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Haiti Insel ohne Hoffnung

12.07.2010 ·  Sechs Monate nach dem Beben in Haiti, sind die Aufräumarbeiten fortgeschritten. Was bleibt, sind die seelischen Schäden der Bewohner. Hunderttausende haben nur eine provisorische Unterkunft und befürchten Schlimmes vor der nahenden Hurrikansaison.

Von Matthias Rüb
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Warum Thomas Oriental so oft und unvermittelt auflacht, mag man zunächst nicht verstehen. Aber wenn man dem Kunsthandwerker und Hersteller von Karnevalsmasken aus Pappmaché etwas länger zuhört, dann wird rasch klar, dass der 52 Jahre alte Witwer aus Jacmel die Tragödie des verheerenden Erdbebens vor einem halben Jahr persönlich als Groteske erlebte. "Zuerst dachte ich, ein riesiger Bagger würde urplötzlich von irgendwo heranrumpeln", erinnert sich Oriental an jene Minuten, als am 12. Januar kurz vor fünf Uhr nachmittags die Erde bebte.

Die Sache mit dem Riesenbagger kommt ihm besonders absurd vor. Immer wieder lacht er auf, wenn er vom Grollen des Bebens berichtet, vom Krachen der zusammenstürzenden Häuser, von der Staubwolke, die bald alles umhüllte, von der unheimlichen Stille nach dem Beben. "Schauen Sie, meine Werkstatt und mein Laden sind fast unversehrt", sagt Oriental.

Dabei schüttelt er - immer noch lachend - den Kopf, weil doch so viele andere Ateliers an der Rue St. Anne in sich zusammensackten und befreundete Künstler und Maskenhändler unter sich begruben. Nur die Lagerräume hinter Orientals Laden haben etwas abbekommen. Dort wurden Dutzende von bunten Masken zerstört, von ihm selbst und von Künstlern in seinem Auftrag für den Karneval 2010 gefertigt.

Das Haus in Trümmern, die Familie im Krankenhaus

Nachdem er am 12. Januar den ersten Schock überwunden hatte, lief Thomas Oriental heim, wo er das Haus der Familie in Trümmern fand. Doch die Mutter war, wie sich bald herausstellte, von Nachbarn unverletzt geborgen worden. Sie hatte nur einen Schock erlitten. Man brachte sie zur Beobachtung ins Krankenhaus. Auch Orientals Frau hatte das Beben unbeschadet überstanden. Sie war gerade zu Besorgungen unterwegs und befand sich im Freien, als ringsum die Häuser zu Schuttbergen zusammensackten.

Zwei Tage später starb die Mutter im Krankenhaus. Die Ärzte konnten sich das nicht erklären. Es waren bei den Untersuchungen keine Verletzungen festgestellt worden. Am Tag der Beerdigung der Mutter starb Orientals Frau: Sie erlag - nicht unerwartet, aber plötzlich - einer schweren Krankheit. Aus der Hauptstadt Port-au-Prince kam am selben Tag die Nachricht vom Tod der Lieblingsnichte.

Das alles erzählt Oriental wie das Ereignisprotokoll einer sinnlosen Errettung, lachend und mit leerem Blick. "Ich bin noch immer schwer traumatisiert", erklärt er, was er nicht zu erklären braucht. Seit dem Beben sei es nach jeweils kaum zwei Stunden Schlaf vorbei mit der Nachtruhe: "Wenn ich nicht trinke, kann ich nicht schlafen."

Rund 500 Menschen starben in Jacmel, der pittoresken Küstenstadt im Süden Haitis mit 40.000 Einwohnern, an den Folgen des Bebens. In der besonders schwer getroffenen Hauptstadt sowie in den Vorstädten von Port-au-Prince kamen bis zu 230.000 Menschen ums Leben, mehr als 300.000 wurden zum Teil schwer verletzt.

Kein Dach über dem Kopf und seelische Schäden

Etwa 1,5 Millionen Menschen wurden obdachlos, und die meisten von ihnen haben bis heute kein festes Dach über dem Kopf. Angesichts des unermesslichen Verlusts von Menschenleben, des physischen Leids und der immensen materiellen Zerstörung mögen seelische Verwundungen wie jene von Thomas Oriental nebensächlich erscheinen. Doch sie dürften auf dem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre noch mindestens so lange lasten wie die wirtschaftlichen Folgen der Katastrophe.

Die Aufräumarbeiten sind ein halbes Jahr nach dem Beben in weiten Teilen der Hauptstadt, in der Stadt Léogâne westlich von Port-au-Prince und in unmittelbarer Nähe des Epizentrums sowie auch in Jacmel an der Südostküste weit fortgeschritten. Millionen Kubikmeter Schutt wurden aus den Städten fortgeschafft - alleine in der Hauptstadt waren nach Schätzungen von Fachleuten 63 Millionen Kubikmeter Trümmer aufgetürmt worden. Doch mancherorts wurde der Schutt einfach entlang der Straßen oder auch auf dem Mittelstreifen abgeladen, was den in Port-au-Prince und Umgebung ohnehin chaotischen Straßenverkehr weiter beeinträchtigt.

Nur ein Bruchteil der Hilfsmittel wurden freigegegeben

Vom "Wiederaufbau zum Besseren", den die Staatengemeinschaft nebst zehn Milliarden Dollar Finanzhilfe in der Aufwallung des Mitgefühls nach der Katastrophe vollmundig versprochen hatte, ist bisher wenig zu sehen. Die Vereinten Nationen sowie internationale Hilfsorganisationen beklagen, dass allenfalls ein Bruchteil der zugesagten Hilfsmittel auch freigegeben wurde.

Dass die haitianische Regierung weiterhin nur eingeschränkt arbeitsfähig sei und das Hilfsgeld kaum effizient und nachvollziehbar einsetzen könne, dürfe nicht als Vorwand für eigene Säumigkeit herhalten, warnt etwa die Deutsche Welthungerhilfe. 13 von 15 Ministeriumsgebäuden wurden zerstört, etwa ein Drittel der 60.000 Beamten Haitis sind nicht mehr am Leben.

Auch deshalb dauert die Phase der Nothilfe, die nach vergleichbaren Katastrophen etwa vier bis fünf Monate währt, in Haiti viel länger als erhofft - wohl noch weitere zwölf bis 15 Monate, wie Fachleute schätzen. Vor allem ungeklärte oder strittige Eigentumsverhältnisse an Grund und Boden hindern den Wiederaufbau oder auch nur die Errichtung von vorübergehenden Sammellagern für die Obdachlosen.

Seit Jahr und Tag wurde in Haiti und zumal in der aus allen Nähten platzenden Hauptstadt gebaut, wo immer Platz war, ohne dass Baugenehmigungen eingeholt oder Vorschriften eingehalten worden wären. Das Beben vom 12. Januar hat die Lage zusätzlich kompliziert, weil viele Katasterämter samt den Dokumenten unwiederbringlich zerstört wurden. Digitalisierte Kopien der Grundbücher gibt es in den wenigsten Fällen.

Angst vor der Hurrikansaison

Die meisten der rund 1.300 kleinen und großen provisorischen Zeltlager, die in Port-au-Prince nach dem Beben auf Plätzen und auf Brachland, in Parks und in Sackgassen errichtet wurden, bestehen bis heute. Seit Monaten wird über die Errichtung von Übergangssiedlungen mit hurrikanfesten Unterkünften debattiert, doch geschehen ist kaum etwas. Bisher ist die karibische Hurrikansaison glimpflich verlaufen, doch muss zumal im August und September und noch bis Ende November mit schweren Stürmen gerechnet werden.

Bei Überschwemmungen nach vier Hurrikanen starben allein 2008 fast 800 Menschen in Haiti; und damals gab es noch nicht die provisorischen Zeltlager mit Zehntausenden Einwohnern, die in der Nähe überschwemmungsgefährdeter Flussläufe liegen. "Die Lebensbedingungen sind für viele immer noch prekär", beklagt Stefano Zannini, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen, der in den Tagen unmittelbar nach dem Beben wohl effizientesten Hilfsorganisation.

Es gebe "eine erschütternde Kluft zwischen dem Enthusiasmus und den Hilfsversprechen der ersten Wochen und der düsteren Realität ein halbes Jahr später", sagt Zannini. Der Wiederaufbau verläuft dort, wo er stattfindet, chaotisch und ungeplant. Beim Hausbau mit minderwertigem und billigem Material werden dabei dieselben Bausünden begangen, die schon zu der hohen Zahl von Erdbebenopfern im Januar geführt hatten.

Selbst wenn er an Wiederaufbau statt ans bloße Weitermachen ohne Lebenszweck denken würde, wüsste Thomas Oriental nicht, wie er ihn bezahlen sollte. Noch sind nicht einmal die Kredite abbezahlt, die er vergangenes Jahr für Material und Löhne zum Herstellen der Karnevalsmasken aufgenommen hatte. An die Aufnahme neuer Kredite ist nicht zu denken. Der Karneval wurde in diesem Jahr abgesagt, also brauchte niemand die riesigen bunten Masken für die Umzüge.

Touristen meiden die Insel und hinterlassen eine große finanzielle Leere

In guten Jahren kamen etwa 25.000 Touristen jährlich zum Karneval, zum Festival im Mai und zum Filmfest in die Künstlerkolonie Jacmel und kauften Masken und Kunsthandwerk, Gemälde und Skulpturen. Doch jetzt verirren sich allenfalls ein paar Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in die etwa drei Autostunden von Port-au-Prince entfernte Stadt, um an den weißen Sandstränden zu baden, frischen Fisch zu essen und ein Mitbringsel zu besorgen.

Jacmel zeigt in vielerlei Hinsicht beispielhaft, was Haiti einst war, heute ist und eigentlich sein könnte. In den siebziger Jahren war die Stadt das Ziel Zehntausender zahlungskräftiger Touristen aus Nordamerika und Europa. Haiti und nicht die benachbarte Dominikanische Republik galt als karibische Traumdestination der Zukunft. Jahrzehnte von Gewaltherrschaft und Misswirtschaft, Inkompetenz und Korruption haben das Land zurückgeworfen.

Die gut ausgebaute Straße von Jacmel nach Port-au-Prince führt zunächst durchs breite Tal des Grand Rivière de Jacmel und dann hinauf in die Berge. Das Flussbett ist voller Geröll und Mutterboden. Die sanften Hügel sind kahl. Bauern versuchen mit terrassierten Kartoffelfeldern der Erosion zu trotzen. Doch immer wieder wird die Straße durch Erdrutsche blockiert. Der wirtschaftliche und ökologische Schaden, der hier über Jahrzehnte hinweg durch den Kahlschlag zur Holzkohleherstellung durch Menschenhand angerichtet wurde - er übersteigt sogar jenen der tragischen Naturkatastrophe vom 12. Januar.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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