17.02.2008 · Der kosovarische Ministerpräsident und ehemalige Führer der albanischen Freischärler, Hashim Thaçi, hat einst sein Leben und nun neun Jahre später die Unabhängigkeit seiner Heimat gerettet. Den Höhepunkt seiner politischen Karriere dürfte er damit überschritten haben.
Von Michael MartensDie Schlüsselszene spielte 1999 in einem Schloss bei Paris, wo über Krieg oder Frieden verhandelt wurde. Ohne Erfahrung auf dem eisglatten Parkett der internationalen Diplomatie musste Hashim Thaçi als Leiter der kosovarischen Delegation mit damals erst dreißig Jahren Entscheidungen fällen, von denen Wohl und Wehe der Kosovo-Albaner abhingen – und sein Leben. In Rambouillet hatte unter Leitung des Westens und Russlands ein letzter Versuch begonnen, Kosovo-Albaner und Serben zu einer friedlichen Lösung ihres Konflikts zu zwingen. Andernfalls drohte ein Angriff der Nato auf Miloševis Jugoslawien. Auch von den Albanern wurden Zugeständnisse erwartet: Auflösung der von Thaçi geführten albanischen Freischärlerarmee UÇK, Verzicht auf die staatliche Unabhängigkeit. Die Forderung an Serbien: Einmarsch von Nato-Truppen in das Kosovo zur Überwachung des Abkommens.
Die Gespräche verliefen zäh. Belgrad wurde von russischen Diplomaten stets über den inneren Zwist in der albanischen Delegation informiert und war taktisch daher immer einen Schritt weiter. Da die Serben wussten, dass es bei den Albanern keine Übereinkunft zur Unterzeichnung des Friedensabkommens gab, konnten sie abwarten. Das Spiel war einfach. Kommt das Abkommen, gibt es Frieden. Unterzeichnen die Albaner, die Serben aber nicht, greift die Nato zugunsten der Albaner ein. Aber nur dann. Zuletzt waren alle Mitglieder der albanischen Delegation für die Unterzeichnung, nur Thaçi nicht. Er, dessen Macht an der Spitze der UÇK keineswegs gefestigt war, stand unter dem Druck der Freischärlerführer im Kosovo, die sich weigerten, der Auflösung ihrer Truppen zuzustimmen, solange der Westen nicht die Unabhängigkeit der Provinz garantiere.
Die Unabhängigkeit ist der Höhepunkt von Thaçis Karriere
Der damalige EU-Unterhändler Petritsch erinnert sich: „Entschied Thaçi sich für die Unterzeichnung, hätte er leicht zum ,Verräter‘ werden können. Er wusste, dass dies seinen Tod bedeutet hätte. Andererseits riskierte er mit einer Ablehnung, alle Sympathie des Westens zu verspielen.“ Amerikas Außenministerin Madeleine Albright kam nach Rambouillet und sprach in Donnerworten: „Entweder ihr unterzeichnet, dann wird Jugoslawien bombardiert, oder ihr lehnt ab, und niemand wird euch beistehen.“ Washington drohte, die UÇK auf die Liste terroristischer Organisationen zu setzen. Der bei allen Albanern verehrte Schriftsteller Ismail Kadare setzte in seiner Wahlheimat Paris einen Appell auf: „Ich bitte Sie, hören Sie nicht auf die verantwortungslosen Schreihälse, die es leicht haben zu schreien: entweder sofort die Unabhängigkeit oder lasst uns in Schutt und Asche versinken.“
Thaçi lenkte ein. Die Folgen sind bekannt. Er konnte beides retten: sein Leben und, mit einer Verzögerung von neun Jahren, die Unabhängigkeit. Am Sonntag hat der ehemalige Freischärlerführer aus einem Dorf bei Prishtina die Staatwerdung seiner Heimat verkündet, die er nun als Ministerpräsident führt. Den Höhepunkt seiner Karriere dürfte er damit überschritten haben.
Präzedenzfall
Daniel Ilisevic (pisko)
- 18.02.2008, 11:04 Uhr
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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