http://www.faz.net/-gpf-7320z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 27.09.2012, 04:41 Uhr

Harald Eia gegen den Gender-Mainstream „Das wurde hässlicher, als ich gedacht habe“

Alles tatsächlich nur Erziehung? Der norwegische Soziologe und Komiker Harald Eia hat das Gender-Mainstreaming in Frage gestellt.

© NRK Mag gern aufrütteln: Harald Eia, der nichts gegen Feminismus hat, nur etwas gegen schlechte Wissenschaft

Herr Eia, im norwegischen Fernsehen wurde 2010 Ihre Programmreihe „Hjernevask“ (Gehirnwäsche) gezeigt. Sie kritisieren darin die Thesen der Gender-Wissenschaftler. Warum?

Mich irritiert die Arroganz dieser Disziplin. Ein Kollege hat mir dazu mal eine Anekdote erzählt. In der Soziologie gibt es eine anerkannte Studie, die besagt, dass Kinder geschiedener Eltern später ein größeres Risiko haben, sich auch scheiden zu lassen. Auf einem Forschungsseminar präsentierte der Kollege stattdessen seine neuste Theorie dazu. Er sagte, dass auch vererbte Charakterzüge der Eltern ein Grund dafür sein könnten, dass das Risiko bei Scheidungskindern steige. Am Ende seines Vortrags lachte das Publikum über ihn, weil er angenommen hatte, dass dahinter vielleicht mehr als nur Erziehung stecke. Diese Arroganz habe ich schon als Student beobachtet.

Sie sagen also, in Norwegen werde in der Gender-Forschung oft die biologische Perspektive ausgeblendet. Man geht davon aus, dass das soziale Geschlecht ausschließlich von der Umwelt geprägt wird. Wir kommen sozusagen als „blank slate“, als unbeschriebenes Blatt zur Welt.

Ich wollte, dass die Menschen in der Sendung auch von anderen Wissenschaftstheorien hören. In den Medien ist die wissenschaftliche Debatte über Gender-Forschung auf einem sehr niedrigen Niveau. Ich dachte mir, da fehlt doch was. Die biologischen und psychologischen Aspekte nämlich. Die wollte ich der „blank slate“- Theorie gegenüberstellen. An den Universitäten wird fast ausschließlich diese Theorie verbreitet. Zu Beginn eines Kurses wird manchmal gesagt: „Na gut, vielleicht gibt es etwas Angeborenes. Aber das wissen wir nicht, also lasst uns zu den wirklich interessanten Themen kommen.“

Die Sozialwissenschaften in Norwegen schotten sich ab?

Ich habe das Gefühl, die Universität ist wie die Agora im alten Athen - der Marktplatz, auf dem sich die alten und weisen Männer getroffen haben, um zu diskutieren. Aber sie ist so groß, dass die Leute in ihren Ecken stehen bleiben, sie kommen nicht zusammen. Ich wollte die verschiedenen Traditionen zwingen, miteinander in einen Dialog einzutreten, und das wurde etwas hässlicher, als ich gedacht hatte. Ich wollte, dass es ein Kampf der Ideen wird.

Die Wissenschaftler waren schockiert, als die Sendung ausgestrahlt wurde. Sie fühlten sich bloßgestellt und verraten.

Ja. Es gab eine riesige Debatte. Es war komisch. Bevor das Programm anfing, sagten mir die Leute noch: „Wir haben keine Lust auf die Diskussionen darüber, ob etwas angeboren ist oder nicht. Das ist altmodisch.“ Und dann wurde ich sehr kritisiert.

Unter anderem auch, weil Sie die norwegischen Wissenschaftler großen internationalen Forschern gegenüberstellten, die dann deren Theorie widerlegen oder kritisieren konnten. Warum haben Sie keine Biologen und Neurologen aus den eigenen Reihen befragt?

Ich muss mich immer schämen, wenn ich Leuten aus anderen Ländern etwas zeige, was meine Landsleute gesagt haben. Es ist so, als würden wir auf unserem kleinen Schulhof irgendwelche Sachen diskutieren, und dann geht ein Schüler zum Lehrer und sagt: „Hey, die Kinder auf dem Schulhof reden über dieses und jenes“, und dann sagt der Lehrer: „Das ist total falsch.“ Also bin ich zu den Erwachsenen gegangen und habe gesagt: „Ich erzähl euch mal, was wir in Norwegen so denken, und dann sagt ihr mir, wie ihr das findet.“ Ich habe die Tendenz beobachtet, dass man nicht über Gene sprechen konnte, ohne als konservativ, altmodisch oder gar politisch rechts stigmatisiert zu werden. Die Leute verbinden Gene mit Rassismus.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Otmar Issing über die EZB Diese Kritik gibt es so nur in Deutschland

Der frühere Chefvolkswirt der EZB beklagt provinzielle Debatten über den Präsidenten der Notenbank. Und erklärt, welche Entwicklung er für gefährlich hält. Mehr Von Gerald Braunberger

12.05.2016, 07:31 Uhr | Wirtschaft
Hi Flyer Ballon mit Schulklasse aus Norwegen taumelt über Berlin

Ein Ballon mit norwegischen Schülern ist gefährlich ins Wanken geraten und taumelte über der Hauptstadt. Mehr

04.05.2016, 09:57 Uhr | Gesellschaft
Christian Heidel im Interview Schalke geht nicht mit Mainzer Schablone

Christian Heidel hat 24 Jahre für Mainz als Manager gearbeitet. Nun ist er Sportvorstand von Schalke. Im Interview spricht er über die Bedeutung einer klaren Spielphilosophie und sagt, warum aus Schalke 04 nicht Schalke 05 wird. Mehr Von Daniel Meuren

18.05.2016, 06:15 Uhr | Sport
England Muslim wird Bürgermeister von London

Der muslimische Labour-Politiker Sadiq Khan hat die Bürgermeisterwahl in London klar gewonnen. Mit Khan, dem 45-jährigen Menschenrechtsanwalt pakistanischer Abstammung, wird erstmals eine EU-Metropole von einem Muslim regiert. Khan sagte, er sei stolz darauf, dass London sich für die Hoffnung und nicht die Angst, für die Einheit und nicht die Trennung entschieden habe. Mehr

07.05.2016, 16:27 Uhr | Politik
Forschung über Compliance Wir hätten gerne Banker als Versuchspersonen

Corinna Ewelt-Knauer befasst sich wissenschaftlich mit Compliance, also korrektem Verhalten in Unternehmen. Sie glaubt, dass aus der Finanzkrise noch nicht genug Lehren gezogen wurden. Mehr Von Sascha Zoske

10.05.2016, 20:19 Uhr | Rhein-Main

Ein Pyrrhus-Sieg

Von Berthold Kohler

Ein Grüner wird Bundespräsident in Österreich. Doch unser Nachbarland steckt mitten in einer blauen Revolution. Die deutschen Volksparteien könnten ebenso ihr blaues Wunder erleben. Denn auch die Deutschen treibt nicht die Freude am Scheitern um, sondern die Angst davor. Mehr 59 495