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Heroin Afghanische Rekorde

29.11.2006 ·  Am Hindukusch blüht die „Rauschgiftindustrie“. Der Versuch ist gescheitert, die Drogenökonomie durch Verbot des Mohnanbaus und Vernichtung von Schlafmohn-Feldern zu unterbinden. Der Anti-Drogen-Strategie mangelt es an Durchschlagskraft.

Von Daniel Deckers
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Auch fünf Jahre nach dem Fall des Taliban-Regimes stammen etwa neunzig Prozent des Heroins weltweit aus Afghanistan. Eine Verknappung des Rauschgifts, das aus Schlafmohn gewonnen wird, ist nach Angaben des in Wien ansässigen Büros der Vereinten Nationen für Suchtstoff- und Verbrechensbekämpfung (United Nations Office for Drugs and Crime, UNODC) kurzfristig nicht zu erwarten.

In diesem Jahr wurde in Afghanistan eine weitere Rekordernte eingebracht. Im Vergleich zum Vorjahr wuchs die vornehmlich in den südlichen Provinzen Helmand und Kandahar gelegene Anbaufläche um 59 Prozent, der Ertrag stieg um 49 Prozent.

Mafiaähnliche Strukturen

Auf gute Witterungsverhältnisse alleine ist die neuerliche Rekordernte nicht zurückzuführen. In einer gemeinsamen Studie über die afghanische „Rauschgiftindustrie“ kommen die Weltbank und das UNODC vielmehr zu dem Ergebnis, daß der Versuch gescheitert sei, durch Verbot des Mohnanbaus und Vernichtung von Schlafmohnfeldern die Drogenökonomie zu unterbinden. Entweder wurde die Verringerung der Anbaufläche in der einen Region durch die Ausweitung des Mohnanbaus in einer anderen ausgeglichen, oder die Produktion wurde nach kurzer Zeit wiederaufgenommen.

Der bisherigen Anti-Drogen-Strategie mangelt es nach dem Urteil der beiden Institutionen aber nicht nur an Durchschlagskraft und Nachhaltigkeit. Die Studie schildert auch erhebliche negative Folgen der Repression. So haben das Anbauverbot und die Vernichtungsstrategie offenbar maßgeblich dazu beigetragen, daß sich über die Grenzen von Regionen, Sprachen und Volksgruppen hinaus mafiaähnliche Strukturen herausgebildet haben.

Leidtragende sind die ärmsten Gruppen

Überdies sei ein großer Teil des Sicherheitsapparats bis hinauf in höchste Verwaltungs- und Regierungsstellen durch Korruption und Schutzgelderpressung Teil der Rauschgiftökonomie geworden. Herstellung und Vertrieb des Rauschgifts werden nach Erkenntnissen der Weltbank und des UNODC mittlerweile von einer kleinen Zahl von Personen kontrolliert, die über hervorragende Beziehungen mit Polizisten, Militärs und Politikern bis hinauf in höchste Verwaltungs- und Regierungsstellen verfügen.

Das afghanische Innenministerium spielt in diesem Zusammenhang nach Angaben der Weltbank und des UNODC eine besonders unrühmliche Rolle. Leidtragende der bisher verfolgten Anti-Drogen-Strategie, die im wesentlichen von den Vereinigten Staaten vorgegeben wurde, sind nach Erkenntnissen der Studie vor allem die ärmsten Gruppen unter der Landbevölkerung Afghanistans.

Wer als Kleinbauer oder Landarbeiter mangels anderer Erwerbsmöglichkeiten auf den Mohnanbau angewiesen war, aber keine Schutzgelder zahlen oder seine Felder nicht mittels Bestechung oder guter Kontakte zu Politikern vor der Vernichtung schützen konnte, der wurde von der offiziellen Drogenpolitik weitaus stärker in Mitleidenschaft gezogen als die sich zunehmend verfestigende organisierte Kriminalität.

Die Drahtzieher vor Gericht

Die substantielle Verringerung der Opiumherstellung in Afghanistan ist nach Einschätzung der Weltbank und des UNODC nicht eine Frage von Monaten oder Jahren, sondern von Jahrzehnten. Entsprechend langfristig und mehrdimensional müßten auch die Strategien angelegt sein, mit denen man die Landbevölkerung vom Verzicht auf Schlafmohnanbau überzeugen und zugleich der um sich greifenden organisierten Kriminalität Herr werden könne. Aussichtslos ist ein solches Unterfangen nicht.

So schlägt der Direktor von UNODC, Costa, vor, sich zunächst darauf zu konzentrieren, die Ausweitung des Schlafmohnanbaus zu verhindern. Den Bauern in Regionen und Provinzen wie Nangarhar, in denen derzeit wenig oder kein Mohn angebaut wird, sollten durch ländliche Entwicklungsprojekte Anreize geboten werden, ihren Lebensunterhalt weiterhin auf legale Weise zu verdienen.

Gleichzeitig müßten die staatlichen Stellen gezielt gegen die Rauschgiftlabore und gegen den Handel mit Opium vorgehen, um die Herstellungs- und Verteilungsstrukturen zu beeinträchtigen. Überdies sollten anstelle der einfachen Bauern die Drahtzieher des Rauschgifthandels und ihre Hintermänner in der Politik verfolgt und vor Gericht gebracht werden.

Beträchtlicher Umfang der Geldwäsche

Auch das Hawala-System, ein in der arabisch-muslimischen Welt verbreitetes informelles Banksystem, sollte besser überwacht werden. Derzeit diene es nicht nur Flüchtlingen zum Transfer legal erworbenen Geldes in ihre Heimat, sondern in beträchtlichem Umfang der Geldwäsche.

Durch Geldwäsche seien aber auch zahlreiche westliche Finanzinstitutionen Teil der afghanischen Drogenindustrie, so die Studie - wie überhaupt die Nachfrage des Westens nach Heroin die Rauschgiftökonomie in Afghanistan in Schwung halte.

Quelle: F.A.Z., 29.11.2006, Nr. 278 / Seite 10
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Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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