allerdings wird diese Kooperation unter keinen Umständen beinhalten, unsere militärischen Positionen preiszugeben und unsere nationale Sicherheit zu gefährden.“
Diplomaten in Wien rechnen damit, dass die IAEA in ihrem Bericht fordern wird, Zugang zu weiteren Standorten in Syrien zu erlangen, um Hinweise auf ein geheimes Atomprogramm zu finden. Schon nach Veröffentlichung von Luftaufnahmen sowie Bildern aus dem Innern des mutmaßlichen Reaktors durch die CIA im April hatten unabhängige Quellen wie das Institute for Science and International Security (ISIS) bestätigt, dass es sich um einen Reaktor nordkoreanischer Bauart handelte, ähnlich dem inYongbyong. „Bei nahezu vollständigem Betrieb kann dieser Rekator genügend Plutonium erzeugen zur Herstellung einer Atomwaffe jährlich oder alle zwei Jahre“, heißt es in einem ISIS-Bericht von Mai.
Das Geld soll aus Teheran gekommen sein
Auch der israelische Journalist Ronen Bergman schreibt von einer „unheilige Dreierallianz“ Syriens mit Nordkorea und Iran, die amerikanischen und israelischen Geheimdiensten durch einen iranischen Überläufer, General Ali Reza Askari, erst im Februar 2007 bekannt wurde. Bis dahin war man in Washington und Jerusalem davon ausgegangen, dass Syrien über Chemiewaffen verfüge, aber keine nuklearen Ambitionenen hege. Bereits kurz nach seinem Amtsantritt soll Assad sich demnach im Juni 2000 mit nordkoreanischen Atomfachleuten getroffen haben, um die Bedingungen des Atomdeals zu klären. In der Folge seien etliche Bauteile für den Reaktor nach Syrien geschifft worden. Finanziert habe das Projekt Iran - in einer Größenordnung von bis zu zwei Milliarden Dollar.
Um sicherzugehen, dass die Anlage in Al Kabir tatsächlich Teil eines Atomprojekts war, flog ein israelisches Sonderkommando Bergman zufolge schon Mitte August vergangenen Jahres in zwei Helikoptern nach Al Kabir, um Boden- und Luftproben in der Umgebung der Anlage zu entnehmen. Diese belegten offenbar, was nun auch der IAEA-Bericht zu Tage bringen dürfte: In der Anlage befand sich Uran, das zur Herstellung von Plutonium genutzt werden konnte.