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Großbritannien Schmutzige Onkels

Der Moderator Jimmy Savile galt den Briten als Aushängeschild. Nach seinem Tod wurde er als Sexualstraftäter entlarvt - nun droht er andere mitzureißen, auch die geachtete „Tante BBC“.

© picture alliance / empics Vergrößern Damals war er noch Symbol britischer Selbstidentifikation: Jimmy Savile als schriller BBC-Moderator

Immer wenn Jimmy Savile Prince Charles besuchte, erwartete die Damen im kronprinzlichen Vorzimmer ein feuchtes Ritual. „Er ging ins Büro, nahm die Hände der jungen Frauen und benetzte mit seinen Lippen den Arm.“ In den Sommern, erinnert sich Dickie Arbiter, ein früherer Pressesprecher des Königshauses, wurde Savile noch zudringlicher, denn nun waren die Arme der Mitarbeiterinnen nackt: „Er fuhr seine Unterlippe aus und strich mit ihr bis ganz nach oben.“

Jochen Buchsteiner Folgen:    

Jimmy Savile, Britanniens gefeiertem Fernsehstar, war keine Tür verschlossen, nicht einmal die zu den Windsors. Er sah, wen er sehen wollte, und alle sahen, was er trieb. Viele verbuchten seine Anzüglichkeiten und Übergriffe als Marotten eines Exzentrikers, aber manchen war auch unwohl. Am Sonntag berichtete ein Diplomat in der „Andrew Marr Show“, wie Savile einmal im Außenministerium auftrat und die Anwesenden befremdete. „Ist nicht das Problem, dass wir alle tief in unserem Inneren wussten, dass etwas komisch war an Jimmy Savile?“, fragte der Diplomat. „Vorsicht!“, brauste da ein anderer Studiogast, ein Finanzmanager, auf: „An vielen Menschen ist etwas komisch, aber das macht sie doch nicht gleich zu Kinderschändern und Pädophilen!“

Britannien diskutiert einen Fall, der an sensible Fragen rührt, vielleicht sogar an Aspekte des nationalen Selbstverständnisses. Ein „soul searching“ habe er ausgelöst, schrieb der „Daily Telegraph“ - eine Seelensuche. Jimmy Savile war mehr als ein Entertainer, der für Generationen zum Fernsehinventar gehöre. „Aus seltsamen, Dickens'schen, schrullig-britischen Gründen wurde Jimmy Savile zu einer exzentrischen, aber scheinbar stolzen britischen Institution“, schrieb der (amerikanische) Medienjournalist Michael Wolff im „Guardian“ und wagte die These: „Er war die kulturelle Norm, nicht ihre Anomalie.“

Hunderte Minderjährige missbraucht

Savile verkörperte den britischen Non-Konformisten, den Typus, der über den Konventionen stand und eben auf seine Weise Gutes beizutragen schien: als überdrehter Unterhalter, der Millionen Zuschauer vor den Bildschirm lockte, aber auch als Wohltäter, der Millionen Pfund mobilisierte, um Kindern in Not zu helfen. In gewisser Weise diente er der nationalen Selbstidentifikation: Über den erfolgreichen Entertainer mit den schrillen Outfits und der Zigarre in der Hand vergewisserten sich die Briten auch, dass sie sich von anderen Gesellschaften abhoben, dass sie toleranter waren, liberaler. Nun ist dieser Held - ein Jahr nach seinem Tod - tief gestürzt, und geforscht wird nicht nur nach dem Ausmaß seiner Untaten, sondern auch danach, was und wen er mit sich reißen könnte.

An Hunderten minderjähriger Mädchen, auch an einigen Jungen, soll sich Savile in den fast fünf Jahrzehnten seiner Karriere vergangen haben. Ein Sonderstab der Polizei nimmt noch immer neue Zeugenaussagen auf. Savile missbrauchte seine Opfer in den Krankenhäusern und Kinderheimen, für die er Geld gesammelt hatte, und in BBC-Garderoben und Redaktionsräumen, dort also, wo er sein Geld verdiente. Seit ein Beitrag des Fernsehsenders ITV, begleitet von Zeitungsberichten, die Affäre Anfang Oktober ins Rollen gebracht hat, rätselt die Öffentlichkeit, warum so lange geschwiegen wurde, wer Savile Zugang zu den jungen Patienten verschaffte, wer dafür verantwortlich war, dass ihm sogar der Hauptschlüssel für eine geschlossene Psychiatrie ausgehändigt wurde.

Die meisten Fragen aber richten sich an Saviles Arbeitgeber, die BBC. Einige formulierte der Vorsitzende des „BBC-Trusts“, Lord Patten, persönlich: „Kann es wirklich sein, dass niemand wusste, was er tat? Hat jemand über kriminelle Handlungen hinweggesehen? Wurden Berichte darüber ignoriert oder in den Papierkorb geworfen?“ Und, offensichtlich die Hierarchen der Sendeanstalt vor Augen: „Sind einige den Verdachtsmomenten lieber nicht nachgegangen, wegen der Popularität dieses Kriminellen?“

Ein kritischer Film wurde nicht ausgestrahlt

Genährt wird das Misstrauen durch die Absetzung eines Fernsehbeitrags, in dem erstmals einige von Saviles Missbrauchsopfern zu Wort gekommen sind. Der von BBC-Journalisten recherchierte Film hätte im vergangenen Dezember, wenige Wochen nach dem Tod des Entertainers, in der Sendung „Newsnight“ ausgestrahlt werden sollen und wurde aus bislang ungeklärten - „redaktionellen“ - Gründen aus dem Programm genommen. Der damals zuständige Redaktionsleiter hat sich inzwischen von seinen Pflichten entbinden lassen, aber der Verdacht steht im Raum, dass er auf Geheiß höherer, wenn nicht höchster Ebenen gehandelt hat.

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