Home
http://www.faz.net/-gq5-741us
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Großbritannien Schmutzige Onkels

 ·  Der Moderator Jimmy Savile galt den Briten als Aushängeschild. Nach seinem Tod wurde er als Sexualstraftäter entlarvt - nun droht er andere mitzureißen, auch die geachtete „Tante BBC“.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (3)
© picture alliance / empics Damals war er noch Symbol britischer Selbstidentifikation: Jimmy Savile als schriller BBC-Moderator

Immer wenn Jimmy Savile Prince Charles besuchte, erwartete die Damen im kronprinzlichen Vorzimmer ein feuchtes Ritual. „Er ging ins Büro, nahm die Hände der jungen Frauen und benetzte mit seinen Lippen den Arm.“ In den Sommern, erinnert sich Dickie Arbiter, ein früherer Pressesprecher des Königshauses, wurde Savile noch zudringlicher, denn nun waren die Arme der Mitarbeiterinnen nackt: „Er fuhr seine Unterlippe aus und strich mit ihr bis ganz nach oben.“

Jimmy Savile, Britanniens gefeiertem Fernsehstar, war keine Tür verschlossen, nicht einmal die zu den Windsors. Er sah, wen er sehen wollte, und alle sahen, was er trieb. Viele verbuchten seine Anzüglichkeiten und Übergriffe als Marotten eines Exzentrikers, aber manchen war auch unwohl. Am Sonntag berichtete ein Diplomat in der „Andrew Marr Show“, wie Savile einmal im Außenministerium auftrat und die Anwesenden befremdete. „Ist nicht das Problem, dass wir alle tief in unserem Inneren wussten, dass etwas komisch war an Jimmy Savile?“, fragte der Diplomat. „Vorsicht!“, brauste da ein anderer Studiogast, ein Finanzmanager, auf: „An vielen Menschen ist etwas komisch, aber das macht sie doch nicht gleich zu Kinderschändern und Pädophilen!“

Britannien diskutiert einen Fall, der an sensible Fragen rührt, vielleicht sogar an Aspekte des nationalen Selbstverständnisses. Ein „soul searching“ habe er ausgelöst, schrieb der „Daily Telegraph“ - eine Seelensuche. Jimmy Savile war mehr als ein Entertainer, der für Generationen zum Fernsehinventar gehöre. „Aus seltsamen, Dickens'schen, schrullig-britischen Gründen wurde Jimmy Savile zu einer exzentrischen, aber scheinbar stolzen britischen Institution“, schrieb der (amerikanische) Medienjournalist Michael Wolff im „Guardian“ und wagte die These: „Er war die kulturelle Norm, nicht ihre Anomalie.“

Hunderte Minderjährige missbraucht

Savile verkörperte den britischen Non-Konformisten, den Typus, der über den Konventionen stand und eben auf seine Weise Gutes beizutragen schien: als überdrehter Unterhalter, der Millionen Zuschauer vor den Bildschirm lockte, aber auch als Wohltäter, der Millionen Pfund mobilisierte, um Kindern in Not zu helfen. In gewisser Weise diente er der nationalen Selbstidentifikation: Über den erfolgreichen Entertainer mit den schrillen Outfits und der Zigarre in der Hand vergewisserten sich die Briten auch, dass sie sich von anderen Gesellschaften abhoben, dass sie toleranter waren, liberaler. Nun ist dieser Held - ein Jahr nach seinem Tod - tief gestürzt, und geforscht wird nicht nur nach dem Ausmaß seiner Untaten, sondern auch danach, was und wen er mit sich reißen könnte.

An Hunderten minderjähriger Mädchen, auch an einigen Jungen, soll sich Savile in den fast fünf Jahrzehnten seiner Karriere vergangen haben. Ein Sonderstab der Polizei nimmt noch immer neue Zeugenaussagen auf. Savile missbrauchte seine Opfer in den Krankenhäusern und Kinderheimen, für die er Geld gesammelt hatte, und in BBC-Garderoben und Redaktionsräumen, dort also, wo er sein Geld verdiente. Seit ein Beitrag des Fernsehsenders ITV, begleitet von Zeitungsberichten, die Affäre Anfang Oktober ins Rollen gebracht hat, rätselt die Öffentlichkeit, warum so lange geschwiegen wurde, wer Savile Zugang zu den jungen Patienten verschaffte, wer dafür verantwortlich war, dass ihm sogar der Hauptschlüssel für eine geschlossene Psychiatrie ausgehändigt wurde.

Die meisten Fragen aber richten sich an Saviles Arbeitgeber, die BBC. Einige formulierte der Vorsitzende des „BBC-Trusts“, Lord Patten, persönlich: „Kann es wirklich sein, dass niemand wusste, was er tat? Hat jemand über kriminelle Handlungen hinweggesehen? Wurden Berichte darüber ignoriert oder in den Papierkorb geworfen?“ Und, offensichtlich die Hierarchen der Sendeanstalt vor Augen: „Sind einige den Verdachtsmomenten lieber nicht nachgegangen, wegen der Popularität dieses Kriminellen?“

Ein kritischer Film wurde nicht ausgestrahlt

Genährt wird das Misstrauen durch die Absetzung eines Fernsehbeitrags, in dem erstmals einige von Saviles Missbrauchsopfern zu Wort gekommen sind. Der von BBC-Journalisten recherchierte Film hätte im vergangenen Dezember, wenige Wochen nach dem Tod des Entertainers, in der Sendung „Newsnight“ ausgestrahlt werden sollen und wurde aus bislang ungeklärten - „redaktionellen“ - Gründen aus dem Programm genommen. Der damals zuständige Redaktionsleiter hat sich inzwischen von seinen Pflichten entbinden lassen, aber der Verdacht steht im Raum, dass er auf Geheiß höherer, wenn nicht höchster Ebenen gehandelt hat.

BBC-Generaldirektor Georg Entwistle, vormals Chef der Fernsehabteilung, steht unter Beschuss - ebenso dessen Vorgänger Mark Thompson, der die Anstalt kurz vor dem Bekanntwerden des Skandals verlassen hatte, um den Verlag der „New York Times“ zu führen. Zwei Untersuchungen leitete Entwistle inzwischen ein, eine zu den Vorgängen in der „Newsnight“-Redaktion, eine weitere, weitreichendere, zur Kultur des Senders, die Savile jahrzehntelang unbeschadet hat walten lassen. Ergebnisse will die Vorsitzende der Kommission, eine ehemalige Richterin, im Dezember vorstellen. In der vergangenen Woche musste sich Entwistle schon einmal den bohrenden Fragen des Kulturausschusses im Unterhaus stellen. Er gab zu, von der Absetzung des Enthüllungsberichts gewusst zu haben, den Hintergründen aber nicht nachgegangen zu sein. Die Reaktion der Sender-Führung wird weithin als ungeschickt wahrgenommen. Für manche ist die BBC, früher liebevoll „Auntie“ - Tantchen - genannt, schon zum „schmutzigen Onkel“ geworden.

„Schlimmste Krise der BBC“

Von der „schlimmsten Krise, an die ich mich in meinen fast 50 Jahren bei der BBC erinnern kann“, sprach die Reporter-Legende John Simpson. Tatsächlich scheint der Fall Savile den Sender tiefer zu erschüttern als die „Irak-Affäre“, die die BBC vor acht Jahren in die Negativ-Schlagzeilen brachte. Damals war in einem Bericht behauptet worden, die Regierung von Tony Blair habe die Öffentlichkeit bewusst über die Zustände im Irak getäuscht, um den Krieg zu rechtfertigen. Nach einer Untersuchung durch den Richter Lord Hutton blieb nicht viel übrig von dem Bericht und der damalige BBC-Chef Greg Dyke musste gehen.

Wenn es vor acht Jahren um journalistische Sorgfalt, um Glaubwürdigkeit und politische Neutralität - tragende Säulen der BBC - ging, geht es diesmal um das Gebäude an sich, um das Klima der Institution. Kenner des Senders erwarten, dass im Laufe der Untersuchungen das schwierige Verhältnis zwischen den BBC-Journalisten und den Verwaltungsbossen zutage treten wird. Letztere seien im Funkhaus sogar verhasster als der Medienunternehmer Rupert Murdoch, wird gefrotzelt. Kritik ziehen nicht zuletzt die undurchsichtigen Entscheidungsstrukturen auf sich. Ein Mitarbeiter verglich die BBC neulich mit dem Vatikan - „nur mit mehr Kardinälen“.

Zwischen Aufklärungseuphorie und Hexenjagd

Die oppositionelle Labour Party fordert inzwischen die Zusammenlegung aller Ermittlungen unter dem Dach einer einzigen großen Untersuchungskommission, die dann sozusagen einen nationales Tribunal abhalten soll. Aber die Aufklärungseuphorie stößt nicht überall auf Zustimmung. Eingewendet wird unter anderem, dass die Hauptperson seit einem Jahr tot ist und sich nicht mehr verteidigen kann. Selbst wenn Einzelnen Versäumnisse, vielleicht sogar Hilfestellungen für Savile nachgewiesen werden könnten, würde all dies lange zurückliegen - und mit seinem libertinären Klima sei die BBC eben auch ein Spiegelbild der späten sechziger, siebziger und achtziger Jahre gewesen.

Zu erkennen sind sogar Anflüge einer grundsätzlichen Aufklärungsmüdigkeit. Seit einigen Jahren beugen sich auf der Insel unzählige Kommissionen über alle möglichen Arten von Verfehlungen - von Parlamentariern, die ihre Diäten überzogen, über Journalisten, die Prominente abhörten, bis zu Bankern, die Zahlen fälschten. Selbst törichte Bemerkungen eines Fußballschiedsrichters gegenüber einem Spieler mit Migrationshintergrund werden mittlerweile zu einem Aufklärungsgegenstand, der zahlreiche Ermittler beschäftigt.

Der Kolumnist Simon Jenkins macht in der britischen Öffentlichkeit eine „Boulevardisierung“ aus, die in immer schnellerer Abfolge Opfer und gesetzliche Verschärfungen erwarte. Die „Hexenjagd gegen Jimmy Savile“, schrieb er unlängst, treibe das Land in die „Orwellsche Hölle“ - und meinte damit die wachsende Kontrolle des öffentlichen Raums, in dem sich die Menschen immer defensiver verhielten. Vermutlich werde die BBC nur durch „Selbstdemütigung“ überleben und in Zukunft nie wieder eine junge Frau in die Nähe eines männlichen Moderators lassen, polemierte Jenkins, der selbst zu den Fernsehgesichtern der BBC gehört.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1965, politischer Korrespondent in London.

Jüngste Beiträge

Lammert muss protestieren

Von Eckart Lohse

Bundestagspräsident Lammert will dem Endlagergesetz nicht zustimmen. Mit Recht. Es droht eine Selbstentmachtung des obersten deutschen Parlaments. Mehr 1 2