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Großbritannien : Überraschende Wende im Konflikt um junges Schachgenie

  • -Aktualisiert am

Shreyas Royal (rechts) auf einem internationalem Schachturnier mit dem Schachweltmeister Magnus Carlsen. Bild: privat

Die Geschichte von Shreyas Royal schien eigentlich aussichtslos. In vier Wochen sollte seine Familie nach Indien ausreisen – weil das Visum seines Vaters ausläuft. Die Solidarität mit dem Neunjährigen war groß. Jetzt reagierte auch das Innenministerium, wie FAZ.NET erfuhr.

          Er ist neun Jahre alt, wurde in Indien geboren, hat fast sein ganzes Leben in Südlondon verbracht – und sollte jetzt mit seiner Familie wieder nach Indien abgeschoben werden, weil das Visum seines Vaters nicht verlängert worden war. Das Schicksal von Shreyas Royal klingt eigentlich nach einer zwar traurigen, aber normalen Geschichte. Doch Shreyas hat ein besonderes Talent: In seiner Altersklasse ist er unter den vier besten Schachspielern der Welt, 2016 hat er bei seinem ersten internationalen Wettbewerb in Griechenland die Silbermedaille der Schach-Europameisterschaften gewonnen.

          2012 zog Shreyas’ Vater, Jitendra Singh, mit seiner Familie von Bangalore ins über 8000 Kilometer entfernte London. Er hatte bei einem IT-Dienstleister eine Stelle als Projektmanager erhalten – zunächst für ein Jahr befristet, ebenso das Visum für die Familie. Doch Singh hatte Glück und bekam ein Visum für weitere fünf Jahre. Das läuft aber diesen September aus und die Aussichten auf ein neues Visum waren bislang minimal. Auch Shreyas hätte dann nicht bleiben dürfen.

          Doch jetzt hat die Geschichte eine positive Wendung genommen. Vermutlich wegen der medialen Präsenz des kleinen Talents in den letzten Tagen und seinen zahlreichen Fürsprechern hat das britische Innenministerium der indischen Familie erlaubt, sich für ein permanentes Visum zu bewerben. „Heute haben wir die Nachricht vom Innenministerium erhalten, dass wir unseren Aufenthalt verlängern dürfen“, sagte Singh gegenüber FAZ.NET. Die Familie darf sich sofort für das Tier-2-Visum bewerben und muss damit nicht im September ausreisen. Singh darf auch seinen Job in London behalten.

          Höchste Konzentration: Shreyas Royal während eines Schachspiels

          Wegen seines herausragenden Talents hatten sich der englische Schachverband und auch Politiker für Shreyas und das Schicksal seiner Familie eingesetzt. „Das ist Bürokratie, die verrückt geworden ist“, sagte der Präsident des englischen Schachverbands, Dominic Lawson, laut der New York Times. England habe schon lange kein Schachtalent mehr hervorgebracht. „Unser bester Spieler ist in seinen Vierzigern.“ Lawson verfasste einen Brief an den britischen Innenminister Sajid Javid, in dem steht, der neun Jahre alte Shreyas sei „Englands bester Junioren-Spieler in seiner Generation“. 

          Herausragende Sportler können in England immigrieren

          Auch zwei Abgeordnete der Labour-Partei wollten sich nicht damit abfinden, dass das junge Schachtalent bald zurück nach Indien muss. Rachel Reeves und Matthew Pennycook haben deshalb ebenfalls einen Brief an Javid geschrieben. „Großbritannien sollte nicht sein leuchtendes junges Talent abschieben“, schrieb Reeves. In einem Tweet verbreitete sie das Schreiben. „Das Vereinigte Königreich ist das einzige Zuhause, das Shreyas kennt.“ Ihr Land sollte immer die besten und talentiertesten Menschen der Welt dazu ermutigen, in Großbritannien zu arbeiten. „Das Land wird ein überragendes Talent verlieren“, heißt es weiter. Sie forderten, dass der Innenminister eingreift und Shreyas und seiner Familie das Recht gibt, im Land zu bleiben.

          Eigentlich hat Großbritannien ein Einwanderungsgesetz, das besonders begabten Menschen genau ein solches Recht einräumt. Es gilt für Talente in den Bereichen Wissenschaft über Ingenieurwesen bis hin zu Mode und auch für sportlich Begabte. Doch nicht alle Sportarten werden hierbei berücksichtigt. Zwar sind Randsportarten wie Yoga oder Snooker darin festgeschrieben, Schach aber nicht. Doch gerade jetzt, kurz vor dem Brexit, wollte Großbritannien eigentlich Talente anwerben – aus Angst vor der Isolation durch den Austritt aus der Europäischen Union. Doch Shreyas schien das bis zum Freitag nicht geholfen zu haben.

          Das Innenministerium und die Staatsministerin für Immigration Caroline Nokes machten der indischen Familie keine Hoffnungen. „Es gibt keinen Weg innerhalb der Gesetze, der Herr Singh und seiner Familie erlaubt, im Land zu bleiben“, sagte Nokes als Antwort auf die Bestrebungen des Schachverbands. Auch ein Sprecher des Innenministeriums sagte, Singhs Visum sei „kein Weg zum Niederlassen.“

          Ist das Gehalt des Vaters das Problem?

          Die Labour-Abgeordneten Reeves und Pennycook sahen das Problem in der Gehaltsgrenze von Shreyas' Vater. Wenn er mehr als 120.000 Pfund im Jahr verdiente, könnte er bleiben, schrieben sie in ihrem Brief an den Innenminister. Doch auch das verneinte ein Sprecher des Ministeriums: „Es ist keine Option das Visum sofort zu verlängern, wenn die fünf Jahre um sind – egal, wie viel die Person verdient.“

          Auch wenn Singh noch immer auf eine persönliche Reaktion von Innenminister Javid wartet, kann er sich jetzt freuen. Wäre sein Visum im September abgelaufen, hätte er das Land verlassen müssen und hätte sich nicht für eine neue Aufenthaltserlaubnis bewerben dürfen. Mit der Erlaubnis des Innenministeriums darf er sich jetzt aus England für das permanente Visum bewerben.

          Der kleine Shreyas verstand die ganze Zeit nicht, warum er und seine Familie England hätten verlassen müssen. „Er fragt viel, warum wir jetzt zurück nach Indien müssen. Hier ist der einzige Ort, den er kennt“, sagte sein Vater vor der Entscheidung des Innenministeriums. Anfang der Woche sagte Shreyas in einem Radio-Interview der BBC auf die Frage, warum er so gut im Schachspielen sei: „Ich arbeite hart. Ich denke, das ist der einzige Grund.“

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