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Aktualisiert: 30.07.2017, 14:53 Uhr

Großbritanniens Armee-Pläne Militärmacht auf dem Weg ins Abseits

Großbritannien möchte trotz Brexit globale Militärmacht werden. Doch dieser Anspruch ist überzogen und könnte die Rolle des Landes in der Nato untergraben.

von Björn Müller
© Reuters Die HMS Queen Elizabeth soll Großbritanniens Rolle in der Welt untermauern.

Während Großbritanniens Politik und Wirtschaft vom Brexit gebeutelt werden, scheint eines unabänderlich: Die wichtige Stellung des Vereinigten Königreichs als Nato-Militärmacht für die Sicherheit Europas. Neben Frankreich ist es das einzige westeuropäische Land, das mittels atomar bewaffneter U-Boote über die nukleare Erst- und Zweitschlagsfähigkeit verfügt. Die British Army führt das Nato-Bataillon in Estland, zur Rückversicherung der Osteuropäer, die sich von Russland bedroht sehen. Auch die hohe Qualität der militärischen Ausbildung ist allgemein anerkannt. So lässt die Deutsche Marine ihre Schiffe für die Seekriegsführung bei einer Ausbildungseinrichtung der Royal Navy zertifizieren.

Mit der Abkoppelung von Europa bekommt dieser Wehrbeitrag eine neue Stoßrichtung: „Die Sicherheitspolitik soll auch der Brexit-Prosperitätsagenda dienen, das Land als globale Macht aufzustellen – nicht nur als spezialisierte Militärmacht im europäischen Verbund“, sagt Sophia Besch, Expertin für Sicherheitspolitik am Center for European Reform in London.

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Allerdings steht dieser Kurs unter keinem guten Stern. Das zeigt das Projekt „Warfighting Division“ – ab 2025 will der Inselstaat ein schlagkräftiges Expeditionskorps von rund 40.000 Mann entsenden können; optimiert für den Landkrieg gegen Staaten mit modernen Streitkräften. Hauptadressat des Vorhabens ist Russland. Mit dem geplanten gewichtigen Wehrbeitrag will Großbritannien seinen Einfluss als Militärmacht in Europa und der Nato ausbauen.

Ausblick düster

Ein ambitioniertes Vorhaben für die kleine British Army; deren Sollstärke seit 2010 von 102.000 auf 82.000 Soldaten abgeschmolzen wurde. Um die Warfighting Division aufzustellen, müssten nicht nur diese 82.000 Berufssoldaten, sondern auch 30.000 Reservisten verfügbar sein, so die Planer des Verteidigungsministeriums. Doch beide Rekrutierungsziele werden seit Jahren nicht erreicht. An eine Trendwende glauben selbst die regierenden Konservativen nicht, von denen das Projekt „Warfighting Division“ stammt. Im jüngsten Wahlprogramm der Konservativen war das Bekenntnis zu einer Kernarmee von 82.000 Mann plötzlich nicht mehr enthalten.

Auch beim Material für den geplanten Großverband ist der Ausblick düster. Die Zeitung „The Times“ berichtete aus einer Studie der britischen Armee, die den neuen Schützenpanzer Ajax als ungeeignet für den modernen Landkrieg bezeichnet. Gegen den Beschuss mobiler Pulks von Mörsern und Raketenwerfern aus russischer Produktion, erfolgreiche Kampftaktik der Separatisten im Ukraine-Konflikt, wäre der Ajax zu schwach gepanzert. Es fehlen zudem Transportschiffe und -flugzeuge, um den Großverband schnell und umfassend zum Einsatz zu bringen. Dies gelänge den britischen Streitkräften nicht eigenständig, sondern nur im Verbund mit Nato-Verbündeten.

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Zudem finden sich die Beschaffungskosten eines neuen gepanzerten Infanterie-Transporters, der vorgesehen ist, noch immer nicht im Wehretat. Dieser steht massiv unter Druck. Großbritannien hat zahlreiche Rüstungsprojekte, wie Flugzeugträger, neue Fregatten oder Überwachungsflugzeuge aufgelegt. Deren Finanzierung ist aber zu niedrig kalkuliert, wie eine Studie des Rechnungshofs zeigt. Mit fast 52 Milliarden Euro Verteidigungsausgaben rühmt sich London, dass Zwei-Prozent-Ziel der NAT0 zu erfüllen. Doch müsste das Land wohl mehr als drei Prozent investieren, um den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Denn um das neue Material im Plan zu halten, sind die Streitkräfte dazu verdammt, im Alltag  zu sparen – bis zu elf Milliarden Euro in den kommenden Jahren, schätzen britische Militärfachleute.

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