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Haiti nach dem Beben Die Stadt, die einmal Port-au-Prince war

16.01.2010 ·  Noch helfen sie sich gegenseitig, die Haitianer in Port au Prince, die das verheerende Beben überlebt haben. Aber die Solidarität inmitten des Elends ist brüchig, und die Wut inmitten der Trümmer wächst.

Von Mathias Rüb, Haiti
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Patrick Figaro wusste, was zu tun ist: Er hat seine Arbeiter gerufen und sie geheißen, zu graben – mit bloßen Händen, mit ein paar Schaufeln und Eisenstangen. Der 45 Jahre alte Ingenieur und seine verzweigte Familie gehören zur schmalen Bürgerschicht Haitis. Patrick Figaro ist Mulatte, wie die meisten Angehörigen der kleinen Wirtschaftselite Haitis. Mulatten stellen knapp fünf Prozent der etwa zehn Millionen Einwohner des Landes. 95 Prozent sind Schwarze, die einst als Sklaven aus Westafrika auf die Karibik-Insel Hispaniola – im Westen der Insel liegt das heutige Haiti, im Osten die Dominikanische Republik – verschleppt worden waren.

Zuständig wäre Patrick Figaro nicht gewesen, denn mit den Trümmern, die sich vor ihm aufhäufen, hat er recht besehen nichts zu tun. Sein Unternehmen errichtet auf dem Nachbargrundstück ein weiteres Gebäude des Clubs „Oasis“, zu dem ein Hotel, Restaurants und Bars gehören. Die mächtigen Betonsäulen des Rohbaus, aus dem dicker Armierstahl herausragt, seien bei dem Beben meterweise hin und her geschwankt, berichtet er; auch der schon mit Zwischendecken und einem Betondach weitgehend fertige Teil des Gebäudes sei in starke Schwingung geraten. Doch Risse im Beton hätten er und seine Leute bisher nirgendwo gefunden.

Das benachbarte zweistöckige Haus aber, das von der amerikanisch-italienischen Hilfsorganisation „Nos Petits Frères et Sœurs“ („Unsere kleinen Brüder und Schwestern“) genutzt wurde, ist in sich zusammengesackt wie eine Faltschachtel. Das Haus war in den fünfziger Jahren gebaut worden, an erdbebensicheres Bauen hat damals kaum jemand gedacht – so wenig wie auch heute noch nicht bei den meisten zusammengezimmerten Neubauten in Port-au-Prince oder anderswo in Haiti.

Sekundenschnell eingestürzte Gebäude

„Nos Petits Frères et Sœurs“ nimmt sich der Ärmsten der Armen in Haiti an – von behinderten Kindern bis zu Aids-Waisen. Das beim Beben in Sekundenschnelle eingestürzte Gebäude an einer belebten Kreuzung im Stadtteil Pétionville wurde seit längerer Zeit nicht mehr als Heim für die Kinder genutzt; die sind in einem anderen, neueren Haus untergebracht, das bei dem Beben vom Dienstag nur wenig beschädigt wurde. Unter den Trümmern des eingestürzten Hauses aber waren vier Mitarbeiterinnen begraben, die zuletzt in dem Haus gewohnt hatten.

Deshalb rief Patrick Figaro seine Bauarbeiter zusammen und ließ sie graben. Sie gruben drei Tage lang. Zwei Frauen konnten sie bis Freitag lebend bergen, für zwei kam jede Hilfe zu spät; aber ihre Leichname wurden geborgen. Am Samstag kletterte niemand mehr über den Haufen Schutt und Staub und Holz neben dem Betonrohbau des Clubs „Oasis“.

Doch anderswo, auf ungezählten Ruinen der Stadt, die einmal Port-au-Prince war, wurde auch am Samstag weiter geklettert und gegraben. Oder es wurde aus den Ruinen herausgeholt, was brauchbar war, noch gegessen und getrunken werden konnte. Meist sind es die Jugendlichen und die jungen Männer, die sich in die zu Teilen eingestürzten oder bizarr schief stehenden Häuser wagen, mit Kisten von Erfrischungsgetränken oder auch Bier wieder hervorkommen und das Erbeutete an Ort und Stelle verzehren oder an jene verteilen, die gerade vorbeilaufen. Es ist gefährlich, sich in die Ruinen zu wagen, denn jeden Tag gibt es kleinere Nachbeben: Dann wackelt und rollt es unter den Füßen, als stünde man auf einer Hängebrücke, über die ein schwerer Lastwagen rumpelt.

Rettungsmannschaften treffen endlich ein

Inzwischen sind Rettungsmannschaften mit Spürhunden aus aller Herren Länder eingetroffen – aus der Türkei und aus Kolumbien, aus Spanien und aus Frankreich, aus den Vereinigten Staaten und aus Peru und aus vielen anderen Staaten. Die Frauen und Männer mit ihren roten Helmen und Funkgeräten, ihren Generatoren und Taschenlampen sind vor allem an großen Gebäuden im Einsatz, unter deren Trümmern Dutzende, womöglich Hunderte verschüttet sind: am Hotel „Montana“, in dem Geschäftsleute und Mitarbeiter internationaler Organisationen lebten; in der Markthalle „Caribbean Market“, wo am Freitag Verschüttete noch mit Mitteilungen von Mobiltelefonen oder mit Klopfen Lebenszeichen gaben; in der Universität. Über die ungezählten Wohnhäuser aber klettern die Haitianer in Sandalen und kurzen Hosen und graben mit allem, was sie finden können – im günstigsten Fall mit einer Schaufel. Derweil werden die zur Verfügung stehenden Radbagger weniger zum Wegräumen des Schutts eingesetzt, sondern zum effizienten Abtransport der Leichen, die vielerorts noch immer in den Straßen liegen: Die notdürftig in Leintücher oder Decken gewickelten, auf Unterlagen aus Wellblech oder Pappe gelegten Leichname werden von den Fahrern der Baumaschinen in die großen Schaufeln ihrer Bagger aufgeladen und auf Baulastwagen gekippt, die sie sodann zu dem Massengrab nahe des Flughafens im Norden der Stadt bringen.

Hilfsgüter wie Trinkwasser und Nahrungsmittel sind in nennenswertem Umfang noch nicht eingetroffen, das Rote Kreuz und „Médecins sans Frontières“ (MSF) bringen aber Medikamente und Verbandsmaterial in die völlig überlasteten und teilweise zerstörten Krankenhäuser der Stadt. Wie viele Menschen bei dem Erbeben vom Dienstagnachmittag verletzt wurden, weiß niemand. Der haitianische Gesundheitsminister Alex Larson schätzt die Zahl auf 250 000. Auch vier Tage nach der Katastrophe liegen noch immer Hunderte von Verletzten, mit zerschmetterten Gliedern und offenen Knochenbrüchen, auf den Gehwegen oder einfach auf der Straße vor den Hospitälern und Krankenstationen. Vor einem einzigen medizinischen Zentrum von „Ärzte ohne Grenzen“ seien allein hundert Männer, Frauen und Kinder gestorben, sagt Stefano Zannini von MSF. Die Verletzten lagen auf Matratzen, die Wunden notdürftig bedeckt oder verbunden und allenfalls mit einer Infusion versorgt, und hielten so lange die Hände ihrer hilflos neben ihnen sitzenden Angehörigen fest, bis sie den letzten Atemzug taten. Noch verfügt MSF offenbar über ausreichend Leichensäcke, doch die meisten Leichname wurden von den Angehörigen mit Pappe, Tüchern und Decken zu erschütternden Bündeln menschlicher Vergänglichkeit zusammengeschnürt. Bis zum Samstag, so schätzt die haitianische Regierung, die am Freitag in einem Notquartier am Flughafen die Arbeit wiederaufnahm, wurden 50 000 Leichen geborgen und in dem Massengrab am Flughafen beigesetzt oder auch auf einer Müllhalde im Süden der Stadt verbrannt. Insgesamt müsse befürchtet werden, dass 140 000 bis 200 000 Menschen umgekommen seien, die meisten lägen noch unter den Trümmern begraben. „Niemals werden wir die genaue Zahl wissen“, sagte Innenminister Paul Antoine Bien-Aimé am Freitag.

Verzögerungen bei den Hilfen

Unterdessen setzte sich am Flughafen der Exodus all jener fort, die einen ausländischen Pass haben. Kanadier und Amerikaner, europäische Staatsangehörige werden mit Charterflugzeugen ihrer Heimatregierungen in die benachbarte Dominikanische Republik oder nach Miami geflogen. Vor den Eingangstüren zum Flughafen können die Polizisten den Ansturm derer, die durch die einzige Tür in den für den Zivilverkehr geschlossenen Flughafen wollen, nur mit Mühe zurückdrängen.

Auf der einzigen Landebahn des Flughafens, die bei dem Beben nicht beschädigt wurde, landen nun fortwährend Frachtflugzeuge und Militärtransporter. Am Freitag hatten die haitianischen Behörden anerkannt, was seit dem Beben vom Dienstag aller Welt sichtbar vor Augen lag: Sie übergaben die Verantwortung für den Flughafen sowie für die Regelung des Flug- verkehrs der amerikanischen Luftwaffe, weil es seit Mittwoch beim Exodus der privilegierten Flüchtlinge und beim Transport der Hilfsgüter nach Port-au-Prince zu chaotischen Zuständen und zu bürokratischem Stillstand gekommen war. Das UN-Welternährungsprogramm konnte am Freitag nach eigenen Angaben nur 20 statt der vorgesehenen 86 Tonnen Lebensmittel nach Port-au-Prince fliegen. Nun werde man versuchen, die Hilfsgüter auf dem Landweg von der benachbarten Dominikanischen Republik ins Katastrophengebiet zu bringen.

Wären Rettungsmannschaften und Hilfskräfte früher an ihren Einsatzorten gewesen, hätten gewiss mehr Menschen aus den Trümmern geborgen und zumal Schwerverwundete behandelt werden können, ehe es für sie in der Tropenhitze von gut 30 Grad zu spät war. Trotz gelegentlicher Plünderungen und obwohl aus mehreren beschädigten Gefängnissen allein in Port-au-Prince 4000 Häftlinge entkommen konnten, ist die Lage angesichts des grassierenden Elends bisher bemerkenswert ruhig. Noch stehen die Menschen, stehen Arm und Reich, Mulatten und Schwarze zusammen - als befolgten sie im Augenblick der Prüfung das in der haitianischen Geschichte nur selten hochgehaltene nationale Motto der schon 1804 gegründeten unabhängigen Republik: „L'Union Fait La Force“ (etwa: Durch Einheit zur Stärke).

Ein Stückchen Pizza für die Überlebenden

Auch Gilbert Bailly, Eigentümer von drei „Muncheez“-Pizzarestaurants, wusste am Freitag, was zu tun ist, und hielt sich an dieses Motto. An die Einwohner in der Umgebung des größten seiner Restaurants in einem vom Beben weniger schwer getroffenen Stadtviertel von Pétionville ließ er tausend Plastik-Armbändchen verteilen, wie man sie von All-inclusive-Ferien kennt. Diszipliniert und geduldig standen die Wartenden in einer langen Schlange an, bis sie an die Reihe kamen: Jeder erhielt das Achtel einer Pizza und einen Becher Limonade geschenkt, sofern er ein beiges Bändchen vorweisen und im Tausch gegen Pizza und Limo zurückgeben konnte. Mit dem Bändchensystem verhinderte Bailly, dass sich manche mehrfach bedienten (wobei er bei sehr jungen Frauen aus der Umgebung, die ihn allesamt mit Küsschen begrüßten, freilich manche Ausnahme machte). „Das mache ich jetzt jeden Tag, bis mir die Vorräte ausgehen“, sagt Bailly. Er sehe es als Geschenk und Zeichen des Himmels, dass bei dem Beben vom Dienstag niemand in seiner Familie verletzt wurde und zudem seine Restaurants kaum Schaden genommen hätten.

Noch trägt die Hilfe und Selbsthilfe der Haitianer - sozusagen mit bloßen Händen - eine brüchige Solidarität inmitten der Katastrophe. Bald aber werden die Vorräte aufgebraucht sein - nicht nur bei „Muncheez“ - und vielen wird das Geld ausgehen, sich auf den Märkten und bei den pendelnden Händlern vom Land zu versorgen. Schon sind die Preise gestiegen - bei den fliegenden Trinkwasserverkäufern auf das Dreifache -, und das Elend wächst. Unter den Hunderttausenden, die kein Obdach mehr haben oder aus Angst vor Nachbeben die Nächte im Freien, auf Decken und Planen in Parks und auf Plätzen verbringen, könnten neben der Verzweiflung auch Zorn und Gewaltbereitschaft zunehmen. Haiti und die Welt sind in einem Wettlauf gegen die Zeit. Für die meisten der lebendig Begrabenen wird er schon verloren sein, auch wenn am Freitag und Samstag abermals einige Verschüttete gerettet werden konnten. Jetzt droht der Zusammenbruch des Rests an sozialer Ordnung und an Zusammenhalt, der die schwerverwundete Stadt Port-au-Prince bisher am Leben gehalten hat.

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