01.11.2011 · Herman Cain war trotz vieler politischer Fehler einer der aussichtsreichen Kandidaten für die Vorwahlen der Republikaner. Nun macht ihm der Vorwurf privater Verfehlungen zu schaffen.
Von Matthias Rüb, WashingtonIst es eine politische Hexenjagd oder hat er Leichen im Keller? Herman Cain, der 65 Jahre alte ehemalige Unternehmer und derzeit noch aussichtsreiche republikanische Präsidentschaftskandidat, weist den Vorwurf der sexuellen Belästigung entschieden zurück. „In mehr als 40 Jahren im Geschäftsleben habe ich niemals irgendjemanden sexuell belästigt“, sagte Cain am Montagabend in Washington im rechtskonservativen Nachrichtensender Fox News.
Am Wochenende hatte das Nachrichtenportal „Politico“ berichtet, zwei Frauen hätten gegen Cain den - in Amerika sehr weit gefassten - Vorwurf des „sexual harassment“ erhoben und im Rahmen einer außergerichtlichen Einigung Entschädigungszahlungen in jeweils fünfstelliger Höhe erhalten. Cain leugnete zunächst, bis er bei Fox News doch zugab, dass er sich an die Fälle erinnern könne.
Danach wurden die Vorwürfe gegen ihn in seiner Zeit als Vorsitzender des Nationalen Gaststättenverbandes in Washington von 1996 bis 1999 erhoben; zwei ehemalige weibliche Angestellte hätten damals ihre Arbeitsverhältnisse mit dem Verband fristlos beendet, und als Gegenleistung für eine Schweigeverpflichtung für mehrere Monate weiter ihr Gehalt bezogen. Cain beteuert indes trotzdem, dass er unschuldig sei: „Als ich beim Gaststättenverband war, hat man mich zu Unrecht der sexuellen Belästigung beschuldigt.“
Die späte und inkonsistente Reaktion Cains und seines Wahlkampfstabs auf die Vorwürfe war nur das letzte Glied einer ganzen Kette von Fehltritten des Kandidaten, der in vielen der jüngsten Umfragen zum bisherigen Spitzenreiter Mitt Romney aufgeschlossen und diesen in manchen sogar überflügelt hatte. Die bisherigen Versprecher und Selbstkorrekturen, Ungenauigkeiten und Ahnungslosigkeiten hatten Cain bisher dahin aber nicht geschadet - im Gegenteil.
Sie passen vielmehr zu dem Bild, das Cain von sich selbst zu zeichnen pflegt. Anders als seine sieben Mitbewerber um die republikanische Präsidentschaftskandidatur hat Cain noch nie ein gewähltes öffentliches Amt bekleidet: Er ist der Nicht-Politiker unter den Kandidaten, der selbsternannte Außenseiter, und das kommt in Zeiten der grassierenden Politikverdrossenheit gut an.
Der schwarze Republikaner, der Präsident Barack Obama als schwachen Führer und weltentrückten Klassenkämpfer beschimpft, ist zudem der derzeitige Liebling der einflussreichen rechtskonservativen „Tea Party“-Bewegung. Cain verspricht, er werde mit seiner Erfahrung in der Wirtschaft als Präsident für das Land erreichen, was ihm als Chef der Pizzakette „Godfather‘s“ von 1986 bis 1996 gelang: Die Wende vom Bankrott-Kandidaten zur kerngesunden Führungsmacht.
Hinzu kommt, dass der Mann Humor hat, gerne lacht und in jedes Mikrofon singt, wenn ihn jemand um ein Lied bittet: Sein tremolierender Bariton ist erkennbar im Gospel-Chor seiner Baptisten-Kirche geschult worden. Cain schämt sich nicht für seinen Kinderglauben an den lieben Gott: Gott selbst habe ihn 2006 vor dem von manchen Ärzten als sicher vorausgesagten Krebstod bewahrt, Gott habe ihn Schritt für Schritt an fester Hand durchs Leben geführt. Gott selbst habe ihn auch dazu bewegt, sich um das Präsidentenamt zu bewerben, und werde ihn schließlich ins Weiße Haus führen, schreibt Cain in seiner gerade erschienen Autobiographie.
Cain sagt, sehr zum Zorn der amerikanischen Linken, heute werde in Amerika niemand mehr durch Rassismus an Fortkommen und Erfolg gehindert. Als Beweis führt er sich selbst an. Cain wuchs, anders als der in Privatschulen und auf Eliteuniversitäten ausgebildete Bürgersohn Obama, in bitterer Armut im amerikanischen Süden auf. Cain erlebte, anders als der 15 Jahre jüngere Obama, die Rassentrennung der sechziger Jahre noch am eigenen Leibe.
Als Cain 1963 die öffentliche Schule abschloss und sich fürs staatliche College vorbereitete, habe sein amerikanischer Traum darin bestanden, irgendwann einmal ein Jahresgehalt von 20000 Dollar zu erreichen. Heute wird Cains Vermögen auf sieben Millionen Dollar geschätzt.
Seine erstaunliche Lebensgeschichte und sein einnehmendes Wesen haben Cain bisher gegen die Folgen von politischen Fehlleistungen und Wissenslücken immunisiert. Um sich als Vertreter einer „harten“ Einwanderungspolitik zu profilieren schlug Cain vor, den Zaun an der Grenze zu Mexiko mit elektrischer Spannung aufzuladen. Kurz darauf wollte er die Idee als Witz verstanden wissen. Seinen „9-9-9“-Plan für einen einheitlichen Unternehmens-, Einkommens- und Umsatzsteuersatz von jeweils neun Prozent hat Cain ohne viel Federlesens modifiziert, nachdem ihm Rechenfehler und zusätzliche steuerliche Belastungen für Arme vorgerechnet worden waren.
Ob eine Frau sich zu einer Abtreibung entschließe, sei einzig die Wahlentscheidung der werdenden Mutter, sagte Cain kürzlich in einem Interview. Wenig später versicherte er, nach seiner Überzeugung als Christenmensch beginne menschliches Leben im Augenblick der Empfängnis und er sei ein überzeugter Abtreibungsgegner. Wenn er auf eine nicht allzu komplizierte außen- oder sicherheitspolitische Frage keine Antwort weiß, pflegt Cain zu erwidern, er verfüge noch nicht über all die Informationen und Beraterempfehlungen, über die ein Präsident gebiete, und könne deshalb noch keine informierte Entscheidung treffen.
Bisher galt Herman Cain als politischer Novize mit sonnigem Gemüt und integrer Persönlichkeit. Zwei Monate vor den ersten Vorwahlen in Iowa und New Hampshire sieht er sich der bisher schwersten Prüfung ausgesetzt: der seines Charakters.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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