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Hinrichtungsvideo Irakkrieg der Voyeure

09.01.2007 ·  Dass es offiziell genehmigte Bilder von der Hinrichtung Saddams gibt, wirft einen Schatten auf das gesamte Verfahren. Bislang gab es solche Bilder nur nach Schauprozessen.

Von Jasper von Altenbockum
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Dem Voyeurismus sind offenbar keine Grenzen gesetzt. Die heimlichen Videoaufnahmen von der Hinrichtung Saddam Husseins, deren Quelle noch immer nicht restlos aufgeklärt ist, werden im Internet in tausendfacher Variation, auch als Kurzfilme mit dem Titel „Saddam Hanging“ oder „Good bye Saddam“, weitergereicht. Zwischen Verehrern und Verächtern Saddams ist geradezu eine digitale Schlacht um die Klickquote ausgebrochen – sie „bekämpfen“ einander mit hämischen oder huldigenden Videoclips.

Nicht aber die Handy-Aufnahmen von Bagdad sind die eigentliche Neuigkeit von der Hinrichtung Saddams – die könnte man noch als peinliche Panne bezeichnen, in einem Kulturkreis allerdings, in dem Hinrichtung und Öffentlichkeit alles andere als ein Gegensatz sind. Als einzigartig müssen vielmehr die (tonlosen) Videoaufnahmen bezeichnet werden, die ganz offiziell vom Tod Saddams gedreht wurden und meist als Fotos die Weltöffentlichkeit erreichten. Es gab kaum eine Zeitung, die sie nicht abdruckte. Es ist zwar beileibe kein Einzelfall, dass Hinrichtungen auf makabre Art gefilmt oder fotografiert werden. Doch die Hinrichtung eines Staatsführers nach einem alles in allem geordneten und rechtsstaatlichen Verfahren zu filmen, das hat es bislang so noch nicht gegeben.

Wie bei den Nürnberger Prozessen

Der Vergleich zu den Nürnberger Prozessen gegen die nationalsozialistischen „Hauptkriegsverbrecher“ des Zweiten Weltkrieges, der nicht nur für den Prozess in Bagdad Maßstäbe gesetzt hat, drängt sich auf. Aufnahmen von den Hinrichtungen am frühen Morgen des 16. Oktober 1946 sollten ausdrücklich nicht gemacht werden, obwohl die Alliierten ein großes Interesse daran gehabt hatten, dass über den Prozess und die Hinrichtungen ausführlich berichtet wurde. Die Beobachtung der Hinrichtungen durch Journalisten (bei der Hinrichtung Saddams waren keine Journalisten zugelassen) war unter den Alliierten umstritten, wurde aber dennoch genehmigt.

Weiteres Video mit Aufnahmen der Leiche Saddams aufgetaucht

Von Ribbentrop, Frick, Streicher, Keitel, Jodl, Kaltenbrunner, Frank, Rosenberg, Seyß-Inquart, Sauckel, auch von Göring, der sich wenige Stunden vor der Hinrichtung selbst getötet hatte, wurden anschließend auch Fotos gemacht. „Alle Leichname wurden sodann einzeln fotografiert, und zwar in bekleidetem wie in nacktem Zustand“, schreibt der engste Mitarbeiter des amerikanischen Chefanklägers Jackson, Telford Taylor, in seinen Erinnerungen. Das ist allerdings nicht die ganze Wahrheit. Die Leichen wurden offenbar noch einmal fotografiert, nachdem sie gewaschen worden waren – diese „gereinigten“ Bilder wurden von den Alliierten freigegeben, doch in den Jahrzehnten danach äußerst selten gedruckt. In einer Berliner Zeitung erschienen jedoch schon bald einige „ungereinigte“ Fotos. Sie zeigten blutverschmierte Gesichter und verletzte Leichen. Vorwürfe gegen den amerikanischen Henker Woods, die Verletzungen rührten von einer stümperhaften Hinrichtung her, wurden nie ernsthaft untersucht. An der Echtheit der Fotos wurde hingegen nicht gezweifelt.

Die Alliierten hatten ihre Gründe, die deutsche und internationale Öffentlichkeit zu überzeugen, hier werde ein fairer Prozess geführt. Deutschen Berichterstattern – unter ihnen Alfred Döblin und Erich Kästner – war es beispielsweise verboten, in ihren Artikeln die Angeklagten schon als „Verbrecher“ zu bezeichnen. Solche Maßstäbe strikter Objektivität sollten sich vom Unrechtsregime der Nazis abheben – zu dessen Alltag es auch gehört hatte, dass sich Adolf Hitler noch am 8. August 1944 an den Bildern erfreute, die von der Hinrichtung der Widerständler an diesem Tag gedreht worden waren.

Perverse Aufnahmen

Die perversen Aufnahmen solcher Todesszenen als letzte Szenen eines Gerichtsprozesses entstanden bislang, wenn überhaupt und gar noch von Staatsführern, nach Schauprozessen. Zu den bekannten Fällen zählt die Hinrichtung Nicolae Ceausescus am 25. Dezember 1989. Der rumänische Diktator war zusammen mit seiner Frau Elena von einem improvisierten Militärgericht im Schnellverfahren zum Tode verurteilt worden. Die Fotos der Toten gingen um die Welt; begründet wurden die Aufnahmen von der rumänischen Armee damit, dass nur so das Land vor einem Bürgerkrieg bewahrt werden konnte – Loyalität mit dem alten Regime sollte sinnlos erscheinen.

Sicherlich zu anderen Zwecken wurde der Schauprozess gegen Imre Nagy zwei Jahre nach dem Aufstand von 1956 in Budapest gefilmt; die Aufnahmen wurden indessen nie gezeigt – schon gar nicht in Ungarn – und blieben bis zur Wende 1989 unter Verschluss. Auch die Hinrichtung Nagys – er wurde am 16. Juni 1958 in Budapest gehenkt – soll angeblich von einem sowjetischen Offizier gefilmt worden sein. Der Film tauchte jedoch nie auf. Als Schauprozess kann auch das Verfahren gegen den türkischen Ministerpräsidenten Menderes bezeichnet werden, der am 17. September 1961 nach einem Militärputsch und anschließendem Prozess auf der Insel Imrali hingerichtet wurde. Menderes wurde gehängt. Auch hier entstanden Fotos, die allerdings selten veröffentlicht wurden. Das türkische Militär hatte wenig Interesse daran, denn das Todesurteil und die Hinrichtung waren auf großen internationalen Protest gestoßen.

Warum also die Bilder von Bagdad?

Sollten die Bilder von Saddam mit der Schlinge um den Hals nur beweisen, dass er tatsächlich hingerichtet wurde? Dafür gibt es in einem rechtsstaatlichen Verfahren Zeugen, die bei der Hinrichtung anwesend sind. Erklären lässt sich das Verhalten der irakischen Staatsführung wohl nur dann, wenn die von ihr angeordneten (und erst recht die heimlich aufgenommenen) Bilder in eine Reihe von Filmen und Fotos gestellt werden, die mit dem Namen des gestürzten Diktators verbunden sind, bislang aber der Regie der amerikanischen Besatzer gehorcht hatten: der inszenierte Sturz der Saddam-Statue auf dem Fardus-Platz in Bagdad; das Erdloch, in dem der untergetauchte Saddam ertappt wurde; später die Aufnahmen von der medizinischen Untersuchung des Gefangenen; schließlich die Aufnahmen Saddams vor dem Untersuchungsrichter – jedes dieser Motive war sorgfältig für die Fotografen und die Öffentlichkeit vorbereitet worden. Wie eine Bildergalerie lässt sich daraus die Demontage, Entzauberung, aber auch Demütigung eines Alleinherrschers arrangieren. Die Aufnahmen waren jeweils Gefechte im Bilderkrieg.

Mit Abscheu sind in diesem Krieg Bilder kommentiert worden, welche die Hinrichtung gefangener Geiseln zeigen, die von Terroristen zum Tode „verurteilt“ wurden. Auch das wurde tausendfach im Internet verbreitet (und gierig aufgenommen, wie die Nachfrage bei Suchmaschinen ergab). Die Ächtung solcher Bilder wurde unter anderem damit begründet, dass die Geschäfte von Terroristen betreibe, wer sie veröffentliche. Denn ihnen gehe es um die Entwürdigung ihrer wehrlosen Opfer. Der Bilderkrieg ist offenbar noch nicht zu Ende.

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Jahrgang 1962, verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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