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Pilgerfahrt nach Mekka : Die Politik des Pilgerns

  • -Aktualisiert am

Muslimische Pilger vollziehen den Tawaf, bei dem die Kaaba, das zentrale Heiligtum des Islam, umschritten wird. Bild: dpa

Wieder pilgern Millionen von Muslimen nach Mekka. Überschattet wird der Hadsch von politischen Spannungen in der Region und den Unglücken der vergangenen Jahre. Dafür öffnet Saudi-Arabien seine Grenzen für umstrittene Gäste.

          Abertausende von Körpern, die um den schwarzen Würfel in der Mitte wogen – am Mittwoch beginnt wieder der alljährliche Hadsch, die Pilgerfahrt der Muslime nach Mekka. Mindestens einmal im Leben sollte ein gläubiger Muslim diese unternehmen, sie ist eine der sogenannten Fünf Säulen des Islams. Mehr als zwei Millionen Muslime traten die Pilgerfahrt in diesem Jahr vor den extremen politischen Spannungen der Region an.

          Im vergangenen Jahr war es der Streit mit Iran, dieses Jahr ist es die Qatar-Krise: Ob jemand pilgern darf, hängt auch mit dessen Herkunftsland zusammen. Saudi-Arabien als Hüter der Heiligen Stätten von Mekka und Medina hat zugleich die Hoheit darüber, welche Pilger ins Land gelassen werden. So hatten Anfang Juli die Golfstaaten ihren Nachbarn Qatar isoliert und die diplomatischen Beziehungen abgebrochen. Sie warfen diesem unter anderem Terrorunterstützung vor. Die Fluglinie Qatar Airways wird weiterhin blockiert, lange war unklar, ob Pilger aus dem Emirat nach Saudi-Arabien reisen dürften.

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          Erst Mitte August ordnete der saudische König Salman an, qatarische Pilger an der Wallfahrt teilnehmen zu lassen. Pilgerreisende sollten die Grenze, die seit den Streitigkeiten zwischen den Golfstaaten geschlossen ist, ungehindert passieren können. Er wolle sogar selbst Maschinen nach Doha schicken, um Pilger abzuholen, erklärte Salman. Trotzdem kommen in diesem Jahr nur wenige Pilger aus dem kleinen Nachbarstaat zur Heiligen Stätte. 

          Dafür wird Iran in diesem Jahr wieder am Hadsch teilnehmen. Im Streit mit dem saudischen Königshaus hatte Teheran die Pilgerfahrt im Vorjahr boykottiert. Eskaliert war der Streit, nachdem Anfang des vergangenen Jahres der schiitische Geistliche Nimr al Nimr in Saudi-Arabien hingerichtet worden war.

          Aber nicht nur die politischen Spannungen überschatten die Pilgerfahrt, sondern auch die vielen Toten der vergangenen Jahre. Etwa 100.000 Sicherheitskräfte sollen während des fünftägigen Großereignisses für die Sicherheit der Pilger und einen reibungslosen Ablauf sorgen.  

          Neben der Gefahr von gewaltsamen Ausschreitungen sind besonders Massenpaniken für die Verschärfung der Sicherheitsvorgaben verantwortlich. Sie forderten in den vergangenen Jahren Tausende Tote. 2015 ereignete sich die größte Katastrophe: Etwa 2300 Menschen wurden bei einer Massenpanik am dritten Tag des Hadschs zu Tode getrampelt, genaue Zahlen gibt es bis heute nicht. Saudische Stellen sprachen von 700 Toten.

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          Die Pilger waren damals auf dem Weg zu einer symbolischen Teufelssteinigung in Mina, außerhalb der Stadt Mekka, als sich die Menschenmassen an einer Straßenkreuzung stauten und so die Panik auslösten. Bereits 2006 waren auf dem gleichen Pilgerweg zur Steinigung über 300 Menschen getötet worden. Das Steinigungsritual gilt als besonders gefährlich, da die häufig bereits erschöpften Pilger mit den eigentlich nur symbolisch verwendeten Kieselsteinen nicht immer ihr eigentliches Ziel treffen – sondern oft genug andere Pilger. Außerdem gibt es auf dem Weg mehrere Engpässe, an denen es häufig zu besonders großem Gedränge kommt.

          Unter den Toten von 2015 waren auch mehr als 450 Iraner, was die Beziehungen zwischen der Islamischen Republik und Saudi-Arabien ebenfalls belastete. Fingerzeige gab es viele, detaillierte Untersuchungen zu den Massenpaniken nicht.  Die saudischen Behörden führten die Panik von 2015 darauf zurück, dass Pilger sich nicht an die Vorschriften gehalten hätten. Teilnehmer hingegen sahen die Schuld bei den Behörden, verantwortlich seien Polizeiabsperrungen und die mangelnde Kontrolle über die Menschenmassen.

          Die Pilgerfahrt richtet sich nach dem islamischen Mondkalender, das heißt, sie rückt jedes Jahr etwa um zehn Tage weiter nach vorne, in die Sommermonate hinein. Das bedeutet: hohe Temperaturen von 40 Grad und mehr. Und Hitze verursacht im Gedränge vor allem eins – noch mehr Stress.

          Quelle: FAZ.NET

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