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Haiti Ein wie von Geisterhand gepeinigtes Land

15.01.2010 ·  Beim Abschütteln von Kolonialherrschaft und Sklaverei schritt Haiti einst voran. Doch das Land verhedderte sich tiefer und tiefer in Armut, Korruption, Despotie und ruchloser Brutalität. Nichts bleibt den Haitianern erspart.

Von Josef Oehrlein
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Mitten auf der Straße lag ein menschlicher Totenschädel. Auto- und Motorradfahrer fuhren lässig im Bogen um ihn herum, als handle es sich um einen beliebigen Gegenstand, einen Stein oder einen Kanaldeckel. Keinem der Passanten fiel es ein, ihn aufzuheben und in den nahegelegenen Friedhof zu tragen. Das war damals, im Februar 2004, in der haitianischen Rebellenhochburg Gonaïves, kurz nachdem der einstige Armenpriester und Präsident Jean-Bertrand Aristide seinen Palast fluchtartig verlassen hatte. Aristides mehr oder weniger erzwungener Rücktritt hatte seinerzeit die aufgeheizte politische Lage etwas beruhigt, aber grundsätzlich nichts an der von Armut, Elend, Tod, Gewalt und Verzweiflung gezeichneten Lage des Landes geändert. Nach dem Erdbeben ließ Aristide nun aus seinem Exil in Südafrika verlauten, er wolle wieder in seine Heimat zurückkehren.

Die Stationierung von Blauhelmsoldaten aus aller Welt, vor allem aus Lateinamerika, hat seitdem einige Brennpunkte der Gewaltkriminalität etwas entschärft. Und auch ein wenig Ruhe in den Slum der „Cité Soleil“, der „Sonnenstadt“ am Rande der Hauptstadt Port-au-Prince gebracht, wo sich allerdings weiterhin Gefolgsleute und Gegner Aristides erbitterte Kämpfe lieferten. Haitis amtierender Präsident René Préval, der seit den Wahlen von 2006 - deren Ergebnisse angezweifelt werden - zum zweiten Mal regiert, hat bisher immerhin allen Widrigkeiten getrotzt. Ihm gelang es, vor allem durch seine konsequente Zusammenarbeit mit der UN-Mission, zum ersten Mal seit langem die Lage im Land ein wenig zu stabilisieren.

„Papa Doc“ und „Baby Doc“ herrschten für drei Jahrzehnte

Indes, Haiti scheint Katastrophen und Tragödien, Not und Leid regelrecht anzuziehen. Was die Politik der seit Urzeiten mit kleptokratischen Methoden regierenden Staatsoberhäupter Haitis an wenigstens halbwegs funktionierenden Strukturen bislang nicht zerrüttet hat, ist durch Naturkatastrophen beschädigt oder zerstört worden. Der großen Mehrheit der Bevölkerung, schätzungsweise 80 Prozent der Einwohner, die in Armut und Elend leben, wird so von Zeit zu Zeit auch das Wenige noch genommen, was sie besitzen.

Mehrfach haben in den vergangenen Jahren Tropenstürme den Inselstaat heimgesucht, mit besonders großer Heftigkeit im Jahr 2004 der Hurrikan „Jeanne“, der 1600 Menschen das Leben kostete. Zwei Jahre später folgten zwei weitere Unwetterkatastrophen. Das Erdbeben, das Haiti nun heimsuchte, sprengt allerdings jegliche Vorstellungskraft und scheint der leidgeprüften Bevölkerung auch noch die letzten Hoffnungen auf eine mögliche Besserung ihrer ohnehin verzweifelten Lage rauben zu wollen.

Als erster Staat, der sich 1804 im lateinamerikanisch-karibischen Raum von der Kolonialherrschaft befreite, und als Vorreiter bei der Abschaffung der Sklaverei hätte Haiti Vorbild für viele Länder in jener Weltregion werden können. Doch schon der erste Herrscher des unabhängigen Landes, Jean-Jacques Dessalines, der sich als „Jacques I.“ gar zum Kaiser des Inselstaats ausrufen ließ, wurde Opfer der Gewalt. Zwei Jahre nachdem er die Unabhängigkeit ausgerufen hatte, wurde er von eigenen Gefolgsleuten ermordet. Seitdem zieht sich eine Blutspur durch die Geschichte Haitis. Immer wieder versuchten marodierende Rebellen, Cliquen von Militärs und Kriminellen die Macht an sich zu reißen oder wenigstens Einfluss zu gewinnen, während Herrscher mit Hilfe dieser Truppen ihre Macht zu festigen suchten.

Die meisten der mehr als 60 Präsidenten, die das „unabhängige“ Haiti regierten, waren nur kurze Zeit im Amt - mit einer Ausnahme: Die beiden Duvaliers, „Papa Doc“, der frühere Landarzt François Duvalier und sein im Alter von 19 Jahren inthronisierter Sohn Jean-Claude, „Baby Doc“, brachten es zusammen auf eine drei Jahrzehnte währende Herrschaft, in der Korruption, Wahlbetrug, Bespitzelung und unerbittliche Härte gegen jede Art aufkeimender Opposition zu den Prinzipien der Regierungsführung zählten.

Skrupellos wurden die Schwarzen aufgehetzt

Das Duvalier-Regime wurde zum Inbegriff haitianischer Gewaltherrschaft. Der Diktator „Papa Doc“, der sich 1964 selbst zum Präsidenten auf Lebenszeit ernannte (er lebte noch bis 1971), ließ sich in einem wunderlichen Personenkult feiern und regelte vor seinem Tod noch seine Nachfolge. Um sicherzugehen, dass sein Sohn die Familiendiktatur weiterführt, ließ er das Mindestalter für die Übernahme der Präsidentschaft von 40 auf 18 Jahre herabsetzen. Das Regime von „Baby Doc“ wurde letztlich vom Volkszorn und auf Druck der amerikanischen Regierung des damaligen Präsidenten Ronald Reagan auf unsanfte Weise beendet: Er floh nach Frankreich ins Exil.

Skrupellos hatte sein Vater die schwarzen unteren Schichten - 90 Prozent der Haitianer sind Nachkommen ehemaliger Sklaven aus Afrika - gegen die zumeist wohlhabenderen Mulatten aufgehetzt, um seine Herrschaft zu sichern. Zu dem gleichen Zweck bediente er sich ausgiebig brutaler Milizen. Besonders gefürchtet waren die „Tontons Macoutes“ („Onkel Menschenfresser“), die politische Gegner aus dem Weg räumten. Auch „Baby Doc“ ließ diese Truppe für sich arbeiten. Zehntausende Personen wurden Opfer der politischen Verfolgung unter den Duvaliers, die sich ungeniert bereicherten. Versuche politischer Gegner, die beiden gewaltsam zu stürzen, wurden auf blutrünstige Weise niedergeschlagen.

Die Namen der Banden, die für oder gegen Regierende kämpften, waren häufig sozusagen Programm. Das bekam auch Aristide zu spüren. Er ließ im September 2003 den Anführer der sogenannten „Kannibalen-Armee“, Amiot Métayer, von seinen Gefolgsleuten ermorden, was seinen Sturz allerdings nur beschleunigte. Dabei waren die „Kannibalen“ ursprünglich eine ihm ergebene Schläger- und Kampftruppe - die nun aber endgültig die Seite wechselte: Anführer Métayer war verhaftet, bald aber von seinen Anhängern in einer spektakulären Aktion aus dem Gefängnis in Gonaïves - der Gründungsstadt Haitis und spätestens seit den Zeiten der Duvaliers die Hochburg der jeweiligen Regimegegner - befreit worden: Mit einem Bulldozer hatten seine Leute die Gefängnismauern einfach niedergerissen. Aus den „Kannibalen“ wurde eine „Befreiungs- und Widerstandsfront“ gegen Aristide, die das Gefängnis während der Wirren um den Sturz des Präsidenten gänzlich in Schutt und Asche legte.

Warum in Haiti aus François Duvalier, „Papa Doc“, einem Arzt, der eigentlich Leben schützen und bewahren soll, ein grausam mordender Diktator und aus dem Armenpriester Aristide ein Despot, der Hass und Gewalt predigt, werden konnten, lässt sich, wenn überhaupt, nur mit einem Phänomen erklären, das die gesamte haitianische Gesellschaft durchdrungen und im Bewusstsein der meisten Bewohner die Grenzen zwischen Leben und Tod, Friedfertigkeit und Gewalt, Loyalität und Feindschaft verwischt hat: Zwar ist Haiti im Grunde ein katholisches Land, doch geben drei Viertel der Bevölkerung zu, dem Voodoo-Kult zu huldigen.

Der Totengott tritt im schwarzen Anzug auf

„Papa Doc“ hatte mit dieser aus dem afrikanischen Geisterglauben abgeleiteten religiösen Praxis sogar sein Verhalten als Staatsmann begründet. Er selbst sei der „Baron Samedi“, also eine der wunderlichsten Gestalten im Pantheon der aus der christlichen Religion und afrikanischen Kulten in einem synkretistischen Prozess entstandenen, in ganz Haiti verbreiteten Kultform. Dieser „Baron Samstag“ ist ausgerechnet der Totengott, der gern im schwarzen Anzug oder als Skelett auftritt, Zigaretten raucht, Rum trinkt und ein wahrer Nimmersatt ist. Ausgerechnet der katholische Priester Aristide hatte den Voodoo-Kult mit einem Dekret zu einer staatlich anerkannten Religion erhoben.

Der Voodoo-Zauber, wie er in Haiti praktiziert wird, ist nicht grundsätzlich gewalttätig, sondern strebt viel eher nach Harmonie, auch wenn einzelne Praktiken dem europäischen Beobachter makaber vorkommen mögen. Er bietet den durch korrupte Herrscher, Not, Armut und Katastrophen geprüften Haitianern ein wenig Halt in ihrem miserablen Alltag und Erklärungen selbst für manche grausamen Vorkommnisse, weil die Götterfiguren, die sie verehren, letztlich sehr menschliche Verhaltensweisen zeigen.

Der Voodoo-Kult liefert schließlich auch eine einleuchtende Erklärung, warum Gewalt und Gegengewalt, Unterdrückung und Machtkämpfe, Morden und Marodieren in Haiti fast schon wie Rituale praktiziert werden: Alle Gegenstände, die im Voodoo eine Rolle spielen, bedeuten zwar jeweils etwas Bestimmtes, doch fast immer zugleich auch etwas anderes, bisweilen sogar das Gegenteil. Sie verwandeln sich unaufhörlich in etwas Neues. Selbst die banalsten alltäglichen Gerätschaften wie Wassergläser oder Spiegel nehmen übernatürliche Kräfte an. Im Voodoo-Kult verliert der Mensch rasch jede Art von Maß und Ziel.

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

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