Die islamistische Hamas im Gazastreifen hat an diesem Sonntag Geburtstag: Vor einem Jahr brachte sie sich mit einem Putsch gegen die säkulare Fatah-Führung in dem Küstenstreifen allein an die Macht. Mehrere Dutzend Menschen wurden dabei getötet; einige wichtigere Fatah-Politiker gingen ins Westjordanland oder nach Ägypten ins Exil. Von ihnen ist heute nicht mehr die Rede, auch nicht von dem damaligen Gewährsmann der amerikanischen Polizeipolitik, dem früheren Sicherheitschef Dahlan. Tatsächlich hatten die Amerikaner gerade begonnen, Waffen für den Kampf gegen die Hamas zu liefern, mit denen dann aber Hamas-Milizionäre auf Leute der Fatah schossen. Heute sind das Hamas-Land um Gaza und das Fatah-Land im Westjordanland zwei getrennte Einheiten.
Der militärische Arm der Hamas hat Grund zu feiern. Die Truppe, nach dem Vorbild der schiitischen Hizbullah („Partei Gottes“) im Libanon aufgebaut, wuchs auf etwa 16.000 Soldaten. Sie werden über die Schmuggeltunnel aus dem Sinai mit Waffen versorgt und gehören zu den Auserwählten, die das eingeschlossene Gaza verlassen und durch diese Tunnel über Ägypten nach Iran oder Afghanistan reisen können, um dort für den Kampf gegen ein bürgerliches „Palästina“ und die „zionistische Einheit“ trainiert zu werden. Teheran zahlt. Mit dieser Hilfe konnte die Hamas-Führung sich auch gegen interne Querelen stabilisieren, die Hamas erscheint heute souverän.
Bewaffneten Kriminelle stromern nicht mehr herum
Für viel mehr als die eigenen Soldaten muss die Hamas auch nicht aufkommen. Die Mehrheit der 1,3 Millionen Einwohner des Gazastreifens sind Flüchtlinge aus dem heutigen Israel und werden, wenn sie bedürftig sind, von den Vereinten Nationen versorgt, die auch Schulen betreiben. Derzeit sollen 70 Prozent der Einwohner von ausländischer Hilfe abhängig sein. Mehr als 60 Prozent verdienen weniger als zwei Dollar am Tag. Die Autonomiebehörde in Ramallah kommt für die - wenn auch durch den israelischen Boykott immer wieder stockende und reduzierte - Versorgung mit Treibstoff auf. Ministerpräsident Salam Fajad bezahlt zudem die Gehälter von 78.000 Angestellten der Autonomiebehörde, auch wenn diese seit dem Putsch ohne Arbeit sind.
So ist für ein Minimum an Versorgung gesorgt; und die Welt trägt mit zur Stabilität der Hamas bei, die unterdessen mit ihrer rassistischen und vermeintlich religiösen Ideologie den Gazastreifen in einen „Koranstaat“ verwandelt. 70 Prozent der Bevölkerung sagen nach einer jüngeren Umfrage, sie würden überall auf der Erde lieber leben als gerade im Gazastreifen.
Dabei müssen selbst die Kritiker der Hamas zugeben, dass in der Friedhofsruhe die internen Kämpfe zwischen den rivalisierenden Familien aufhörten. Bewaffneten Kriminelle stromern nicht mehr durch die Straßen. Es ist nicht mehr wichtig, zu einer führenden Familie zu gehören. Man muss nicht mehr eine Waffe zur Selbstverteidigung mit sich führen; man darf es auch nicht.
120 rätselhafte Todesfälle
Die Menschenrechtsgruppen sprechen von einem rigiden Durchgreifen. Viele hundert Fatah-Mitglieder würden von der Hamas in den Gefängnissen festgehalten. Etwa 120 Menschen kamen auf rätselhafte Weise ums Leben. Die Hamas hält die Bildungseinrichtungen, Gerichte und Medien fest im Griff. Die etwa 2500 Christen leben im Ausnahmezustand. Kaum mehr ein Mann darf sich ohne den Bart des frommen Muslim sehen lassen. Das Freitagsgebetet in der Moschee scheint offenbar Pflicht für Alt und Jung zu sein.
All dies ist auch Folge des israelischen Boykotts, der von den westlichen Geberstaaten und der palästinensischen Autonomiebehörde mitgetragen wird. Von vornherein war Israel in dem Zwiespalt, einerseits die Hamas isolieren, wenn nicht gar ausschalten zu wollen, während sie andererseits die „humanitäre Krise“ umgehen musste. Tatsächlich wird aber die Not der Menschen nur Israel und dem Westen angelastet, nicht der Hamas, „die wegen der geschlossenen Grenzen nie zeigen durfte, ob sie die Bevölkerung nicht doch auch selbst hätte ernähren können“. Die Hamas stilisierte sich zum Opfer, und der Boykott stärkte sie.
Schon vor dem Abzug der Israelis aus dem Gazastreifen im Jahre 2005 regneten Kassem-Raketen auf Südisrael und die Siedlungen dort. Eine kurze Zeit hoffte man in Israel, dieser Beschuss werde nach dem Abzug abebben. Tatsächlich gab es auch ruhigere Phasen. Seit einem Jahr nutzt die Hamas allerdings die immer weiter reichenden und zielgenauer werdenden Raketen dazu, den Boykott zu brechen.
Israel in der Sackgasse
Sie sieht sich im Gazastreifen als Herr über jeden Winkel und so gut ausgerüstet, dass sie darauf baut, niemals von Israel angegriffen und in einen Kleinkrieg verwickelt zu werden. Sie rechnet damit, dass Israel die vielen eigenen Opfer scheut und weiß, dass bestenfalls eine lang andauernde Besetzung den Raketenbeschuss in den Griff bekommen kann, obwohl die Erfahrung aus der Zeit vor 2005 das Gegenteil beweisen könnte. Eine solche Besetzung will Israel auf keinen Fall riskieren.
Israel hat sich in eine Sackgasse verrannt: Es sieht die Hamas allein als eine unveränderbare islamistische Clique, mit der man nicht sprechen kann, und übersieht die tiefen Wurzeln dieser Bewegung in der Gesellschaft, die sich nach Frieden sehnt. Israel vergaß, dass Hamas einst über demokratische Wahlen die Mehrheit für sich gewonnen hatte, und beraubte sich mit seinem Boykott jeder Chance, den gemäßigten Teil der zivilen Hamas vom militanten Flügel zu trennen; es schweißte stattdessen Volk und Hamas-Führung noch enger zusammen.
Zugleich verwickelte sich die israelische Politik in einen Widerspruch: Einerseits lehnt sie jeden Dialog ab, andererseits verhandelt sie, wenn auch indirekt über ägyptische Vermittler, über eine Waffenruhe und wertet die Hamas damit als politischen Partner auf.
Wenn nicht militärisch, so will Israel über eine Waffenruhe den Raketenhagel stoppen. Es will zudem den nun vor zwei Jahren entführten Soldaten Gilad Schalit befreien, was über eine Militäraktion gleich nach seiner Entführung nicht gelang und heute erst recht nicht mehr gelingen würde. Israel steckt in einem Dilemma: Eine Waffenruhe kann den Bewohnern von Sderot und Ashkelon vielleicht eine Atempause verschaffen. Doch die Hamas wird weiter erstarken.
Es bleibt problematisch, nicht allein für Israel,
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 15.06.2008, 17:11 Uhr
Rassistisch aber nicht religiös, bitte was?
Harry LeRoy (Cimon)
- 15.06.2008, 23:31 Uhr
Mehrheit der Einwohner des Ghazastreifens Flüchtlinge aus heutigem Israel?
TOBIAS RÜGER (t.ruger)
- 16.06.2008, 01:14 Uhr
Lächerlich
Werner Stettner (WStettner)
- 16.06.2008, 15:27 Uhr
Immer die alte Schuldfrag
Inga Vesper (Ingabinga)
- 18.06.2008, 13:04 Uhr
