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Großbritanniens Armee-Pläne : Militärmacht auf dem Weg ins Abseits

  • -Aktualisiert am

Die HMS Queen Elizabeth soll Großbritanniens Rolle in der Welt untermauern. Bild: Reuters

Großbritannien möchte trotz Brexit globale Militärmacht werden. Doch dieser Anspruch ist überzogen und könnte die Rolle des Landes in der Nato untergraben.

          Während Großbritanniens Politik und Wirtschaft vom Brexit gebeutelt werden, scheint eines unabänderlich: Die wichtige Stellung des Vereinigten Königreichs als Nato-Militärmacht für die Sicherheit Europas. Neben Frankreich ist es das einzige westeuropäische Land, das mittels atomar bewaffneter U-Boote über die nukleare Erst- und Zweitschlagsfähigkeit verfügt. Die British Army führt das Nato-Bataillon in Estland, zur Rückversicherung der Osteuropäer, die sich von Russland bedroht sehen. Auch die hohe Qualität der militärischen Ausbildung ist allgemein anerkannt. So lässt die Deutsche Marine ihre Schiffe für die Seekriegsführung bei einer Ausbildungseinrichtung der Royal Navy zertifizieren.

          Mit der Abkoppelung von Europa bekommt dieser Wehrbeitrag eine neue Stoßrichtung: „Die Sicherheitspolitik soll auch der Brexit-Prosperitätsagenda dienen, das Land als globale Macht aufzustellen – nicht nur als spezialisierte Militärmacht im europäischen Verbund“, sagt Sophia Besch, Expertin für Sicherheitspolitik am Center for European Reform in London.

          Allerdings steht dieser Kurs unter keinem guten Stern. Das zeigt das Projekt „Warfighting Division“ – ab 2025 will der Inselstaat ein schlagkräftiges Expeditionskorps von rund 40.000 Mann entsenden können; optimiert für den Landkrieg gegen Staaten mit modernen Streitkräften. Hauptadressat des Vorhabens ist Russland. Mit dem geplanten gewichtigen Wehrbeitrag will Großbritannien seinen Einfluss als Militärmacht in Europa und der Nato ausbauen.

          Ausblick düster

          Ein ambitioniertes Vorhaben für die kleine British Army; deren Sollstärke seit 2010 von 102.000 auf 82.000 Soldaten abgeschmolzen wurde. Um die Warfighting Division aufzustellen, müssten nicht nur diese 82.000 Berufssoldaten, sondern auch 30.000 Reservisten verfügbar sein, so die Planer des Verteidigungsministeriums. Doch beide Rekrutierungsziele werden seit Jahren nicht erreicht. An eine Trendwende glauben selbst die regierenden Konservativen nicht, von denen das Projekt „Warfighting Division“ stammt. Im jüngsten Wahlprogramm der Konservativen war das Bekenntnis zu einer Kernarmee von 82.000 Mann plötzlich nicht mehr enthalten.

          Auch beim Material für den geplanten Großverband ist der Ausblick düster. Die Zeitung „The Times“ berichtete aus einer Studie der britischen Armee, die den neuen Schützenpanzer Ajax als ungeeignet für den modernen Landkrieg bezeichnet. Gegen den Beschuss mobiler Pulks von Mörsern und Raketenwerfern aus russischer Produktion, erfolgreiche Kampftaktik der Separatisten im Ukraine-Konflikt, wäre der Ajax zu schwach gepanzert. Es fehlen zudem Transportschiffe und -flugzeuge, um den Großverband schnell und umfassend zum Einsatz zu bringen. Dies gelänge den britischen Streitkräften nicht eigenständig, sondern nur im Verbund mit Nato-Verbündeten.

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          Zudem finden sich die Beschaffungskosten eines neuen gepanzerten Infanterie-Transporters, der vorgesehen ist, noch immer nicht im Wehretat. Dieser steht massiv unter Druck. Großbritannien hat zahlreiche Rüstungsprojekte, wie Flugzeugträger, neue Fregatten oder Überwachungsflugzeuge aufgelegt. Deren Finanzierung ist aber zu niedrig kalkuliert, wie eine Studie des Rechnungshofs zeigt. Mit fast 52 Milliarden Euro Verteidigungsausgaben rühmt sich London, dass Zwei-Prozent-Ziel der NAT0 zu erfüllen. Doch müsste das Land wohl mehr als drei Prozent investieren, um den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Denn um das neue Material im Plan zu halten, sind die Streitkräfte dazu verdammt, im Alltag  zu sparen – bis zu elf Milliarden Euro in den kommenden Jahren, schätzen britische Militärfachleute.

          Globaler Anspruch

          So plant die British Army, ihre Spähfahrzeuge vom Typ Foxhound aus den Einheiten zu ziehen, um sie nur noch bei dringendem Bedarf, wie Einsätzen, zuzuweisen. Das senkt die Betriebskosten. Dasselbe Vorgehen wird seit Langem bei der Bundeswehr kritisiert. Verbrämt unter der Bezeichnung „dynamisches Verfügbarkeitsmanagement“, nutzen es die deutschen Streitkräfte, um ihre Materialmängel zu übertünchen. Inzwischen schmilzt das britische Wehrressort auch die Stückzahlen der Neuanschaffungen ab. Offiziell angekündigt war die Anschaffung von 50 Apache-Kampfhubschraubern neuen Typs, um das alte Modell zu ersetzen; geordert wurden vor Kurzem aber nur 38. Der amerikanische Kampfhubschrauber zur Panzerbekämpfung wäre essentiell, um dem Projekt „Warfighting Division“ Glaubwürdigkeit zu verleihen. Dass der Großverband kommen wird, ist unwahrscheinlich. Ein massives Defizit bei Personal und Material sprechen dagegen.

          Der Foxhound (links) soll nur noch für Einsätze verfügbar sein.

          Der Mangel an Ressourcen macht die Konzeption einer globalen Militärmacht auch strategisch gefährlich, wie ein weiteres Wehrprojekt zeigt. Um von der EU unabhängiger zu werden, möchte Großbritannien seinen Handel mit Asien massiv ausweiten. Dafür will sich London als Anlehnungsmacht kleinerer asiatischer Länder wie Singapur empfehlen, die nach Partnern suchen, um den erdrückenden Einfluss Chinas zu kontern. Als entscheidender Hebel dieser Strategie wird der Einsatz zweier Flugzeugträger im Pazifik geplant. Der Bau der „Queen Elizabeth“ und der „Prince of Wales“ ist das Leuchtturmprojekt Londons, sich als Militärmacht mit globalem Aktionsradius aufzuwerten. Mit den Trägern will sich die Royal Navy an der Seite der amerikanischen Marine als Hüterin der Handelsseewege profilieren, über welche die Warenströme zwischen Asien und dem Westen verlaufen. Laut Marineplanung sollen die Träger Anfang der 2020er Jahre einsatzbereit sein.

          Dieses Ausgreifen in den Pazifik bedeutet aber zwangsläufig eine Verminderung britischen Engagements im „Nato-Gewässer“ Atlantik. Denn die Flugzeugträger binden künftig wegen ihrer Schutzverbände aus Schiffen und U-Booten rund 30 Prozent der Royal Navy, so der britische Rechnungshof. Zudem wird die britische Flotte wohl schrumpfen.

          Die Hauptbedrohungen sind im Süden und Osten

          So erreichen die 13 Fregatten vom Typ-23 der Royal Navy bald ihre Altersgrenze. Zu Beginn der 2020er Jahre, wenn der Einsatz der Träger-Kampfgruppe geplant ist, sollen sie durch die neuen Typ-26-Fregatten ersetzt werden. Deren Bauprogramm hängt jedoch dem Zeitplan hinterher und die Anzahl wurde von 13 auf 8 Schiffe verringert, wegen der immensen Kosten. Eine abgespeckte Fregatten-Variante namens 31 soll dafür mit fünf bis sechs Einheiten kommen. Die Finanzierung ist aber nicht gesichert.

          Hinzu kommt: Die Typ-45-Zerstörer, spezialisiert auf Flugabwehr, kämpfen noch sieben Jahre nach ihrer Einführung mit technischen Mängeln. Ab 2018 soll ein großes Moderniesierungsprogramm anlaufen, das Jahre dauern wird. Zum Schutz der Träger vor Luftangriffen stünden diese Kriegsschiffe nur eingeschränkt zur Verfügung.

          Die Zerstörer vom Typ 45 haben immer noch technische Probleme.

          In der Folge heißt das für die britische Marine: Um Geleitschutzverbände für ihre Träger zu bilden, müsste sie ihr maritimes Engagement, zum Beispiel in Nato-Flottenverbänden, herunterfahren oder bei verbündeten Marinen, wie der Deutschen, um Unterstützung bitten. Das wird jene kaum begeistern, schließlich können die Deutschen kaum ihre eigenen Operationen mit Schiffen bedienen.

          Ebenfalls problematisch aus Nato-Sicht dürfte sein: Im Pazifik Flagge zu zeigen, betrachten einzelne Allianz-Mächte wie Frankreich zwar als wichtig, von erstrangiger Bedeutung für die Nato ist aber der Schutz der transatlantischen Verbindungen zu den Vereinigten Staaten und Europas Glacis aus Randmeeren. Denn als Hauptbedrohung gelten Russland und der Krisengürtel von Afrika bis in den Mittleren Osten. Dem tragen andere wichtige Nato-Militärmächte Rechnung. So positioniert sich die Deutsche Marine als Partner der verbündeten Ostseeanrainer, Italien strebt eine Führungsrolle im Mittelmeer an. Im Nato-Interesse wäre ein Fokussierung der  Royal Navy auf ihre traditionelle Domäne, den Nordatlantik. Hier überlegt die Nato derzeit, ein Nordatlantik-Arktis-Kommando einzurichten. Damit will die Allianz besser für den Konfliktfall mit Russland gewappnet sein – Nachschub und Unterseedatenkabel sollen geschützt werden. Für die Briten wird es aber schwierig, sich hier militärisch zu profilieren. Denn für die dort gefragten Überwachungsaufgaben sind nicht Träger nötig, sondern Patrouillenschiffe und U-Boote.

          Projekte nicht tragfähig

          Was die Briten nicht mehr leisten, könnte andere Nato-Länder einbringen und so ihre Rolle in der Allianz aufwerten. Ein Beispiel ist Kanada. Anfang Juni erließ das Nato-Mitglied ein neues Weißbuch. Das erklärte Hauptziel ist, sich als Militärmacht in der Nato zu profilieren, um deren multilaterale Sicherheitsarchitektur zu stärken. Als wichtigstes Rüstungsprojekt sollen 15 neue Überwasserkampfschiffe beschafft werden. Der Pazifik-Kurs mit Flugzeugträgern birgt für Großbritannien somit die Gefahr, in seiner wichtigsten Sicherheitsallianz zugunsten anderer Staaten an Einfluss zu verlieren.

          Zumal den Briten bis jetzt Konzepte fehlen, ihre schwindenden militärischen Fähigkeiten auf lange Sicht zu erhalten, sagt Christian Mölling, Militärfachmann der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin: „In der Nato setzen die Briten auf Kooperationen, die kurzfristig operationelle Kräfte zusammenraffen wie die Joint Expeditionary Force; die aber keine Langzeitperspektive haben, wie zum Beispiel Deutschlands Rahmennationenkonzept.“ Mit der sogenannten Joint Expeditionary Force bündelt Großbritannien seit 2014 Einsatzkontingente von Nato-Partnern. Das deutsche Rahmennationen-Konzept verfolgt das Ziel, dass größere Nato-Staaten mit kleineren die militärischen Fähigkeiten aufteilen. Der Größere beispielsweise die Armeelogistik und Kommandostrukturen stellt; ein kleinerer Partner die Flugabwehr.

          Eine solche Rolle als Nato-Rahmennation wäre für das Vereinigte Königreich die wertvollere sicherheitspolitische Perspektive als die Brexit-Agenda einer globalen Militärmacht. Deren militärischen Projekte sind nicht tragfähig. Die dafür nötigen finanziellen Mittel sind nicht vorhanden und werden es auch nicht sein. Egal ob die Regierung Theresa Mays in Bälde strauchelt und die Labour-Party unter Jeremy Corbyn an die Macht kommt. Die beiden großen Parteien haben ein sozialeres Großbritannien versprochen. Die Menschen wollen Milliardeninvestitionen in das marode Gesundheitssystem sehen, keine massive und dauerhafte Erhöhung der Verteidigungsausgaben.

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