09.03.2006 · Auszüge aus einem Protokoll der Anhörungen im Gefangenenlager Guantánamo erzählen viel. Etwa wie ein 16 Jahre alter Afghane dorthin kam. Doch die gut 5000 nun veröffentlichten Seiten verbergen auch viel.
Die Protokolle der Anhörungen vor Militärtribunalen im Gefangenenlager Guantánamo, die das Pentagon vergangenes Wochenende nach Anordnung eines New Yorker Bundesrichters veröffentlicht hat, enthüllen viel. Sie umfassen immerhin gut 5000 Seiten. Zugleich verbergen sie aber auch viel.
Es handelt sich um die Mitschriften der Einvernahmen von nur 317 Häftlingen vor den sogenannten „Combatant Status Review Tribunals“ (CSRT) von Ende 2004 sowie den „Administrative Review Boards“ (ARB) vom Dezember 2005. Insgesamt wurden seit Eröffnung des Lagers Ende 2002 dort etwa 760 Männer festgehalten, die Zahl der Gefangenen beträgt derzeit rund 490. Seit September 2004 wurden keine neuen Verdächtigen mehr nach Guantánamo gebracht.
Die CSRT und die ARB sind Militärtribunale, deren Einrichtung von amerikanischen Zivilgerichten angeordnet wurde. Ihre Aufgabe ist, zu prüfen, ob noch ausreichend Verdachtsmomente bestehen, die als „unrechtmäßige feindliche Kämpfer“ bezeichneten Gefangenen weiter festzuhalten. Die Anhörungen vor Militärrichtern und Offizieren finden in den Räumen eines Verwaltungsgebäudes außerhalb des eigentlichen Gefangenenlagers in dem amerikanischen Marinestützpunkt Guantánamo Bay auf Kuba statt.
Gefangene nicht mit Gewalt vorgeführt
Die Mitschnitte und Protokolle der Verhöre im Gefangenenlager durch Vernehmer des Auslandsgeheimdienstes CIA, der militärischen Abwehrdienste oder auch der Bundespolizei FBI bleiben weiter geheim. Die jetzt veröffentlichten Konvolute, die auf der Website des Pentagons zugänglich sind (Siehe: www.defenselink.mil), enthalten nur die Anhörungen von Gefangenen, die zur Zusammenarbeit mit den Tribunalen bereit waren; Gefangene wurden den Tribunalen nicht mit Gewalt vorgeführt.
Eine kursorische Durchsicht der Dokumente legt den Schluß nahe, daß vor allem jene Gefangenen, die sich von der Zusammenarbeit ihre Freilassung erhofften, zur Aussage bereit waren. Meist stellen sie sich als Mitläufer dar, die irgendwo in Afghanistan oder in Pakistan zur falschen Zeit am falschen Platz waren. 86 Prozent der Gefangenen von Guantánamo wurde nicht von den amerikanischen Streitkräften festgenommen, sondern von deren örtlichen Verbündeten - oder von Kopfgeldjägern, die es auf die von den Amerikanern ausgesetzte Belohnung abgesehen hatten.
„Denn das ist meine Pflicht“
In den Protokollen finden sich indes auch einige eindeutige Fälle, etwa jener von Ghassan Abdallah Ghazi al Shirbi, der aus Saudi-Arabien stammt: „Ehrlich gesagt, bin ich nicht hierher (ins Gerichtsgebäude) gekommen, um mich selbst, sondern um die islamische Nation zu verteidigen,“ sagt er. „Denn das ist meine Pflicht, und diese habe ich zu erfüllen.“
Die amerikanischen Offiziere halten ihm vor, er habe in Ausbildungslagern von Al Qaida trainiert, sei mehrfach „beim Plaudern und Lachen wie unter Freunden mit Usama Bin Ladin beobachtet“ worden und sei zudem die rechte Hand des 2002 verhafteten Al-Qaida-Chefrekrutierers Abu Zubaydah gewesen. Al Shirbi widerspricht nicht: „Der Status als feindlicher Kämpfer bedarf keiner Überprüfung durch ein Gericht. Für mich ist es eine Ehre, in dieser Welt bis zu meinem Ende so betrachtet zu werden. Gott sei mein Zeuge.“
Im folgenden dokumentieren wir in Auszügen die Anhörung des afghanischen Gefangenen Qari Esmhatulla, die repräsentativ für die Mehrzahl der Anhörungen sein dürfte. Der Paschtune war im März 2002 bei der amerikanischen Offensive „Operation Anaconda“ in den Bergen Ostafghanistans festgenommen worden. Die Anhörung des Gefangenen mit der Identifikationsnummer „ISN 591“ fand im Dezember 2005 statt. Über eine mögliche Freilassung Esmhatullas ist nichts bekannt.