14.01.2010 · Der haitianische Präsident und seine Frau sind am Leben und wohlauf. Als der Präsidentenpalast einstürzte, war René Préval in seinem Dienstwagen unterwegs. Nur er kann das ärmste Land der westlichen Hemisphäre in seiner schwersten Stunde führen.
Von Matthias RübAus der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince kommt die Nachricht, dass der Präsident und seine Frau am Leben und wohlauf seien. Wie es heißt, sollen René Préval und First Lady Elizabeth Débrosse Delatour in einem Dienstwagen unterwegs gewesen sein, als am Dienstagnachmittag kurz vor fünf Uhr die Erde im westlichen Teil der Insel Hispaniola bebte. Es könnte sein, dass Préval und seine Frau dieser Autofahrt ihr Überleben verdanken. Denn der Präsidentenpalast am Champ de Mars im Herzen der Hauptstadt Port-au-Prince ist schwer beschädigt. Teile des 1918 errichteten Prachtbaus sind eingestürzt.
Seit René Préval im Mai 2006 zum zweiten Mal das höchste politische Amt im ärmsten Land der westlichen Hemisphäre übernahm, mussten er und die etwa zehn Millionen Einwohner Haitis schon viele Prüfungen bestehen. Zuerst galt es, die tiefe innere Spaltung im Land zu überwinden: zwischen den gewalttätigen Anhängern des gestürzten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide, der während seiner von Korruption und Selbstsucht gezeichneten Herrschaftszeit von 2001 an abermals die Hoffnung der Haitianer enttäuscht hatte, und den Kräften der Erneuerung, die sich schließlich hinter Préval scharten.
Dann trafen die gestiegenen Lebensmittelpreise das bitterarme Land, das vier Fünftel der benötigten Menge des Grundnahrungsmittels Reis einführen muss; es kam im April 2008 zu „Hungerrevolten“ und einem Wechsel im Amt der Ministerpräsidenten. Im Katastrophenjahr 2008 folgten sodann zwei verheerende Hurrikane, bei denen etwa 800 Menschen umkamen, Millionen ihr spärliches Hab und Gut verloren und die Infrastruktur des Landes schwerste Schäden erlitt.
So etwas wie politische Stabilität
Und jetzt das schlimmste Erdbeben in Haiti seit mehr als 200 Jahren, das die Hauptstadt Port-au-Prince, wo heute vielleicht anderthalb, vielleicht sogar zwei Millionen Menschen leben, praktisch ausgelöscht hat. In der ersten Nacht nach der Katastrophe haben die Menschen in Port-au-Prince im Freien übernachtet und ihre Angst vor Nachbeben mit Gebeten und Gesängen zu überwinden versucht.
Kein anderer Politiker als René Préval kann Haiti in seiner schwersten Stunde führen. Mit der tatkräftigen Hilfe der bewaffneten UN-Mission, die beim Einsturz ihres Hauptquartiers im Stadtteil Pétionville ebenfalls schwerste Verluste erlitten hat, konnte unter Prévals Führung so etwas wie politische Stabilität und bescheidenes Wirtschaftswachstum erreicht werden. Mehr als je zuvor sind jetzt Prévals Worte und Taten vonnöten.
René Préval wurde am 17. Januar 1943 als Sohn wohlhabender Eltern in Port-au-Prince geboren. Der Vater war in den fünfziger Jahren Landwirtschaftsminister. Die Zeit der Diktatur unter „Papa Doc“ Duvalier verbrachte die Familie von 1963 an im Exil. Préval studierte zunächst in Belgien Agrarwissenschaften, von 1970 bis 1975 lebte er in den Vereinigten Staaten. Von 1996 bis 2001 war Préval schon einmal Präsident - als Nachfolger Aristides, mit dem er sich wegen dessen skrupellosen Machthungers aber schließlich überwarf.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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