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Haiti : Auf Sand gebaut

Haiti kämpft auch fünf Jahre nach dem schweren Erdbeben noch mit den Folgen. Bild: Getty Images

Fünf Jahre nach der Erdbebenkatastrophe ist Haiti noch immer gelähmt. Hilfsgelder erreichten nur wenige. Vor den Toren der Hauptstadt bauten die Übersehenen eine riesige ungeplante Siedlung. Sie könnte der nächste Slum Haitis werden.

          Unter dem Sand vor der Hauptstadt liegen die Toten. Es sind Zehntausende. Wo sie genau sind, vermag keiner zu sagen. Auf den Ladeflächen schwerer Baulastwagen wurden die aufgedunsenen Leiber damals hergefahren. Manchmal lag noch Schutt der zusammengefallenen Häuser zwischen den Körpern. Die Fahrer versuchten alles, um möglichst nicht aussteigen zu müssen. Ruckartig ließen sie die hydraulisch bewegbare Ladefläche in die Höhe schnellen. Zischend rutschten die Leichen in den Sand. Mal hier, mal dort.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Kein Denkmal erinnert an die vielen Menschen, die nach dem Erdbeben im Januar 2010 von den Trümmern erschlagen wurden oder darin erstickten oder verdursteten und dann hier am Fuße der Bergkette verscharrt wurden. Niemand führte Buch über ihren Verbleib.

          Die Massengräber der unbekannten Erdbebenopfer liegen gleich neben Haitis „Killing Fields“ der vergangenen Duvalier-Diktatur. Ein paar Autominuten die Karibikküste entlang gen Norden liegt Titanyen, jener verschlafene Ort, wo die Machthaber François („Papa Doc“) und Jean-Claude („Baby Doc“) Duvalier in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren Tausende Regimegegner foltern und ermorden ließen. Vor fünf Jahren lebte in dieser Gegend kaum jemand. Doch heute ist es mit der Stille vorbei.

          Fotos von damals und heute: Auch fünf Jahre nach dem Erdbeben ist Haiti noch schwer gezeichnet. Bilderstrecke
          Haiti Erdbeben : Haiti nach dem Erdbeben - und heute

          Auf den Hügeln, auf dem Sand, überall stehen die Hütten. Mindestens zweihunderttausend Menschen kamen nach dem Beben her. Wie viele genau es sind, weiß niemand, weil niemand Buch führt, schon gar nicht die Regierung. Je länger man hinschaut, desto mehr Hütten werden es. Die Flüchtlinge haben ihrer aus der Katastrophe geborenen Stadt einen biblischen Namen gegeben: Canaan, als handelte es sich um das Gelobte Land. Es ist brüllend heiß und staubtrocken. Die Mittagssonne knallt auf die Anhöhe, der Karibikwind bläst Sandwolken durch Canaan.

          Der damalige Präsident René Préval gab das Land, das jetzt Canaan heißt, zwei Monate nach dem Beben zur Besiedlung frei, ohne die obdachlos gewordene Bevölkerung in irgendeiner anderen Art zu unterstützen. Vorherige Landeigentümer wurden weder gefragt noch entschädigt. Bis heute verhandelt die Regierung um Entschädigungen mit Vertretern jener wenigen Familien, die in Haiti so gut wie alles besitzen.

          Haiti : Amputiert und ohne Arbeit

          Durch einen der ältesten Teile von Canaan verläuft die „Rue Jerusalem“, eine Sandpiste. Hier steht Nonceint Manius in Unterhemd und Jeans vor seiner halbfertigen Hütte. „Ja, irgendwo da hinten liegen ein paar Menschen begraben“, sagt er. „Wo genau, weiß ich nicht.“ Manius war im März 2010 einer der Ersten, die nach dem Beben kamen. Sein Haus in Port-au-Prince war eingestürzt, sein Besitz zerstört. Geld, etwas Neues zu mieten, hatte er nicht. Ein Freund erzählte ihm von Prévals Versprechen. Manius zahlte nichts für sein Land. „Jeder nahm sich einfach, wo etwas frei war.“ Nach und nach baute Manius mit ein paar Freunden seine Unterkunft. Den Sand kaufte er gleich um die Ecke. Er wird in Canaan gesiebt und für die Herstellung dünnen Betons genutzt, aus dem auch in Port-au-Prince Häuser und Hütten gebaut werden, die einem weiteren Erdbeben genauso wenig standhalten würden wie damals.

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