14.01.2010 · Bald wird sich die dritte Nacht seit dem Beben über Port-au-Prince senken. Noch immer sind die Helfer mit der Bestandsaufnahme der Katastrophe beschäftigt. Unser Korrespondent Matthias Rüb berichtet aus dem Katastrophengebiet.
Von Matthias Rüb, JimaniDer Präsident ist gekommen, um die Operation selbst zu überwachen - oder sich jedenfalls dabei selbst beobachten zu lassen. Seit Menschengedenken hat Jimani, der Grenzort zu Haiti im äußersten Südwesten der Dominikanischen Republik keinen solchen Auflauf erlebt. Vor der Präfektur stehen die Busse der Soldaten der Präsidentengarde. Am Straßenrand ist ein Konvoi von Lastwagen, Sattelschleppern mit Planierraupen und Tanklastzügen aufgestellt. Der Konvoi soll später über den haitianischen Grenzort Malpasse und die Überlandstraße nach Port-au-Prince aufbrechen, um noch vor Einbruch der Dunkelheit das gegenwärtig düsterste Herz der menschlichen Finsternis zu erreichen.
Manches spricht dafür, dass das bitter nötige schwere Gerät aus der Nachbarrepublik, mit welcher Haiti seit je eine Geschichte wie zweier sich ewig streitender und ewig liebender Geschwister verbindet, das erste ist, das in Port-au-Prince eintrifft.
Hilfe vom Nachbarn der Insel Hispaniola
Dass sich Präsident Leonel Fernandez dabei sogar ins gottvergessene Jimani begibt, ist ihm nicht zu verdenken: Er will zeigen, dass der Nachbar im Osten der karibischen Insel Hispaniola, der soeben vom vielleicht schwersten Schicksalsschlag in seiner an Schicksalsschlägen reichen Geschichte getroffen wurde, zur Hilfe eilt. Deshalb hat er das nationale Fernsehen mitgebracht. Am Abend wird er die Nachrichten dominieren.
Der erhoffte politische Mehrwert sei dem frisch wiedergewählten Präsidenten gegönnt. Um etwas ausrichten zu können, müsste der Konvoi von Rettungsgerät, Ausrüstung und Hilfsgütern an der Grenze zu Haiti nicht nur zwei Kilometer lang sein, sondern zehn- oder auch hundertmal so lang.
Denn in die mindestens so schwer vom Erbeben betroffenen Ort im Südwesten Haitis sind noch nicht einmal die Teams der internationalen Nachrichtensender durchgedrungen. Aus Jacmel etwa, dem malerischen Ferien- und Künstlerort an der Südküste, kommen nur dürre Nachrichten: Die Stadt, die etwa 40.000 Einwohner zählt und für ihre historischen Kreolenhäuser gerühmt wurde, scheint fast ausgelöscht. Überhaupt ist das Ausmaß der Zerstörung unmittelbar über dem Epizentrum des Bebens vom Dienstag etwa 20 Kilometer südwestlich von Port-au-Prince auch am dritten Tag der Katastrophe nicht abzusehen.
Tote zu Stapeln des Vergänglichen aufgehäuft
Aus Carrefour etwa, dem zersiedelten Armenvorort an der Küste westlich der Hauptstadt, kommen die schon bekannten Meldungen: Kaum ein Stein mehr steht auf dem anderen. Die Toten liegen, wie in Port-au-Prince, zu Stapeln des Vergänglichen aufgehäuft - und beginnen bei Temperaturen von gut 30 Grad zu verwesen. Doch wer soll sich um die Leichen kümmern, wenn nicht einmal den Verletzten geholfen werden kann?
Wenn schon in der Hauptstadt die schwer Verwundeten vor den völlig überlasteten Krankenhäusern mit zerschmetterten Gliedmaßen vor sich hindämmern, wie wird es in Carrefour oder Jacmel sein. Dort wird das verarmte Land in eine noch tiefere Schockstarre versunken sein.
Aber auch die Staatengemeinschaft, vorab die Vereinigten Staaten, wurden von der schockierenden Nachricht vom Dienstagnachmittag, wonach Port-au-Prince vom schlimmsten Erdbeben seit mindestens 1770 heimgesucht wurde, nicht wachgerüttelt.
Hinter dem Grenzzaun starren Kinder in die Welt
Wer mit den Verhältnissen im bitterarmen Haiti und in der Hauptstadt nur annährend vertraut ist, musste von der ersten Minute an eine Katastrophe epischen Ausmaßes befürchten. Doch es wurden wertvolle Stunden verloren. Als Präsident Barack Obama am Mittwoch vor die Presse trat, um die etwa zehn Millionen Einwohner Haitis der Solidarität des reichsten und mächtigsten Landes der Welt zu versichern, hätte längst eine ganze Flotte von amerikanischen Kriegsschiffen und Frachtflugzeugen unterwegs oder abfahrfertig sein müssen.
Stattdessen wurde eine wichtige Nacht verloren, die für viele Menschen schon die Entscheidung über Leben und Tod war. Im Vergleich zum großen Amerika ist die kleine Dominikanische Republik schnell. Und der Präsident redet erst vor der Fernsehnation, wenn die Hilfe unterwegs ist.
Von haitianischer Seite kommen unterdessen Krankenwagen mit Verwundeten, die in die Krankenhäuser der Grenzstädte Jimani, Duverge und Cabral gebracht werden. Hinter dem Grenzzaun stehen haitianische Kinder und starren in die Welt hinüber, die noch nicht zusammengebrochen ist.
Telefonate handeln von toten Freunden, ausgelöschten Familien
Die Bekannte aus Port-au-Prince, die uns an der Grenze abholt, führt auf dem gut einstündigen Weg zurück von Jimani und Malpasse nach Port-au-Prince ein Telefongespräch nach dem anderen. Denn hier oben funktioniert das dominikanische Mobilfunknetz. Es sind die ersten Telefonate, die sie führt. Sie handeln von toten Freunden, ausgelöschten Familien, zerstörten Gebäuden. Derweil tauchen an der Straße die ersten Trümmer in den Dörfern und Städten auf.
Bald wird sich die dritte Nacht seit dem Beben über die Stadt senken. Derweil sind die Helfer von den Vereinten Nationen, in den örtlichen Kliniken und zumal der haitianischen Behörden mit der Bestandsaufnahme der Katastrophe beschäftigt. Man hat nicht den Eindruck, dass Hilfe begonnen hätte. Außer Selbsthilfe mit bloßen Händen und Gebeten.
Wie nicht anders zu erwarten war...
Bernhard Klug (wingman70)
- 14.01.2010, 20:55 Uhr
Unglaublich
Michael Meier (cheefmacbeef)
- 14.01.2010, 21:10 Uhr
Eine Schande...
Horst Johnson (h.johnson)
- 15.01.2010, 08:25 Uhr
Wie sieht die politische Situation aus?
Hartmut Schliefkowitz (Kapau2007)
- 15.01.2010, 08:30 Uhr
Eine Gelegenheit, den Amerikanern eins auszuwischen, sollte man nicht auslassen?
Josef Bujtor (Mramorak)
- 15.01.2010, 11:53 Uhr
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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