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Haiti Hilflose Perle der Karibik

16.01.2010 ·  Auf Haiti scheinen die Folgen von Erdbeben katastrophaler als anderswo zu sein. Das liegt auch an eklatanten Eingriffen in die Natur wie etwa den abgeholzten Regenwäldern, vor allem aber an der Armut. Und an fehlendem politischem Willen.

Von Horst Rademacher
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Als Kolumbus am Weihnachtsmorgen des Jahres 1492 die Nordküste von Hispaniola betrat, tat er es nicht, um die Insel für die spanische Krone in Besitz zu nehmen. Er war vielmehr in höchster Not. Das Flaggschiff seiner ersten Reise in die Neue Welt, die nur 21 Meter lange Karacke „Santa Maria“, war auf ein Riff gelaufen und irreparabel leckgeschlagen. Ihre Besatzung fand aber für die Rückfahrt nach Spanien keinen Platz auf der „Niña“, dem zweiten, kleineren Schiff der Flotilla. So verhandelte Kolumbus an diesem Weihnachtstag mit den indigenen Einwohnern und erhielt die Erlaubnis, 39 Mann auf der Insel zurücklassen zu dürfen. Aus den Trümmern der „Santa Maria“ baute die Mannschaft notdürftig das Fort La Navidad – die erste Siedlung von Europäern in Amerika. Bevor er auf der „Niña“ in Richtung Heimat in See stach, versprach Kolumbus seinen Männern, so schnell wie möglich zurückzukehren und sie abzuholen. Als er dann elf Monate später tatsächlich wiederkam, lag das Fort in Schutt und Asche, und er fand die Leichen von elf seiner Männer in einem flachen Grab. Von den anderen fehlte jede Spur. La Navidad lag im heutigen Haiti, unweit der Hafenstadt Cap-Haïtien.

Auf den ersten Blick scheint der westliche Teil Hispaniolas wie dazu geschaffen, die Perle der Karibik zu sein. Der Nordostpassat sorgt dafür, dass das Klima in weiten Teilen des Landes das ganze Jahr über warm und angenehm ist. Die Landschaft mit ihren flachen Ebenen ist äußerst fruchtbar, hier können Zuckerrohr und Baumwolle gedeihen. An den Berghängen lassen sich Kaffee und Kakao anbauen, in größeren Höhen sollte tropischer Regenwald üppig gedeihen. Während der französischen Kolonialherrschaft exportierten die großen Plantagen auch tatsächlich viele tropische Produkte nach Europa. Mit der Unabhängigkeit im Jahre 1804 ging aber auch eine Landreform einher. Die Ländereien der Franzosen wurden parzelliert und an die einstigen schwarzen Sklaven verteilt. Diese produzierten hauptsächlich nur noch für den Eigenbedarf. Die Erbfolge sorgte dann dafür, dass die Parzellen immer noch kleiner wurden.

Schwere Überschwemmungen, starke Erosion

Wer mehr Land wollte, begann den Regenwald abzuholzen, aber ohne Dünger und intensive Pflege gaben die dadurch gewonnenen Agrarflächen bald auch nichts mehr her. Die zum Teil recht starken Tropenregen haben inzwischen allen Boden auf den Höhenzügen unwiederbringlich weggespült. Das führte auch zu starker Erosion auf den landwirtschaftlichen Anbauflächen an den unteren Berghängen, was den Ackerbau dort nahezu unmöglich machte. Heute geht kaum noch jemand auf die Felder. Für eine grundlegende Landreform fehlte in den ständigen politischen Wirren, in deren Strudel das Land seit seiner Unabhängigkeit steckt, jedoch der politische Wille.

Wegen der fehlenden Wälder führt heute fast jeder Starkregen zu schweren Überschwemmungen, nach Hurrikanen versinken oft ganze Städte. So starben im Jahr 2004 bei Überflutungen mehr als 2000 Menschen, knapp eine Viertelmillion Einwohner wurden obdachlos. Gewiss führen Beben der Magnitude 7 auch anderswo zu erheblichen Schäden. So starben im Oktober 1989 bei einem Erdbeben dieser Stärke im Großraum San Francisco 63 Menschen, an fast 15.000 Wohn- und Geschäftshäusern gab es zum Teil erhebliche Schäden. In der japanischen Hafenstadt Kobe kamen im Jahre 1995 bei einem ähnlich starken Beben 6000 Menschen um, und die Höhe der Sachschäden wurde mit 100 Milliarden Dollar angegeben.

Zu arm, zu sehr im politischen Chaos

Obwohl auch heute, fünf Tage nach den nur 15 Sekunden dauernden Erdstößen, noch niemand ein umfassendes Bild über die Folgen des Erdbebens in Haiti hat, scheinen die Auswirkungen aber katastrophaler als in anderen Erdbebengebieten zu sein. Das liegt nicht nur an der Geologie, sondern vor allem an der - um die Sprache der Versicherungsmathematiker zu benutzen - „Verwundbarkeit“ der Insel. Sie berechnen nämlich das Risiko, dass aus einem Naturereignis tatsächlich eine Naturkatastrophe wird, aus dem Zusammenspiel von Gefährdung und Verwundbarkeit. Die Gefährdung durch Hurrikans gibt es auch in anderen Teilen der Karibik. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Erde bebt, ist auf anderen Antillen noch höher als in Haiti. Aber fast überall hat man aus vergangenen Katastrophen gelernt. Jamaika hat nach den schweren Verwüstungen durch Hurrikan Gilbert im Jahre 1988 umfangreiche Maßnahmen zur Katastrophenvorsorge getroffen, neue Bauvorschriften eingeführt und deren Einhaltung überwacht. Auch Puerto Rico und die Dominikanische Republik haben nach vielen zerstörerischen Erdbeben Schritte unternommen, um sich besser davor schützen zu können. Alle drei Länder sind damit weniger verwundbar geworden.

Haiti ist aber nicht nur zu arm, es fehlen zudem sowohl der politische Wille als auch die Durchsetzungskraft, um sich gegen die unvermeidlichen Naturereignisse zu wappnen. Es gibt weder Bauvorschriften noch Katastrophenvorsorge, es gibt keine Risikoanalysen und Evakuierungspläne. Gebaut wird so, wie man es für richtig hält, oder so, wie es am billigsten ist. Solange sich diese Einstellung nicht ändert und den Einwohnern nicht beigebracht wird, sich risikogerecht zu verhalten, wird in Haiti aus jedem Hurrikan und Erdbeben eine neue Apokalypse in der Karibik.

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Jahrgang 1954, freier Autor im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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