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Guantánamo Vertrauen oder Zwang?

03.01.2007 ·  Der nun veröffentlichte FBI-Bericht über Guantánamo spiegelt den Streit in der Regierung über Verhörmethoden: Soll man das Vertrauen der Häftlinge zu gewinnen versuchen oder sie durch Einschüchterung, gar Folter „aufweichen“?

Von Mattias Rüb, Washington
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Im Herbst 1998 verpflichtet sich Erik Saar, der soeben sein College-Studium in Marketing abgeschlossen hat, zum amerikanischen Heer. Er lässt sich ins Programm für Arabisch einschreiben, weil er sich für die Region und die Welt des Islams interessiert und dem Gespür folgt, dass solche in den Streitkräften eher seltenen sprachlichen und landeskundlichen Kenntnisse ihm einmal nützlich sein könnten. Zudem wird er für Aufklärungsaufgaben geschult.

Erik Saars Gespür täuscht ihn nicht, denn als er sich etwa vier Jahre später für einen Posten im amerikanischen Gefangenenlager Guantánamo Bay bewirbt, wird er mit offenen Armen angenommen. Sein Motiv ist Patriotismus, denn die Anschläge vom 11. September 2001 haben wie bei vielen Angehörigen der Streitkräfte auch bei ihm einen tiefen Eindruck hinterlassen: Er will mitkämpfen im aufgezwungenen Krieg gegen den Terrorismus, um Amerika und die freie Welt gegen einen gefährlichen und hinterhältigen Feind zu verteidigen.

Patriotisch und entsetzt

Von Dezember 2002 bis Juni 2003 arbeitet Saar in dem Gefangenenlager auf dem amerikanischen Marinestützpunkt auf Kuba, zunächst als Übersetzer für die Einheiten, die für die Bewachung der Gefangenen zuständig sind. Nach zwei Monaten bittet er um eine Versetzung zu jener Gruppe, die für Übersetzungsdienste für die Verhörspezialisten der Streitkräfte zuständig ist, und auch diese Bewerbung wird umgehend angenommen.

Im Frühjahr 2005 hat Saar sein (gemeinsam mit der Journalistin Viveca Novak verfasstes) Buch „Inside the Wire“ (etwa „Innerhalb des Stacheldrahts“) veröffentlicht. Es ist bis heute in der Flut der Veröffentlichungen über Guantánamo vielleicht die beste, weil es sich um eine Innenansicht ohne ideologischen Schaum handelt. Es ist eine Art Bildungsroman, in dessen Verlauf ein junger Patriot von den Methoden, die der Staat auf diesem karibischen Außenposten des Terrorkrieges gegen die dort festgehaltenen „unrechtmäßigen feindlichen Kämpfer“ anwendet, zunehmend entzaubert und am Ende nur noch entsetzt ist.

Was jetzt in dem fast 250 Seiten umfassenden Bericht der Bundespolizei FBI über die Vorgänge in dem Gefangenenlager bekannt wurde, ist im wesentlichen nichts Neues. (Siehe auch: FBI berichtet über Misshandlungen in Guantánamo) In Zeugnissen wie jenen des jungen Soldaten Erik Saar oder auch von amerikanischen Rechtsanwälten, die unentgeltlich Gefangene in Guantánamo verteidigen und deren Sache bis vor den Obersten Gerichsthof in Washington gebracht haben, werden die Angaben der Ergebnisse der internen FBI-Untersuchungen bis ins Detail bestätigt.

Die Häftlinge „aufweichen“

Eine neue Qualität erhält der Vorgang jedoch dadurch, dass es eine Bundesbehörde selbst ist, die nach einer Klage der Bürgerrechtsorganisation ACLU die Ergebnisse ihrer als geheim klassifizierten Untersuchungen bekanntgeben musste. In den vom FBI veröffentlichten Berichten, die auf der systematischen Befragung aller 493 FBI-Mitarbeiter beruhen, die in Guantánamo im Einsatz waren, sind zwar zahlreiche Stellen unkenntlich gemacht, weil keine geheimdienstlich relevanten Erkenntnisse freigegeben werden durften. Aber das Bild, das sich von der Behandlung der Gefangenen und von den Verhörmethoden gibt, ist dennoch umfassend.

Was Saar und andere beschrieben haben, ist zumal in der Frühzeit des im Januar 2002 eröffneten Lagers ein heilloses Durcheinander der Anordnungen und Zuständigkeiten. Für die sichere Verwahrung der Gefangenen sind die Streitkräfte zuständig, aber verhört werden die Verdächtigen sowohl von Angehörigen der Aufklärungseinheiten des Heeres, Mitarbeitern des Auslandsgeheimdienstes CIA und eben auch von Beamten des FBI.

Saar und andere beschreiben eindringlich den Kompetenzstreit zwischen den unterschiedlichen „Agenturen“, wobei sich als Regel erkennen lässt, dass das FBI von vielen Methoden der Vernehmer der Militärgeheimdienste und vor allem der CIA gar nichts hält. Unter der Führung des inzwischen pensionierten Heeres-Generalmajors Geoffrey Miller, dem im November 2002 die Leitung des Lagers übertragen wird, werden besondere Methoden zum „Aufweichen“ der Häftlinge angewandt. Im August 2003 wird Miller in das amerikanische Militärgefängnis Abu Ghraib westlich von Bagdad abkommandiert, wo er eine „Guantánamoisierung“ der Verhörmethoden am Kriegsschauplatz Irak durchsetzen soll - und ihm das auch mit „durchschlagendem“ Erfolg gelingt, wie der im März 2004 nach Veröffentlichung von Foto- und Videoaufnahmen aufgedeckte Folter- und Misshandlungsskandal gezeigt hat.

Keine Richtlinien, keine Erfahrung

Wie weit die persönliche Verantwortung Millers reicht, ist in der Debatte über die Behandlung von Gefangenen im Krieg gegen den Terrorismus umstritten. Viel spricht dafür, dass Miller ohne ausdrückliche Anweisung oder Genehmigung des Pentagons - mithin vom damaligen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld - die „harten“ Verhörmethoden, die von vielen als schiere Folter gebrandmarkt werden, nicht hätte zulassen oder anordnen können.

Zwei strukturelle Probleme lassen sich beim Umgang der amerikanischen Regierung mit den im Terrorkrieg gefassten „unrechtmäßigen feindlichen Kämpfern“ unterscheiden. Zuerst gab es keine Richtlinien und keine Erfahrung, wie man mit Führern und Mitläufern des Terrornetzes Al Qaida, der radikal-islamischen Taliban in Afghanistan und später der Aufständischen im Irak umgehen sollte: Was sind Gefangene in diesem neuen Krieg, in welchem der Feind den Bruch aller Gesetze und Regeln der überkommenen Kriegführung zum Prinzip macht? Erst musste der Oberste Gerichtshof im Juni 2006 die vom Präsidenten eingesetzten Militärtribunale als verfassungswidrig erklären und der Kongress im Oktober darauf ein Gesetz erlassen, um das von der Exekutive erlassene provisorische Regelwerk zu ersetzen und zu verstetigen.

Zum zweiten gab es von Beginn an einen Widerstreit zweier Denkschulen, wie aus mutmaßlichen Terroristen - und zumal aus Führungsfiguren - „geheimdienstlich relevante“ Informationen herauszubekommen seien, die zur Vereitlung geplanter Anschläge und mithin zur Rettung von Menschenleben würden führen können. Das FBI scheint von Beginn an die gleichsam klassische Vernehmerposition vertreten zu haben, wonach durch Zwang, Einschüchterung, gar Folter keine nützlichen Informationen zu erlangen seien. Vielmehr müsse der Vernehmer in einem langen Prozess das Vertrauen des Vernommenen zu gewinnen versuchen. Dem stand die bei einigen in der CIA und auch bei den Militärgeheimdiensten anerkannte Denkschule gegenüber, wonach Zwangsmittel wie Schlafentzug, simuliertes Ertränken und anderes, dazu die kulturell und religiös „aufgeladene“ Demütigung der Gefangenen statthaft und zielführend seien.

Beschimpfungen und Verfluchungen

Saar, dessen Buchmanuskript vom Pentagon durchgesehen und an einigen Stellen geschwärzt beziehungsweise modifiziert wurde, beschreibt nüchtern und eindringlich, wie eine Vernehmerin eines militärischen Geheimdienstes bei einem Verhör im Frühjahr 2003 das Gesicht eines gefesselten Gefangenen mit roter Farbe beschmiert und ihm sagt, das sei ihr Menstruationsblut. Der „Ertrag“ des Verhörs waren nichts als Beschimpfungen und Verfluchungen des angesichts der vermeintlichen Verunreinigung sichtlich verzweifelten Gefangen, die Saar Wort für Wort übersetzt und hernach sein Missfallen kundtut.

In Guantánamo und anderswo scheint sich seit vielleicht zwei Jahren die erste Denkschule durchgesetzt zu haben: Vertrauen statt Zwang. Jedenfalls lässt die Lagerführung seither bei geführten Besuchen von Journalisten in dem Lager die „Vertrauensmethode“ als einzig nutzbringende Herangehensweise verkünden. Und man gibt zu, dass von den meisten der „Schlimmsten der Schlimmen“, die man nach offizieller Darstellung in Guantánamo Bay festhält, heute nur noch wenige nützliche Informationen zu erhalten seien - weder durch Zwang noch durch Vertrauen. Weil die vielen „kleinen Fische“ nichts Relevantes wissen, können sie auch nichts sagen.

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